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Gerhart Baum (FDP) zum Tod von Helmut Schmidt
"Umweltschutz war für ihn kein Thema"

Helmut Schmidt sei eine moralische Instanz, ein Pragmatiker und Krisenmanager gewesen, sagte Gerhart Baum (FDP), der unter Schmidt Innenminister war, im DLF. Während seiner Kanzlerschaft habe Schmidt die grüne Bewegung allerdings unterschätzt. Umweltschutz sei für ihn kein Thema gewesen.

Gerhart Baum im Gespräch mit Christiane Kaes | 11.11.2015
    Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD, r) sitzt 1980 auf der Regierungsbank im Bonner Bundestag und liest den General-Anzeiger. Bundesaußenminister Hans Dietrich Genscher (FDP, M) liest mit. Links Innenminister Gerhart Baum (FDP).
    Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD, r) sitzt 1980 auf der Regierungsbank im Bonner Bundestag und liest den General-Anzeiger. Bundesaußenminister Hans Dietrich Genscher (FDP, M) liest mit. Links Innenminister Gerhart Baum (FDP). (dpa/picture-alliance/ DB Bundespresseamt)
    Politisch waren sich Helmut Schmidt und sein Innenminister Gerhart Baum (FDP) nicht immer einig: "Ich war ihm zu liberal und zu links, dennoch hat er mich gewähren lassen", erinnert sich Baum im DLF. Als Innenminister habe Schmidt ihn nicht daran gehindert, "Reparaturen am Rechtsstaat vorzunehmen" und unter anderem eine Liberalisierung des Radikalenerlasses herbeizuführen.
    Schmidts Haltung während der Zeit des RAF-Terrors bezeichnete Baum als alternativlos. Schmidt habe eine harte Haltung vertreten, und für ihn sei es ausgeschlossen gewesen, "Mörder auf freien Fuß zu setzen". Was nicht unbedingt Schmidts Sache gewesen sei, sei, das Verhältnis zwischen Politik und der jungen Generation wieder in Ordnung zu bringen, sagte Baum weiter.
    Nach seiner Amtszeit habe Schmidt sich durch seine politischen Analysen großen Respekt verschafft und es fortgesetzt, Politik in größeren Zusammenhängen zu denken. Diese Zeit sei mindestens genauso wichtig gewesen wie seine Amtszeit als Kanzler.

