Samstag, 03. Dezember 2022

Homosexualität im Emirat
Nas Mohamed - Der Kämpfer für queere Menschen

Homosexualität steht in WM-Gastgeberland unter Strafe. Wie unsicher die Situation im Emirat für queere Personen wirklich ist, darüber kann Nas Mohamed Auskunft geben. Als erster Mensch aus Katar hat er sich im Mai in der BBC als schwul geoutet.

Von Jutta Heeß | 13.11.2022

Teilnehmer bei der niederländischen Pride Parade. Daneben weht die katarischen Nationalflagge.
Homosexualität steht im Emirat unter Strafe. (dpa / picture alliance / Peter Dejong)
Nas Mohamed winkt freundlich in die Kamera. In seiner Mittagspause treffen wir uns online. Der 35-Jährige lebt in San Francisco und hat dort 2019 eine eigene Arztpraxis eröffnet. Seine Heimat Katar hat er vor über zehn Jahren verlassen.
Nas Mohamedin traditionellem katarischem gewand mit einer Regenbogenschärpe.
Als erster Katarer hat Nas Mohamed sein Schwulsein öffentlich gemacht (dr._nass / Instagram)
"Ich habe Katar verlassen, weil ich eine LGBT-Person bin und es dort nicht möglich war, Ich selbst zu sein. Ich bin 2011 weggegangen, um mein Medizinstudium in den Vereinigten Staaten fortzusetzen, und habe daraufhin Asyl beantragt. Nach Hause zurückzukehren, das war mir zu unsicher. Im Jahr 2017 wurde mir Asyl gewährt."

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Schwulen droht Gefängnis oder der Tod

Die Diskriminierung von queeren Menschen in Katar hat im Vorfeld der Fußballweltmeisterschaft immer wieder für Aufsehen gesorgt. Homosexualität wird in dem Golfstaat mit Gefängnis bestraft, nach islamischem Recht sogar mit der Todesstrafe.
In einem aktuellen Bericht von Human Rights Watch steht, dass Lesben, Schwule, Bisexuelle und Trans-Personen in Katar willkürlich verhaftet und misshandelt werden. Die Menschenrechtsorganisation hat mehrere Fälle dokumentiert – Nas Mohamed hatte den Kontakt zu den LGBT-Personen hergestellt.
"Ich würde die Situation für queere Menschen als von Angst dominiert beschreiben. Im Moment kann sich kein Katarer vor Ort outen, so wie ich es getan habe, niemand kann sagen, 'Ich bin schwul' und dann normal weiterleben. Jeder hat Angst, denn es ist sehr riskant und gefährlich, wenn man sich outet."

Unklar, ob schwule Fans in Katar sicher sind

Innen- und Sportministerin Nancy Faeser reiste vor zwei Wochen zusammen mit dem Präsidenten des Deutschen Fußballbundes, Bernd Neuendorf, und zwei queeren Aktivisten nach Katar. Unter anderem haben sie Sicherheitsgarantien für die LGBT-Community eingefordert.
Die katarische Regierung reagierte prompt verärgert auf die Kritik. Für queere Fußballfans, die nach Katar reisen wollen, könne es gefährlich werden, meint Nas Mohamed und erklärt warum:
"Es gibt die Regierung, und es gibt das Volk. Ich denke, dass sich die Regierung während der Fußballweltmeisterschaft keine PR-Krise leisten wird. Ich glaube also nicht, dass sie es wagen werden, LGBT-Menschen zu verfolgen. Ich mache mir aber Sorgen, dass LGBT-Fans in Katar von Menschen umgeben sein werden, die sie möglicherweise angreifen könnten. Denn als Katar sagte, dass schwule Fans willkommen sind, haben sie nicht gesagt, dass sie sicher sind."

Firmen schauen bei Menschenrechtsverletzungen weg

Nas Mohamed erzählt, dass die WM in seiner Heimat für ihn der Auslöser gewesen sei, an die Öffentlichkeit zu gehen. Er beklagt, dass viele internationale Unternehmen und Organisationen in Katar wirtschaftliche Interessen verfolgen, jedoch vor Menschenrechtsverletzungen die Augen verschließen würden.
Die Vergabe der Fußballweltmeisterschaft in den Golfstaat ist für ihn das unverblümteste Beispiel dieser Ignoranz. Daher hat er bereits im Frühjahr eine Petition gestartet. Sie ist an die FIFA gerichtet und fordert die Entkriminalisierung von Homosexualität. Über 70.000 Menschen haben die Petition unterzeichnet - doch die FIFA schweigt.
"Die katarische Regierung, die FIFA und der WM-Botschafter der FIFA, David Beckham, ignorieren mich, weil meine Stimme unbequem ist. Es ist wichtig, das zu sehen und zu benennen, denn es geht nicht nur um diese Weltmeisterschaft."

Morddrohungen, kein Kontakt mehr zur Familie

Nas Mohamed wird im Lauf des Gespräches ernster, gleichzeitig entschlossener. Obwohl er sich in den USA ein neues Leben aufgebaut hat, geht es auch um sein persönliches Glück: Seit seinem Coming-Out hat er keinen Kontakt mehr zu seiner Familie in Katar – das wäre für seine Verwandten zu gefährlich. Er selbst habe bereits Morddrohungen bekommen. Nas Mohamed will es dennoch nicht bei seinem Protest gegen die Politik der FIFA belassen - er geht noch einen Schritt weiter:
"Ich habe die erste gemeinnützige LGBT-Organisation in der Golfregion gegründet. Es ist offensichtlich, dass wir eine unabhängige Stimme für die Menschen in dieser Region brauchen. Ich werde Menschen, die sich die Fußballweltmeisterschaft ansehen, bitten, sich an einer Spendenaktion zu beteiligen, die ich auf Twitter durchführen werde. Und auf Instagram werde ich während der WM als Sensibilisierungskampagne jeden Tag eine LGBT-Geschichte aus Katar teilen. Egal ob man sich persönlich für einen WM-Boykott entscheidet oder nicht - man kann immer noch Teil der Lösung sein, wenn einem das am Herzen liegt."
Nas Mohamed, der sich als erster Katarer überhaupt als öffentlich schwul geoutet hat
Als erster Katarer hat Nas Mohamed sein Schwulsein öffentlich gemacht (dr._nass / Instagram)
Die Spenden will Nas Mohamed für den Aufbau seiner LGBT-Organisation verwenden. Für ihn ist es also nicht entscheidend, ob man die WM-Spiele schaut oder nicht. Wichtig ist für ihn, dass man die Menschenrechtssituation vor Ort erkennt und sich bestenfalls engagiert.
Er wird weiter dafür kämpfen, dass queere Menschen in Katar offen und frei leben können. Auch und vor allem nach Abpfiff der Weltmeisterschaft, wenn nicht mehr die ganze Fußballwelt in den Golfstaat blicken wird.