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StartseiteInterview"Im Mittelpunkt steht die Sicherung der Arbeitsplätze"30.04.2020

Gewerkschaften und Corona"Im Mittelpunkt steht die Sicherung der Arbeitsplätze"

Arbeitsplatz- und Einkommenssicherheit sowie Gesundheitsschutz, das seien die Fragen, die Arbeitnehmer derzeit beschäftigten, sagte IG-Metall-Vorsitzender Jörg Hofmann im Dlf. Die Gewerkschaften müssten jetzt nicht Verzicht üben, sondern diese Fragen beantworten und solidarisches Handeln organisieren.

Jörg Hofmann im Gespräch mit Silvia Engels

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Stahlarbeiter im Stahlwerk der B.E.S. Brandenburger Elektrostahlwerke GmbH in Brandenburg an der Havel. (imago images / photothek / Felix Zahn)
"Wie verträgt sich Pandemie und Arbeiten? Was bedeutet das an Gesundheitsschutzmaßnahmen konkret? Das sind die Themen, wo sich die Gewerkschaften beschäftigen", so IG-Metall-Chef Hofmann (imago images / photothek / Felix Zahn)
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Jörg Hofmann, der Chef der größten Einzelgewerkschaft in Deutschland, der IG Metall, gibt im Interview mit dem Dlf seine Einschätzung, was das für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Deutschland bedeutet. Zudem äußert er sich zu innergewerkschaftlicher Solidarität in der Coronakrise und wie es sich anfühlt, unter Kontaktbeschränkungen den 1. Mai, den Tag der Arbeit, zu begehen.


Silvia Engels: Die IG Metall hat in der Krise ja schon signalisiert, dass es ihr in erster Linie nun um die Sicherung von Arbeitsplätzen in der Branche gehen soll. Sie wollen aber dennoch eine Lohnerhöhung über der Inflationsrate mit den Arbeitgebern erzielen. Wie soll das angesichts dieser, gerade von mir noch mal erwähnten Zahlen überhaupt gehen?

Jörg Hofmann: Wir haben ja für die Metall- und Elektroindustrie schon die Entgeltrunde beendet - im März dieses Jahres mit einer kurzen Laufzeit nur bis Ende des Jahres, um einfach abwarten zu können, wie entwickelt sich die Wirtschaft weiter - und haben dort mit einem Einmalbetrag den Inflationsausgleich versucht zu sichern. In anderen Branchen ist das uns auch gelungen. Aber klar im Mittelpunkt steht jetzt im Moment die Sicherung der Arbeitsplätze und die Perspektive von sicheren Arbeitsplätzen und verlässlichen Einkommen auch nach vorne.

Engels: Ist es jetzt an den Gewerkschaften, Verzicht zu üben?

Hofmann: Ich glaube, es geht nicht um Verzicht, sondern es geht darum, die Fragen, die den Menschen sich aufdrängen, jetzt zu beantworten. Das sind aus meiner Diskussion mit vielen natürlich die hohe Unsicherheit, wie geht es weiter mit meinem Arbeitsplatz, die hohe Unsicherheit, was bedeutet Kurzarbeit für mich, auch für unser Einkommen, und natürlich ganz zentral die Frage: Wie verträgt sich Pandemie und Arbeiten, was bedeutet das an Gesundheitsschutzmaßnahmen konkret? Das sind die Themen, wo sich die Gewerkschaften beschäftigen, weil die Kolleginnen und Kollegen sich damit beschäftigen.

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"Die Kurzarbeit trägt bis dato in vielen Bereichen"

Engels: Arbeitssicherheit ist sicher ein großes Thema, aber viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer haben natürlich jetzt eine immer stärker werdende Sorge um ihren Arbeitsplatz. Die IG Metall hat aufgrund der jahrzehntelangen Wirtschaftskraft der Metall- und Elektrobranche regelmäßig hohe Abschlüsse für ihre Mitglieder erzielt. Trotz der Krise stehen da dementsprechend die Arbeitnehmer hier gut da. In anderen Gewerkschaften sieht das anders aus, weit vorne zum Beispiel Gewerkschaften wie Nahrung, Genuss, Gaststätten. Gibt es hier Möglichkeiten auch einer innergewerkschaftlichen Solidarität vielleicht?

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Hofmann: Ich glaube, zunächst mal ist die größte Solidaritätsaktion, die wir alle miteinander auch angestrengt haben, dass man jetzt als Krisenreaktion nicht auf Entlassungen setzt, sondern auf das Instrument der Kurzarbeit. Das Instrument der Kurzarbeit trägt bis dato in vielen Bereichen der Wirtschaft, obwohl wir nahezu in manchen Sektoren kompletten Abbruch vermelden können. Und Kurzarbeit sichert nicht nur Arbeitsplätze, sondern sichert auch Einkommen.

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Die zweite gemeinsame Anstrengung, die wir über alle Branchen gemacht haben, war nun das: Wie kann man über eine Erhöhung des Kurzarbeitgeldes die Einkommen sichern, gerade auch im unteren Einkommensbereich. Das ist solidarisches Handeln in der Krise, dass wir auch Rücksicht nehmen nicht nur auf die Fragen der Arbeitsplatzsituation, sondern dass auch die Menschen natürlich mit einem verlässlichen Einkommen ihre Familie ernähren müssen und am Monatsende das auch ausreichend sein muss, die laufenden Ausgaben zu betätigen.

Engels: Gibt es weitere Forderungen, die Sie in diesem Bereich an die Regierungen von Bund und Ländern erheben?