    Lesen Sie hier das gesamte Interview:
    Christiane Kaess: Deutschland trauert um Helmut Schmidt. Der Altkanzler wird quer über alle Parteigrenzen als großer Staatsmann gewürdigt. Bundespräsident Gauck nennt ihn einen "Mann der Tat, des klaren Gedankens und des offenen Wortes." Eine seiner schwierigsten Zeiten als Kanzler war der sogenannte deutsche Herbst, also der Terrorismus der RAF. Darüber sprechen möchte ich jetzt mit Gerhart Rudolf Baum von der FDP, zwischen 1972 und 1978 zunächst Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesinnenministerium und dann von 1978 bis _82 selbst Bundesinnenminister. Guten Morgen, Herr Baum.
    Gerhart Rudolf Baum: Guten Morgen.
    Kaess: Hatten Sie noch Kontakt zu Helmut Schmidt in den letzten Jahren?
    Baum: Selten. - Selten. - Aber ich habe ihn eben wahrgenommen wie wir alle als einen Menschen, der uns noch etwas zu sagen hatte. Er hatte eine Rolle in dieser Republik nach dem Ausscheiden aus seinen Ämtern und das ist ja selten bei Politikern.
    Moralische Instanz und Weltdeuter
    Kaess: Welche Rolle?
    Baum: Die Rolle, ich will mal sagen, eines Weltdeuters. Er war eine moralische Instanz. Er hat sich zu wichtigen Fragen der Tagespolitik geäußert und damit auch etwas bewegt in dieser Republik, und das, finde ich, war in den letzten Jahren sehr wichtig, denn es gab ja Phasen der absoluten politischen Dürre.
    Kaess: Schauen wir auf den deutschen Herbst. Schauen wir auf den RAF-Terror, eine der schwierigsten Krisen der Bundesrepublik. Was war Helmut Schmidts Rezept, mit der RAF umzugehen?
    Baum: Ja. Er hat das gemacht, was eigentlich ohne Alternative war. Als Schleyer entführt war, hat er eine harte Haltung vertreten, und das war sicherlich sehr schwer auch gegenüber den Angehörigen, aber wir waren bedroht und es war absolut ausgeschlossen, Mörder wieder auf freien Fuß zu lassen. Er hat eine harte Haltung eingenommen. Ob er ein Verständnis gehabt hat für das Umfeld, in dem wir uns damals befanden, also in dieser Reform- und Aufbruchsstimmung, die ja die Ära Brandt gekennzeichnet hat, das möchte ich bezweifeln. Ich habe mich an seinem Kabinettstisch eigentlich wohl gefühlt und ich war ja, wenn Sie so wollen, ein Reformliberaler. Ich war ihm auch irgendwo zu liberal und zu links. Dennoch hat er mich gewähren lassen. Ich kam ja später ins Amt kurz danach, nach dem Herbst 1977, und er hat mich nicht daran gehindert, Reparaturarbeiten am Rechtsstaat vorzunehmen, Abschaffung des Radikalenerlasses und so weiter. Man konnte mit ihm gut umgehen.
    "Er hat die grüne Bewegung unterschätzt"
    Kaess: Sie haben gesagt, das Verständnis für die Umbrüche, das hat er vielleicht nicht so gehabt. Woran machen Sie das fest?
    Baum: Na ja. Umweltschutz war für ihn kein Thema. Ich war ja auch Umweltminister, hatte da meine Schwierigkeiten mit ihm. Und er hat die grüne Bewegung unterschätzt und er hatte auch wenig Verständnis für die Menschenrechtskomponente in der Außenpolitik. Auch darüber haben wir gestritten. Übrigens man konnte mit ihm streiten. Man musste mit ihm streiten. Er wollte das auch. Kabinettssitzungen waren Foren lebhaften Gedankenaustausches. Und er hat ja auch im Parlament gestritten. Er war ein glänzender Rhetoriker, hat mit Strauß gestritten. Das waren Höhepunkte des Parlamentarismus.
    Schmidt war bei der RAF-Krise der Macher
    Kaess: Sie haben die harte Linie gegenüber der RAF angesprochen. Das war ja nicht immer so. Zuerst hat Schmidt ja noch davor Verhandlungsbereitschaft gezeigt. Zeigt das, dass da auch viel Verunsicherung im Spiel war, vielleicht auch sogar Überforderung?
    Baum: Ja. Bei uns allen, muss man ehrlich sagen. Mit einem solchen Phänomen einer politisch motivierten Kriminalität, da hatten wir überhaupt keine Erfahrung, und es gab Überreaktionen. Schmidt war eben der Macher, der Pragmatiker, der Krisenmanager. Er war auch in dieser Situation der Krisenmanager. Aber wichtig war auch damals, das Verhältnis zur jungen Generation wieder in Ordnung zu bringen, das Schaden genommen hatte, nicht zu den Terroristen, und das war nicht unbedingt seine Sache.
    "Ich habe ihm kein Misstrauen ausgesprochen"
    Kaess: Der Bruch der sozialliberalen Koalition 1982, diese Wende von Genscher und Lambsdorff hin zur CDU, hat Schmidt Ihnen da auch leidgetan?
    Baum: Ja. Ich habe ihm ja bis zum Schluss, wenn Sie so wollen, die Treue gehalten. Ich habe am Misstrauensvotum nicht teilgenommen, ich habe ihm kein Misstrauen ausgesprochen und ich habe ihn insofern bewundert, als er eine Sache, nämlich den NATO-Doppelbeschluss, ein ganz wichtiges Element der Außenpolitik, zu seiner Sache gemacht hat. Ein bisschen so ähnlich wie Frau Merkel jetzt mit der Flüchtlingspolitik. Wenn ein Politiker etwas zu seiner Sache aus Überzeugung macht und dann auch die Konsequenzen zieht - das war ja im Grunde letztlich der auslösende Moment für den Verlust seiner Kanzlerschaft -, dann nötigt mir das Respekt ab.
    Kaess: Und dieser Bruch, wie hat ihn das emotional getroffen?
    Baum: Mich hat das sehr stark getroffen.
    Bruch mit der FDP hat ihn emotional getroffen
    Kaess: Nein, Herrn Schmidt.
    Baum: Herrn Schmidt auch. Natürlich, natürlich. Es gab objektive Umstände, die einen Bruch irgendwann hätten unausweichlich machen müssen, aber so wie das geschehen ist, auch gegenüber dem Wähler, auch gegenüber den liberalen Wählern, haben wir, meine Freunde und ich, das nicht mitgemacht. Wir hätten gerne die Kanzlerschaft von Helmut Schmidt verlängert und wir haben uns ja auch dann verweigert gegenüber Angeboten, in der Regierung Kohl mitzuwirken.
    Kaess: Was ist denn für Sie die Erklärung, warum er beim älter werden dann immer noch mehr Autorität bekommen hat, obwohl er eigentlich ja nur acht Jahre regiert hat, also kürzer als Helmut Kohl, viel kürzer als Helmut Kohl?
    Baum: Na gut, er war frei. Aber auch schon zur Amtszeit hat er ja kein Blatt vor den Mund genommen. Er hatte ja die liebevolle Kennzeichnung "Schmidt Schnauze". Aber er war frei und er hat wirklich fortgesetzt, Politik in größeren Zusammenhängen zu denken. Er war ein überzeugter Europäer. Er hat den europäischen Zusammenschluss für unverzichtbar gehalten. Er war ein Weltökonom. Er hat die Wirtschaftspolitik in die größeren Zusammenhänge der Globalisierung gestellt. "Raubtierkapitalismus" hat er ganz früh gesagt, weit vor der Finanzkrise. Mit diesen Analysen hat er sich großen Respekt verdient und das ist beinahe so wichtig wie seine Amtszeit.
    Kaess: Zum Tod von Helmut Schmidt war das Gerhart Rudolf Baum von der FDP, ehemals Bundesinnenminister. Danke für dieses Gespräch heute Morgen.
    Baum: Guten Morgen.
    Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.