Donnerstag, 26. Januar 2023

Erinnerungskultur im Sport
Gegen das Vergessen: Ausstellung über israelischen Sportler Shaul Ladany

Shaul Ladany überlebte das KZ in Bergen-Belsen und die Geiselnahme israelischer Sportler bei den Olympischen Spielen 1972 in München. Die Ausstellung "Lebensläufe" zeigt derzeit in Hannover seine Lebensgeschichte und seine Sammlung.

Von Bastian Brandau | 21.01.2023

Shaul Ladany steht am Eingang des Konzentrationslagers Bergen-Belsen
Shaul Ladany steht am Eingang des Konzentrationslagers Bergen-Belsen (picture alliance / ASSOCIATED PRESS / Markus Schreiber)
„Shaul Ladany hat sehr früh, als Elfjähriger, angefangen zu sammeln.“ Elke Gryglewski ist Leiterin der Gedenkstätte Bergen-Belsen. Die Gedenkstätte hat die Ausstellung über den heute 86-jährigen Ladany konzipiert und zuerst gezeigt. Jetzt ist die Ausstellung bis Ende Februar in der Akademie des Sports in Hannover zu sehen.
„Und diese Sammlung ist so groß, dass mein Vorgänger, als er auch schon das Privileg hatte, ihn besuchen zu dürfen und die gesehen hat, gesagt hat: 'Daraus müsste man was machen'. Und dann die Geschichte Shaul Ladanys anhand dieser Objekte erzählt.“
Der Holocaust-Überlebende und israelische Sportler Shaul Ladany steht in der Gedenkstätte des Konzentrationslagers Bergen-Belsen und zeigt auf ein Kinderfoto von ihm.
Als Kind überlebte er das KZ Bergen-Belsen, als iraelischer Teilnehmer der Olympischen Spiele 1972 entging Geher Shaul Ladany knapp der Geiselnahme durch palästinensische Terroristen. (picture alliance / dpa / Julian Stratenschulte)
Ladany wird 1936 in Belgrad geboren, überlebt die Bombardierungen durch die Wehrmacht. Die Familie flieht nach Ungarn, wird dann ins Konzentrationslager Bergen-Belsen deportiert. Davon zeugt die Ausstellung mit Fotos: von Shauls Familie. Zeichnungen, die ein Mithäftling im Lager Shaul Ladanys Vater schenkte. Oder mit Postkarten, auf denen Szenen des Lagers zeichnerisch dargestellt wurden, nachdem die Familie mit einer größeren Gruppe in die Schweiz ausreisen konnte.

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Ladanys Weltrekord im Gehen besteht bis heute

Später wandern die Ladanys nach Israel aus. Shaul wird Läufer, und dann erfolgreicher Geher: Sein in den USA aufgestellter Weltrekord über 50 Meilen besteht bis heute. Für Israel nimmt er an Weltmeisterschaften teil, und auch an Olympischen Spielen. Erst 1968 in Mexiko und dann 1972 in München, wie er in einer Dokumentation des NDR erinnert.
„Ich habe mich darauf gefreut, hier zu sein. Es waren meine zweiten olympischen Spiele. Und was besonders war: Ich konnte der Welt und den Deutschen zeigen: schaut her! Ihr wolltet uns umbringen, und auslöschen. Aber: Hier bin ich. Fähig, es im Wettkampf mit dem Rest der Welt aufzunehmen.“
Am 5. September 1972 überfallen palästinensische Terroristen das israelische Team im olympischen Dorf, nehmen Geiseln. Ladany kann entkommen. Die Ausstellung zeigt die Fotos der israelischen Mannschaft beim Einmarsch ins Olympiastadion, den Ausweis des Sportlers Ladany. Zeitungsausschnitte von der Gedenkzeremonie nach dem Anschlag – möglich durch die laxen Sicherheitsvorkehrungen in München 1972, sagt Elke Gryglewske von der Gedenkstätte Bergen-Belsen.
„Shaul Ladanys Leben ist geprägt von zwei Verfolgungskontexten und das, was uns aufmerksam gemacht hat, ist eben in der Tat die Ignoranz. Eine Ignoranz, Ende der 60er-Jahre, Anfang der 70er-Jahre nicht wahrzunehmen, wie die Stimmung ist. Obwohl es in einem Zeitraum von 1970 bis 72 jede Menge Anschläge gibt gegen Flugzeuge, gegen Israelis. Das nicht wahrzunehmen, dass diese Mannschaft ein besonderes Sicherheitskonzept, besonderer Vorkehrungen braucht.“