Hofmann: Wir haben mehrere Punkte angesprochen und manche sind erledigt. Ich nenne zum Beispiel als ein positives Beispiel die Frage der Verlängerung des Arbeitslosengeldes, weil im Moment der Arbeitsmarkt nicht vermittlungsfähig ist. Wir sind weiter der Auffassung, dass wir gerade im Bereich Ausbildung sehr vorsichtig sein müssen, dass nicht die Rezession dazu führt, dass Ausbildungsplätze massiv abgebaut werden und damit einem ganzen Jahrgang von Auszubildenden die Perspektive zur beruflichen Bildung verbaut wird. Das sind Themen, die neben dem Thema Arbeits- und Gesundheitsschutz ganz konkret jetzt die aktuellen Tage bestimmen.

Staatliche Autokaufprämien nur unter Bedingungen

Engels: Dann kommen wir wieder auf Ihre spezielle Branche, die IG Metall zurück. Ein wesentlicher Akteur dort ist natürlich die Automobilwirtschaft. Die macht in diesen Tagen von sich reden, indem sie verlangt, dass erneut staatliche Kaufprämien für Autos staatlich angeschoben werden. Tragen Sie das mit?

Hofmann: Ich glaube, zunächst mal ist es festzuhalten, dass natürlich die Automobilwirtschaft in Deutschland für die deutsche Industrie – ob das Stahl, ob das Maschinenbau, ob das Chemie ist - eine absolute Leitbranche darstellt. Das gilt auch für Europa. Und natürlich die Frage, wie kommt der Fahrzeugbau wieder aus der tiefsten Krise auch seiner Nachkriegszeit heraus, ist eine ganz entscheidende. Dann haben zunächst mal die Verantwortung natürlich die, die den Fahrzeugbau repräsentieren, und das sind die großen Hersteller. Ich bin mir ganz sicher, ohne einen klaren Beitrag der Hersteller, was auch Kaufanreize angeht, wird es keine gesellschaftliche Übereinstimmung zu Kaufanreizen geben.

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Dass der Staat gegebenenfalls zulegen muss, auch das, glaube ich, ist nur dann, denke ich, vertretbar und auch gesellschaftlich debattierbar, wenn das gleichzeitig damit verbunden ist, die großen Ziele, dass die uns ja trotz Pandemie weiter bleiben, nämlich Dekarbonisierung, das heißt Klimaschutz, Umweltschutz, damit verbunden und gefördert werden.

Engels: Soll zusammengefasst heißen, Kaufprämie muss in erster Linie von der Automobilwirtschaft selber kommen und vor allen Dingen ökologisch ausgerichtet sein?

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Hofmann: Genau! Das, denke ich, sind zwei konkrete Eckpunkte, über die man jetzt reden muss. Was heißt das konkret? Sollte es zu staatlichen Kaufprämien kommen, wie ordnen sie sich unter diesen zwei Prämissen ein?

Engels: Dann blicken wir noch voraus auf den morgigen 1. Mai. Das ist ja auch für einen Gewerkschafter eine sehr ungewöhnliche Zeit in Zeiten von Corona. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten gibt es keine gewerkschaftliche Großdemonstration. Wie sehr schwächt so etwas das Wir-Gefühl der Gewerkschaftsbewegung?

Krise als Beschleuniger für Probleme in der Arbeitswelt

Hofmann: Es ist natürlich eine Schwierigkeit, die uns nicht nur am 1. Mai, sondern im täglichen gewerkschaftlichen Miteinander berührt, dass bei allen Vorteilen, die heute virtuelle Kommunikation bietet, das Beisammensein, das gemeinsame Erleben fehlt. Der 1. Mai ist traditionell Kampf- und Feiertag der Arbeiterbewegung und sowohl die Frage der großen Fahnenmeere, der großen Demonstrationen, wie aber auch das Feiern fällt nun in großem Maße am 1. Mai 2020 aus.

Nichts desto trotz, glaube ich, dass uns die letzten Wochen deutlich nähergebracht haben, weil wir gemeinsam daran gearbeitet haben an den großen Fragen, die die Beschäftigten bewegen. Das sind die Themen, die wir gerade angesprochen haben: Arbeitsplatzsicherheit, Gesundheit, gemeinsam zu Lösungen zu kommen. Die Gewerkschaften und die Betriebsräte haben sich als handlungsfähig auch in dieser Situation erwiesen und das macht andererseits auch Mut.

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Engels: Wenn Sie jetzt auf die Spätfolgen dieser Krise schauen, kann es sein, dass die Strukturen, die wir seit Jahrzehnten kennen, zwischen Gewerkschaften einerseits, Arbeitgebern andererseits, sich schwächen, dass die Tarifbindung weiter nachlässt? Ist das eine Sorge dieser Krise?

Hofmann: Ich denke, wir werden auch nach der Krise feststellen, dass die Fragen, die uns vor der Krise beschäftigt haben, uns weiter tangieren. Das sind die großen Themen der Veränderung unserer Arbeitswelt durch Digitalisierung und Dekarbonisierung, die Veränderung kompletter Branchen und ihrer Strukturen. Teilweise wirkt hier die Krise auch als Beschleuniger und deswegen ist ganz wichtig die Frage, wie behaupten sich Gewerkschaften, wie behaupten sich Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer und ihre Interessensvertretungen bei diesen Veränderungen, die im Zuge der Krise noch mal beschleunigte Kraft entwickeln.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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