Dienstag, 16. April 2024

"Hall of Fame" des Sports
Historiker: Deutscher Sport blendet NS-Vergangenheit aus

In der "Hall of Fame" des deutschen Sports gibt es viel mehr Geehrte mit NS-Vergangenheit als bisher bekannt – und nicht nur dort. Historiker Lorenz Peiffer fordert bei Ehrungen eine gründlichere Recherche und die Einbeziehung von Historikern.

Lorenz Peiffer im Gespräch mit Maximilian Rieger | 16.03.2024
Die Goldene Sportpyramide wird in Händen gehalten.
Mit der "Goldenen Sportpyramide" werden Menschen für ihren Erfolg oder Einsatz für den Sport ausgezeichnet und als Mitglied in die "Hall of Fame" des deutschen Sports aufgenommen. (picture-alliance / dpa / Klaus-Dietmar Gabbert)
Nach Recherchen der "Süddeutschen Zeitung" gibt es in der "Hall of Fame" des deutschen Sports mehr Mitglieder, die während der NS-Zeit der NSDAP angehörten, als bisher verkündet wurde: 15 statt fünf, darunter der fünfmalige Reit-Olympiasieger Hans Günter Winkler, der Schwimmer Erich Rademacher oder der Turner Helmut Bantz. Die Deutsche Sporthilfe hat angekündigt, das aufzuarbeiten.
Das 2006 von der Stiftung Deutsche Sporthilfe initiierte Ruhmesforum ehrt herausragende Sportler und Persönlichkeiten des Sports – auch posthum. Nun stellt sich die Frage nach der sorgfältigen Aufarbeitung der NS-Vergangenheit im deutschen Sport. Denn eigentlich gestaltet sich die Recherche dazu recht einfach, erinnert Lorenz Peiffer, Experte für Sportgeschichte: Er betont, dass seit den 1970er-Jahren die Möglichkeit besteht, die NSDAP-Mitgliedschaft von Sportlern zu überprüfen.

Blinder Fleck im deutschen Sport

Der Sporthistoriker kritisiert das Versäumnis der Deutschen Sporthilfe und anderer Organisationen im deutschen Sport, diese Recherchemöglichkeiten nicht genutzt zu haben. Dieser blinde Fleck im deutschen Sport, so Peiffer, sei ein Versäumnis bei der Aufarbeitung der dunklen Kapitel der NS-Zeit. "Nach 45 hat man ja nicht mal überlegt, wo Hitlers Sportfunktionäre verblieben sind im bundesdeutschen Sport, sondern man hat es schlicht und einfach ausgeblendet."
Peiffer hebt jedoch auch die Bemühungen einiger Sportverbände und Fußballvereine wie den FC Bayern München, Borussia Dortmund, SC Freiburg oder Werder Bremen hervor, die sich aktiv mit ihrer Rolle während der NS-Zeit auseinandersetzen und Studien in Auftrag gegeben haben, um dies zu untersuchen. "Da sind Riesendefizite aufzuarbeiten." Gerade in der heutigen Zeit sei es mehr als dringend notwendig, dass dies weiter vorangetrieben werde.

NSDAP-Mitgliedschaft nicht verharmlosen

Peiffer spricht sich zudem gegen die Aufnahme von Sportlern, die Mitglied der NSDAP waren, in die Hall of Fame des deutschen Sports aus. Er betont, dass diese Mitgliedschaften Teil einer größeren Verantwortung für die Verbrechen des NS-Regimes waren.
Personen mit einer solchen Vergangenheit gehören seiner Meinung nach zum erweiterten Kreis der Täter. "Alle diese Leute, die Mitglied der Partei geworden sind, SA, SS, haben letzten Endes dazu beigetragen, dass dieses System Nationalsozialismus an die Macht kommen konnte, ihre Macht festigen konnte, sich etablieren konnte."
Sepp Herberger 1970 in seinem Haus in Mannheim.
Auch der ehemalige Fußball-Bundestrainer Sepp Herberger war Mitglied der NSDAP. Bei anderen "Hall of Fame"-Mitgliedern war die Parteimitgliedschaft offenbar nicht bekannt. (IMAGO / Apress)
Daher unterstützt er die Entscheidung der Deutschen Sporthilfe, Texte und Porträts betroffener Mitglieder zu überarbeiten und gegebenenfalls neu zu bewerten, basierend auf den Erkenntnissen aus der "SZ"-Recherche.
Abschließend fordert Peiffer eine gründlichere Untersuchung und Einbeziehung von Historikern bei der Auswahl und Bewertung zukünftiger Mitglieder der Ruhmeshalle des deutschen Sports. Nur so könne sichergestellt werden, dass die Lebenswege objektiv betrachtet und diejenigen geehrt werden, die wahrhaftig als Vorbilder dienen können.

og