Im Kampf gegen Antisemitismus jüdische Biografien sichtbar machen

Shaul Ladany zeige, dass Jüdinnen und Juden Akteure sein können, sagt Felix Klein, Beauftragter der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus.  „Die positive Botschaft diese Ausstellung ist eben auch, dass wir nicht machtlos sind gegen Antisemitismus. Dass wir Ihn zurückdrängen können. Einmal, indem wir jüdisches Leben, jüdische Biografien sichtbar machen und auch noch mal ganz deutlich machen, dass es nicht nur Jüdinnen und Juden betrifft, sondern die Gesellschaft als Ganzes.“

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Und damit auch den Sport, der in Form der Akademie des Sports im Landessportbund Niedersachsen zur Ausstellung eingeladen hatte. An der Podiumsdiskussion hat auch Luis Engelhardt vom Jüdischer Turn- und Sportverband Makkabi teilgenommen.
„Das zeigt für mich erst einmal, dass der Sport auch erkennt, dass er bei gesellschaftspolitischen Themen wie zum Beispiel die Auseinandersetzung mit einer Erinnerungskultur oder auch der Kampf gegen Antisemitismus nicht auf sich allein gestellt ist und auch nicht versucht, gesamtgesellschaftliche Herausforderung im Rahmen seiner eigenen Möglichkeiten zu bewältigen. Sondern dass Kooperation, Netzwerke, Allianzen, dass man bisschen über den Tellerrand hinausblickt und schaut, was man auch voneinander lernen kann. Und der Raum, den wir heute hier haben im Landessportbund Niedersachsen, ist natürlich ganz fantastisch, dass so viele Menschen, hierhergekommen sind.“

Wie ändert sich Gedenkkultur, wenn Zeitzeugen verschwinden?

Auch gekommen, um Shaul Ladany zu erleben. Kurzfristig musste Ladany aus gesundheitlichen Gründen absagen. Und so ging es auch um die Frage, wie Gedenkkultur sich mit dem Verschwinden der letzten Zeitzeugen verändern werde, warnt Elke Gryblewski, Leiterin der Gedenkstätte Bergen-Belsen und Direktorin der Stiftung niedersächsischer Gedenkstätten:
"Die Mehrheit der Jugendlichen haben heute schon keinen Kontakt zu Zeitzeugen. Das heißt, sie sind gewohnt, in Ausstellungen Videosequenzen zu sehen oder Ego-Dokumente wie Tagebücher, Briefe oder sowas. Das das ist eher die Mehrheit der Menschen. Wenn sie, wenn sie eine Gruppe fragen würden: 'Wer von euch hat einen Zeitzeugen erlebt?', dann wird das eine verschwindend kleine Minderheit sein. Wo ich glaube es wirklich als relevant und auch dramatisch sehe, dass die Überlebenden nicht mehr da sein werden, ist für unsere Generation wir, die wir in den Gedenkstätten gearbeitet haben und von den Zeitzeuginnen sozialisiert worden sind. Für uns waren sie Freunde, Freundinnen. Für uns sind sie Freunde, Freundinnen.“
So wie Shaul Ladany, der bei der Ausstellung seiner Eröffnung vermisst wurde. Aber doch sehr präsent war.