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StartseiteInterviewPädagogin fordert Unterstützungsangebote - auch an weiterführenden Schulen18.04.2021

Gering literalisierte ErwachsenePädagogin fordert Unterstützungsangebote - auch an weiterführenden Schulen

Weite Teile der deutschen Bevölkerung können nicht zufriedenstellend lesen und schreiben. Einfache Texte sind für sie schon eine große Hürde. Mehr als die Hälfte der Betroffenen sind Menschen, die Deutsch als Muttersprache gelernt haben, sagte die Pädagogin Cordula Löffler im Dlf.

Cordula Löffler im Gespräch mit Michael Köhler

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Auf einen Dokument wurde im Unterschriftsfeld statt des Namens drei Mal der Buchstabe X eingetragen. (imago stock&people)
Für gering literalisierte Erwachsene sind Alltagsdinge wie Behördenschreiben eine Herausforderung (imago stock&people)
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In den industrialisierten Ländern und auch in Deutschland gibt es, was man bis vor einigen Jahren noch funktionalen Analphabetismus nannte. "Vata hat feiramt" - wenn ein Kind lautgerecht schreibt, würde man schmunzeln. Das wird sich legen. Doch nicht wenige Erwachsene können nur beschränkt lesen oder schreiben. Um die sieben Millionen Menschen seien davon in Deutschland betroffen, sagte die Pädagogin und Germanistin Cordula Löffler, die an der Pädagogischen Hochschule im baden-württembergischen Weingarten lehrt. Man sei von dem Begriff funktionale Analphabeten aber weggekommen. "Da steckt das Wort Analphabeten drin und das ist schon stigmatisierend. Auch funktional, das kann nicht jeder einordnen. Man spricht jetzt von gering literarisierten Erwachsenen", sagte Cordula Löffler im Dlf.

Menschen mit Deutsch als Muttersprache betroffen

Das seien dann tatsächlich Erwachsene, die nur einzelne Buchstaben, einzelne Wörter und vielleicht auch kurze Sätze lesen und schreiben könnten. Aber es gelinge ihnen nicht, Texte zu lesen, ohne dass sie dabei Schwierigkeiten hätten. Auch könnten sie nicht immer den Sinn entnehmen. Mehr als die Hälfte der Betroffenen sind Menschen mit Deutsch als Erstsprache. "Menschen, die an dieser Untersuchung teilgenommen haben, haben Deutsch gut verstehen können und eigentlich auch gut sprechen können. Wir hatten also keine Menschen mit geringen Deutschkenntnissen in dieser Untersuchung", sagte Cordula Löffler.

Analphabetismus gilt oft als Tabu

Die wenigsten besuchen aber einen Kurs. "Das braucht viele Mut und die Hemmschwelle ist groß", weiß Cordula Löffler. Viele würden sich schämen zuzugeben - auch vor sich selbst -, dass sie ein Problem hätten. Andere würden ohne Schriftsprache einigermaßen zurechtkommen. Sie hätten Hilfe von anderen Menschen. Am Smartphone würde viele Sprachnachrichten satt SMS schicken. Man könne sich durchmogeln.


Eine weibliche Hand mit Kugelschreiber schreibt in der Volkshochschule Rostock bei einem Analphabten-Grundkurs in ein Heft. (picture alliance / Bernd Wüstneck)Analphabeten-Grundkurs an der Volkshochschule (picture alliance / Bernd Wüstneck)Die Scham, nicht lesen und schreiben zu können
Viele Erwachsene in Deutschland können nicht richtig schreiben und lesen. Es gibt viele Initiativen, die den Betroffenen helfen möchten. Doch es ist schwer, sie zu erreichen.

Rechtschreibung als korrigierende Kontrollinstanz

Mit Blick auf die Rechtschreibung betonte die Pädagogin, dass diese unterschätzt wird. "Wir brauchen sie zum schnellen Lesen. Wenn jeder schreibt, wie er will, dann wird das Lesen schwer. Und wir wollen alle beim Lesen schnell erfassen können, was geschrieben steht und dafür brauchen wir die Rechtschreibung", sagte Löffler.

Viele Schulabgänger haben Probleme mit dem Lesen und Schreiben

Jedes Jahr gebe es leider einen nicht geringen Teil von Schülerinnen und Schülern, welche die Schule ohne Abschluss verlassen. "Wir wissen, dass bei diesen Schülerinnen und Schülern eben mindestens 50 Prozent große Probleme mit dem Lesen und Schreiben lernen haben. Woran wir arbeiten müssen, sind die Unterstützungsangebote - auch in den weiterführenden Schulen, also auch in der Sekundarstufe I brauchen wir diese, damit die Schülerinnen und Schüler nicht mit geringen Lese- und Schreibfähigkeiten die Schule verlassen und Gefahr laufen, als gering literalisierte Erwachsene leben zu müssen", sagte Cordula Löffler.

Prävention beginnt schon im Kindergarten

Die Prävention beginne schon im Kindergarten. Kinder würden auf die gesprochene Sprache zurückgreifen, wenn sie lesen und schreiben lernen. "Das heißt, eine gute Sprach- und Wortschatzförderung im Kindergarten ist auch hilfreich für den Erwerb der Schriftsprache", so Löffler. Auch Vorlesen sei wichtig. In der Grundschule würde sich die Prävention in den ersten Klassen durch Diagnostik fortsetzen. "Es gibt sehr schöne Beobachtungsaufgaben, bei denen bestimmte Wörter geschrieben werden müssen, in denen man sehr schnell erkennen kann, ob Kinder Schwierigkeiten haben", sagte Cordula Löffler.

Die Professorin für Sprachliches Lernen im Fach Deutsch an der Pädagogischen Hochschule Weingarten nannte folgendes Beispiel: Kinder würden in der ersten Klasse Mäuse am Anfang mit oi schreiben, weil Mäuse wie oi klingen würde. Später lernten sie dann für oi schreibe man eu. Dann würden sie Mäuse mit eu schreiben. Noch später würden sie die Mäuse dann mit äu schreiben, weil sie wissen würden, es komme von Maus. Dafür brauchten sie aber Zeit. "Ich kann nicht von Kindern erwarten, dass sie am Anfang der ersten Klasse die Mäuse mit äu schreiben. Ich kann ihnen das auch nicht eintrichtern, das bringt überhaupt nichts. Kinder nähern sich an, genauso wie sich Kinder in der gesprochenen Sprache auch langsam annähern dürfen", sagte Cordula Löffler im Dlf.

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