Sonntag, 19. Mai 2024

Diskriminierung im Fußball
Meldestelle registriert viele Fälle im Stadion

Erstmals hat die Meldestelle für Diskriminierung im Fußball in NRW ihren Jahresbericht veröffentlicht. Darin wird deutlich, welche Diskriminierungsformen wie häufig im Fußball auftreten. Die Ergebnisse machen deutlich, wie groß die Problematik ist.

Von Thorsten Poppe | 19.08.2023
Fußball, Saison 2021/22, 2. Bundesliga, FC St. Pauli - 1.FC Nürnberg, Millerntor-Stadion Hamburg, 29.04.2022, 32. Spieltag Regenbogenflagge mit FCSP-Totenkopf auf der Zuschauertribüne Nur zur redaktionellen Nutzung. Hamburg Millerntor-Stadion, Heiligengeistfeld, Harald-Stender-Platz 1 Hamburg Deutschland *** Soccer, season 2021 22, 2 Bundesliga, FC St Pauli 1 FC Nürnberg, Millerntor Stadion Hamburg , 29 04 2022, 32 matchday rainbow flag with FCSP skull and crossbones on the grandstand For editorial use only Hamburg Millerntor Stadion, Heiligengeistfeld, Harald Stender Platz 1 Hamburg Germany Copyright: xIMAGO./Lobeca/RobertoxSeidel,xAllxrightsxnotxspecificallyxgrantedxarexreserved.x
Im Stadion kommt es neben Rassismus auch zu Sexismus und Queerfeindlichkeit (IMAGO / Lobeca / IMAGO / Roberto Seidel)
„Um was es halt auch geht, ist: Wenn mein Spieler Julian Green rassistisch beleidigt wird hier im Stadion, als Affe tituliert wird, ja. Und wenn dann der dritte, vierte, fünfte Affe zu einem Spieler sagt, dann muss ich halt sagen `Halt die Klappe` ich kann es nicht mehr hören!“
Es ist ein klares Statement von Greuther Fürths Trainer Alexander Zorniger nach der DFB-Pokal-Erstrundenpartie beim Halleschen FC. Fans der Heimmannschaft sollen Fürths Stürmer Julian Green von den Tribünen beleidigt haben. Zorniger fordert danach von den anderen Stadionbesuchern mehr Zivilcourage.
„Aufstehen und sagen, das geht nicht. Ja, wir sind ein tolles Land und dementsprechend müssen wir uns auch präsentieren. Und wenn wir das nicht machen, dann kriegt das braune Gesocks, dass auch noch im Bundestag sitzt, immer mehr Oberwasser.“

Redaktionell empfohlener externer Inhalt

Mit Aktivierung des Schalters (Blau) werden externe Inhalte angezeigt und personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt. Deutschlandradio hat darauf keinen Einfluss. Näheres dazu lesen Sie in unserer Datenschutzerklärung. Sie können die Anzeige und die damit verbundene Datenübermittlung mit dem Schalter (Grau) jederzeit wieder deaktivieren.

Keine einmalige Problematik - Meldestelle registriert Vorfälle

Nicht der einzige Vorfall. Erst kürzlich ist der deutsche U21-Nationalspieler Moukoko nach einem verschossenen Elfmeter ebenfalls rassistisch beleidigt worden.
Wie oft es zu solchen Diskriminierungen wie Rassismus im Fußball kommt, erfasst seit letztem Jahr eine extra dafür eingerichtete Meldestelle für Nordrhein-Westfalen. Die Meldestelle hat fast 550 Vorfälle ausgewertet. Am häufigsten ist es zu Sexismus gekommen, gefolgt von Rassismus und Queerfeindlichkeit.
Dabei bezeichnet Sexismus die Herabwürdigung allein aufgrund des Geschlechts. Von Rassismus ist immer dann die Rede, wenn Menschen aufgrund ihres Äußeren, ihrer Herkunft oder ihrer Religion diskriminiert werden. Queerfeindlichkeit meint die Ausgrenzung andersgeschlechtlicher Menschen.

