Freitag, 27. Mai 2022

Vor 150 Jahren gestorben
Franz Grillparzer - der grandiose Grantler

Charmant legte der 1791 in Wien geborene Franz Grillparzer die Widersprüche der bürgerlichen Welt offen - etwa mit seiner Erzählung "Der arme Spielmann". Mit seinem literarischen Talent wurde er zum österreichischen Nationaldichter. Am 21. Januar 1872 starb er in seiner Geburtsstadt.

Von Helmut Böttiger | 21.01.2022

Das Franz Grillparzer-Denkmal im Wiener Volksgarten
Beäugt seine Landleute weiterhin skeptisch: das Franz Grillparzer-Denkmal im Wiener Volksgarten (imago stock&people)
"Aber all diese Bemühung, Einheit in seine Leistung zu bringen, war fruchtlos, denn was er spielte, schien eine unzusammenhängende Folge von Tönen ohne Zeitmaß und Melodie."
Franz Grillparzers Erzählung „Der arme Spielmann“ aus dem Jahr 1845 wurde später sehr berühmt, sie hat wegen ihrer Problematisierung der Kunst bis weit ins 20. Jahrhundert hinein ausgestrahlt und das Grundproblem der Moderne bereits vorweggenommen. Franz Kafka etwa bezeichnete sie als seine Lieblingserzählung. Grillparzer hat sich in der Figur des Geigenspielers Jakob insgeheim selbst porträtiert, sogar in den Äußerlichkeiten. Mit dem „armen Spielmann“ wollte er sich in der Mitte seines Lebens selbst auf die Spur kommen.

Archivar mit Ambitionen

Franz Grillparzer wurde am 15. Januar 1791 als Sohn eines Wiener Advokaten geboren. Die Familie lebte in schwierigen Verhältnissen, der Vater starb früh. Von der materiell wie psychisch bedrückenden Kindheit blieb Grillparzer sein Leben lang gezeichnet. Die äußeren Daten verraten davon wenig: Nach dem Jurastudium wurde er Finanzbeamter, bis er es 1832 zum Archivdirektor der Hofkammer brachte, wo er bis zu seiner regulären Pensionierung 1856 blieb. Parallel dazu arbeitete aber noch etwas anderes in ihm.

"!Der Mann hatte also eine sorgfältigere Erziehung genossen, sich Kenntnisse eigen gemacht, und nun - ein Bettelmusikant! Ich zitterte vor Begierde nach dem Zusammenhange."

Zwischen Revolution und Restauration

Grillparzer schrieb früh Gedichte, zum Beispiel eines mit dem Titel „Franz Schubert“. Und vor allem das Theater zog ihn an. Schon sein erstes schicksalsträchtiges Drama „Die Ahnfrau“, in dem ein unverdienter Fluch über einem ganzen Familiengeschlecht liegt, war ein Erfolg. Charakteristisch für Grillparzer ist, dass er in die Ära der französischen Revolution hineinwuchs und die faszinierende Gestalt Napoleons mehrfach beschrieb, dabei aber immer der Tradition verhaftet blieb. Die Restauration unter dem österreichischen Staatskanzler Metternich setzte ihm wegen der repressiven Atmosphäre durchaus zu, doch eine grundsätzliche Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse lehnte er ab.
So zeigt sein Drama „König Ottokars Glück und Ende“ von 1825, dass man zum Scheitern verdammt ist, wenn man die eigenen Grenzen überschreitet und Mächte entfesselt, denen man nicht gewachsen ist. Auf der anderen Seite notierte Grillparzer in seinem Tagebuch nach einem Besuch bei Goethe in Weimar 1826: „Einer meiner Hauptfehler ist, dass ich nicht den Mut habe, meine Individualität durchzusetzen.

Bei Zensur und Publikum in Ungnade gefallen

Dabei hatte Grillparzer mehrfach Probleme mit der Zensurbehörde. Nach der Uraufführung seines Trauerspiels „Ein treuer Diener seines Herrn“ 1826 teilte ihm der Polizeipräsident mit, dass weitere Aufführungen zu unterbleiben hätten - zu sehr hatte Grillparzer zwischen den Zeilen die kaiserliche Autorität angegriffen. Auch dem Publikum war er gelegentlich zu vertrackt. 1838 scheiterte er mit dem komplexen philosophischen Lustspiel „Weh dem, der lügt!“. Danach zog er sich bis zu seinem Tod am 21. Januar 1872 verbittert aus dem literarischen Leben zurück. In seiner „Selbstbiographie“ von 1853 heißt es, in seinem typisch grandios grantelnden Ton:
„In mir nämlich leben zwei völlig abgesonderte Wesen. Ein Dichter von der übergreifendsten, ja sich überstürzenden Phantasie und ein Verstandesmensch der kältesten und zähesten Art.“

Zeitlose Analysen

Grillparzer ist über die Zeit des Biedermeier und des postromantischen Klassizismus weit hinausgewachsen und gilt heute als der österreichische Klassiker überhaupt, als Nationaldichter. Er zeigt auf zeitlos anmutende Weise die Aporien der bürgerlichen Welt - und zwar in der spezifisch österreichischen Färbung.