Donnerstag, 29. Februar 2024

Hass im Internet
Wie Sportlerinnen und Sportler mit Hate Speech umgehen

Diskriminierung, Rassismus, Hetze: Für viele Sportlerinnen und Sportler ist Hate Speech im Netz Alltag. Vom Löschen der Social-Media-Apps bis hin zu rechtlichen Schritten gibt es für Betroffene mehrere Möglichkeiten, dem Hass im Internet zu begegnen.

Von Lara Zugck | 10.12.2023
Basketballer Akeem Vargas dribbelt den Ball.
Basketballer Akeem Vargas ist schon Opfer von Hate Speech im Internet geworden. (IMAGO / Langer / IMAGO / H. Langer)
Hass im Netz, auch für viele Sportlerinnen und Sportler Alltag. Basketballer Akeem Vargas von den MLP Academics Heidelberg spricht öffentlich über das, was über ihn geschrieben wird: "Vargas ist ein kompletter Wichser. Wie kann man so ein Hurensohn sein? Wer spielt so? Wieso ist der Bastard noch auf dem Feld? Wer würde den unter Vertrag nehmen?"
Dabei sind solche Hasskommentare sogar erst der Anfang. Noch eine Stufe darüber liegt das, was Experten als Hate Speech bezeichnen. Also Kommentare, mit denen Menschen gezielt beleidigt, herabgesetzt und ausgegrenzt werden. Und das nur, weil sie einer bestimmten Gruppe angehören. Zum Beispiel auf Grund ihrer Hautfarbe, Herkunft oder des Geschlechts.

Hate Speech macht etwas mit Betroffenen

Auch das hat Akeem Vargas schon erleben müssen: "Ich hatte bei einem Spiel unter anderem den Kommentar: Was macht der N**** eigentlich auf dem Feld? Packt den wieder in den Käfig!" Dass die Hemmungen im Netz viel schneller fallen, ist keine Neuigkeit mehr. Es macht mit den Betroffenen dennoch etwas.
Anderes Beispiel: Fußball. Den Satz: "Frauen können kein Fußball spielen" hört Saskia Matheis, Bundesligaspielerin bei Werder Bremen oft: "Das ist so der Spruch, der glaube ich unter jedem Beitrag zu finden ist. Egal, von welcher Plattform der gepostet wird. Sobald sich irgendwie der Inhalt ein bisschen um Frauenfußball dreht, kommen natürlich von einigen Ecken Kommentare, die eben den Frauenfußball oder Frauen im Fußball kritisieren."
Wer die sozialen Medien nutzt, macht sich angreifbar. Angreifbar für Menschen, die ein Ventil für ihren Hass und Frust suchen. Als Saskia Mattheis zum ersten Mal selbst betroffen ist, verschlägt es ihr die Sprache: "Ich musste dann auch erstmal so ein bisschen schlucken."
Jetzt, als sie solche Kommentare zum ersten Mal an sich selbst gerichtet liest, trifft sie die Wucht noch einmal anders. "Natürlich hat man das immer mal wieder unter anderen Beiträgen gesehen und ich fand das da auch schon nicht cool, aber wenn das dann wirklich einen selbst betrifft, dann ist das nochmal eine andere Schiene, auf der man das verarbeiten muss.“

Apps zu löschen ist eine Form des Umgangs

Aber wie? Das ist die Frage. Eine Möglichkeit wäre, die Apps zu löschen und Instagram, Facebook und Co. zu verlassen.
"Egal ob Cybermobbing oder Hassattacken im Internet, wenn du nicht partizipierst auf dieser Plattform, dann erreicht dich die Nachricht auch nicht. Egal, ob du jetzt ein Schulkind bist oder ein heranwachsender Athlet oder ein Profisportler, wenn du etwas nicht hören möchtest, dann lösch die App", sagt auch Basketballer Akeem Vargas.
Aber für viele Sportlerinnen und Sportler ist das gar keine Option, bieten sie doch auch die für viele wichtige Möglichkeit, den Bekanntheitsgrad zu erhöhen, sich selbst zu vermarkten und Fannähe herzustellen. In vielen Sportarten ist das auch finanziell wichtig.
Deshalb ist es umso wichtiger, frühzeitig den richtigen Umgang zu trainieren. "Sportler lernen jetzt mittlerweile auch, wenn sie sich in sozialen Medien aufhalten, dass sie natürlich Aussagen oder Verschriftlichungen wenig beeinflussen können. Das heißt, sie müssen sehr früh lernen, dass das in erster Linie mal nichts mit ihnen zu tun hat, sondern jeder Mensch hat die Meinungsfreiheit demokratisch etwas mitzuteilen", sagt Sportpsychologe René Paasch, für den der Umgang mit Social Media inzwischen Teil seiner Arbeit mit Athletinnen und Athleten geworden ist.
"Aber der Sportler lernt natürlich auch mit diesen Widrigkeiten, Diffamierungen, mit diesen schwierigen Situationen umzugehen und da hat er auch die größte Ressource. Sobald er sich aber mit den Aussagen beschäftigt, kann es wirklich passieren, dass da Selbstzweifel entstehen. Emotionaler Stress und daraus können sogar auch psychische Erkrankungen entstehen."

Hate Speech ein Thema in Nachwuchsleistungszentren

Auch in den Nachwuchsleistungszentren der Profiklubs ist Cybermobbing und Hate Speech schon früh ein Thema. Bei aller Unterstützung durch den Verein braucht es dennoch auch konkrete Umgangsformen, wenn man von Hass und Hetze betroffen ist.
"Man sollte der Person, die sowas tut, nicht zu viel Aufmerksamkeit schenken", rät Sportpsychologe René Paasch. "Weil da, wo Druck entsteht, entsteht auch immer Gegendruck. Das heißt, umso mehr ich das thematisiere, umso mehr wird die Person weitermachen. Man muss dazu aber auch sagen, dass umso mehr Lebenserfahrung man hat, umso besser kann man mit solchen Dingen auch umgehen."
Hinzu kommt noch eine juristische Seite. Die Sportlerinnen und Sportler, aber auch jeder andere, der den Kommentar sieht, hat die Möglichkeit ihn zur Anzeige zu bringen. Oder wenn man selbst nicht den Weg zu den Behörden antreten möchte, kann man Hate Speech und Hasskommentare auch online melden, beispielsweise bei "Respect!". Dort werden hetzerische Inhalte zur Anzeige gebracht und die Lösung bei den Betreibern der Netzwerke beantragt.

Vargas kein Freund von rechtlichen Schritten

Für Basketballer Akeem Vargas ist das keine Option: "Ich bin weniger ein Freund dessen, dass ich glaube, dass die rechtlichen Schritte da irgendetwas bezwecken. Ich glaube, dass man zum einen dickes Fell braucht als Profisportler für sportliche Leistungen und Ups and Downs und mentale Stärke."
Fußballerin Saskia Matheis vertritt diese Meinung nicht. Sie würde jederzeit rechtliche Schritte eingehen: "Weil menschliche Anfeindungen oder gezielte Bösartigkeit - das gehört nirgendwo dazu und deshalb finde ich es auch extrem wichtig, dass wir das nicht als normal akzeptieren, sondern das Thema eben auch sichtbar machen. Dass wir drüber sprechen, Lösungswege aufzeigen, finden und auch diese feigen Täter hinter diesen Fake-Accounts ohne Profilbildern, vielleicht irgendwann merken, dass es gar nicht so cool oder lustig ist, was sie da eben tun."