Fußball "in seiner Organisation männlich und weiß geprägt"

Eine große Rolle bei den Vorfällen spiele die männlich geprägte Fan- und Fußballkultur, erklärt Patrick Arnold von der Meldestelle:
„Hinsichtlich Rassismus stellen wir zudem fest, dass die Zuwanderungsgesellschaft in den Fankurven gar nicht vertreten oder zu mindestens unterrepräsentiert ist. Der Fußball ist in seiner Organisation sehr männlich und weiß geprägt. Am Ende führt das dazu, dass so gelagerte Vorfälle häufig nicht ernst genommen und verstanden werden. Dadurch bleibt zudem eine Sanktionierung zumeist aus.“
Hat die Datenlage zu Diskriminierungsfällen im Fußball im Blick: Patrick Arnold von der Meldestelle in Nordrhein-Westfalen.
Patrick Arnold von der Meldestelle für Diskriminierung im Fußball in NRW beobachtet die Entwicklung von Fällen im Profi- als auch Amateurfußball genau. (Foto: Jessica Sturmberg)
Arnold ist auch darüber besorgt, dass Rechtsradikalismus in den Stadien wieder sichtbarer wird. "Was uns Sorge bereitet ist der Fakt, dass wir trotz vielfältiger präventiver Aktivitäten in der jüngsten Vergangenheit immer wieder auch Meldungen zu Hitlergrüßen aus den Stadien bekommen haben. Auch das im Profifußball gleichermaßen wie im Amateurfußball!“

Rechtsradikale erobern Fankurve in Hamm

Wie solche Fälle in der Praxis aussehen, kennt die Hammer Spielvereinigung. Der Amateur-Fußballclub ist vor ein paar Jahren massiv in die Kritik geraten, als Rechtsradikale die Fankurve erobert hatten: „Was der Verein über Jahre gemacht hat, war ja, wie nennt man das so schön, die Augen zu schließen“, berichtet der Abteilungsleiter Fußball der Hammer SpVg, Dirk Blumenkemper freimütig.
Dabei sei die Gesinnung dieser Anhänger nicht zu übersehen gewesen: „Es wurden dementsprechend Dinge gezeigt. Also über Flaggen, über Spruchbänder, über Parolen war da doch eindeutiges rechtes Gedankengut dabei. Das gipfelte in einem Platzsturm bei einem Auswärtsspiel, was dann den Abbruch des Spiels zur Folge hatte.“

Toleranz setzt klare Kante voraus

Erst mit klaren Botschaften in den Verein hinein und auch aus dem Verein hinaus sind nach diesen Vorfällen die Probleme mit der rechten Fanszene in Angriff genommen worden. Aber bis klar gewesen ist, dass der Club Rassismus in keiner Weise toleriere, sei es ein langer Weg gewesen:
„Wir haben über 40 Nationalitäten bei uns im Verein, die Fußball spielen. Von daher haben wir uns ganz klar positioniert, wir haben uns Hilfe dazu geholt. In Hamm gibt es einen runden Tisch der Demokratie. Da treffen sich alle Vereine, tauschen sich aus, helfen sich gegenseitig, um gegen diese Tendenzen ganz klar Kante zeigen zu können.“
Heute ist davon jedenfalls nichts mehr zu spüren. Blumenkemper und seine Club-Kollegen wollen aber weiter aufmerksam bleiben.

Betroffene von Diskriminierung "stehen häufig alleine da"

Für Patrick Arnold von der Meldestelle für Diskriminierung im Fußball ist das genau der richtige Weg, um Rassismus und auch anderen Formen der Ausgrenzung zu begegnen.
Er sagt: „In einem ersten Schritt sollte man Diskriminierung auf jeden Fall widersprechen. Personen sollten mit ihren Aussagen konfrontiert werden. In einem zweiten Schritt sollte man sich den Betroffenen von Diskriminierung zuwenden, denn diese stehen häufig alleine da und müssen selber Mittel und Wege finden, damit umzugehen. Eine Parteilichkeit ist in diesem Fall hilfreich und angebracht.“