Donnerstag, 15.04.2021
 
Seit 19:00 Uhr Nachrichten
StartseiteKultur heute"Orte und persönliche Begegnung sind für Erinnerungskultur wichtig"29.08.2020

Historiker Drecoll über Gedenkstätten"Orte und persönliche Begegnung sind für Erinnerungskultur wichtig"

Orte seien so etwas wie Garanten des „Hier ist es gewesen“, sagte Axel Drecoll, Leiter der Gedenkstätte Sachsenhausen, im Dlf. Dazu sei das persönliche Gespräch mit Überlebenden oder Familienangehörigen eine Konfrontation mit dem menschlichen Gegenüber - und somit eine einzigartige Form der Geschichtsvermittlung.

Axel Drecoll im Gespräch mit Anja Reinhardt

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Axel Drecoll, Leiter der Gedenkstätte Sachsenhausen (25.1.2018). (dpa / picture alliance / Ralf Hirschenberger)
Axel Drecoll, Leiter der Gedenkstätte Sachsenhausen (dpa / picture alliance / Ralf Hirschenberger)
Mehr zum Thema

Erinnerungskultur Das gelebte Ritual

Leiter der KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen "Wir brauchen einen Gesellschaftskonsens, der so etwas tabuisiert"

Geschichte ohne Zeitzeugen Neue Wege der Erinnerungskultur

KZ Sachsenhausen Ein Pflicht-Besuch für jeden?

Leiter der KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen Zusammen mit den Opfern den Ort zurückerobert

Es stelle sich natürlich die Frage nach der Authentizität, gab der Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten zu bedenken.

"Wenn Sie heute eine Gedenkstätte betreten, dann ist das eben nicht mehr das Konzentrationslager, sondern die Gedenkstätte, in der sich verschiedene Zeitschichten einlagern. Verschiedene Formen der Erinnerung, die von verschiedenen Personen, Institutionen etc. geschaffen worden sind, mit unterschiedlichen Intentionen. Aber damit können wir umgehen, denn wir sagen, wir wollen zur kritischen Reflexion anregen."

Fundierte und verständliche Geschichtsvermittlung

Drecoll, der bis 2018 die Dokumentation Obersalzberg geleitet hat, setzt dabei auf einen transparenten Umgang auch mit Gedenkstätten, die von Rechtsextremen ideologisch vereinnahmt werden.

"Den Ort durch wissenschaftlich fundierte, aber allgemein verständliche Geschichtsvermittlung zu besetzen, das ist meines Erachtens ein gangbarer Weg, um solche Nostalgiker, Rechtsextremisten oder sonstige Besucherinnen und Besucher, die positive Anknüpfungspunkte zur NS-Vergangenheit suchen, von diesen Orten entweder zu vertreiben oder sie gar nicht erst an diese Orte kommen zu lassen."

In einer Glaskugel spiegelt sich die Adriaküste, die im Hintergrund nur unscharf zu sehen ist. (imago images / Shotshop) (imago images / Shotshop)Gesprächsreihe – nah und fern
Nähe und Distanz sind keine feststehenden Größen. Wo das eine aufhört und das andere beginnt, empfindet jeder anders. Und jede Disziplin, jede Kunstgattung geht auf ihre Weise damit um.

Viele Familienbiografien durch NS-Verbrechen belastet

Dass aufgrund der COVID-19-Pandemie der 75. Jahrestag der Befreiung des KZ Sachsenhausen nur online stattfinden konnte, habe ihn sehr getroffen.

"Das liegt vor allem daran, dass die persönlichen Gespräche mit den Überlebenden, aber – das darf man eben auch immer nicht vergessen - auch mit deren Angehörigen, mit ihren Kindern und Kindeskindern, für die auch heute noch, weil es Teil ihrer Familienbiografie ist, die NS-Verbrechen sehr, sehr aktuell sind und einen sehr, sehr hohen Stellenwert haben. Dass wir das nicht machen können, das trifft uns tief."

Dr. Axel Drecoll, geboren 1974 in Erlangen, hat Neuere und Neueste Geschichte, Geschichte Südosteuropas und Politische Wissenschaften studiert. Derzeit ist er Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten und zugleich Leiter der Gedenkstätte und des Museums Sachsenhausen. Vorher war er beim Institut für Zeitgeschichte in München beschäftigt und leitete die Dokumentation Obersalzberg.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk