Donnerstag, 23.09.2021
 
Seit 18:10 Uhr Informationen am Abend
StartseiteThemaWelche Parameter zur Bewertung des Pandemiegeschehens gelten?22.09.2021

Hospitalisierung, Intensivstation, InzidenzWelche Parameter zur Bewertung des Pandemiegeschehens gelten?

Die Sieben-Tage-Inzidenz der Neuinfektionen galt lange als wichtigster Indikator zur Bewertung des Pandemiegeschehens. Inzwischen spielt die Zahl der Corona-bedingten Hospitalisierungen eine zentrale Rolle. Das wirkt sich auch auf politische Entscheidungen über Corona-Maßnahmen aus.

Geöffnetes Cafe mit Gästen am Neuen See in Berlin  (Imago / Stefan Zeitz)
Die Große Koalition drückt bei der geplanten Abkehr vom Inzidenzwert als maßgebliche Größe für Corona-Maßnahmen aufs Tempo (Imago / Stefan Zeitz)
Mehr zum Thema

Nida-Rümelin zu Corona-Maßnahmen Inzidenz sollte nicht mehr das Kriterium sein

Medizinjournalist zu Corona-Maßnahmen "Wir verwenden den Begriff Inzidenz falsch"

Laut dem neuen Infektionsschutzgesetz, das am 20.9.2021 in Kraft getreten ist, gilt neuerdings die Hospitalisierungsinzidenz als wichtigste Größe für Corona-Schutzmaßnahmen. Zur Begründung hieß es, die Inzidenz der Neuinfektionen habe zuletzt an Bedeutung verloren. Gleichzeitig könne man anhand der Klinik-Einweisungen sehen, ob die Pandemie trotz hoher Impfquote noch gefährlich werde.

Die Entscheidung über Grenzwerte und Maßnahmen obliegt den Bundesländern. Vom Robert-Koch-Institut (RKI) kommen Vorschläge, wie die einzelnen Bundesländer die Coronaschutzverordnungen ausgestalten können. In einem Strategiepapier taucht auch ein Dreiklang von Indikatoren zur Bewertung der Lage auf: Demnach sollen künftig die Inzidenz der Neuinfektionen, die Hospitalisierungsinzidenz und neuerdings die durch COVID-19 gebundene Kapazität der Intensivstationen in Prozent betrachtet werden. Anhand dieser Kennwerte soll die aktuelle Lage in den einzelnen Bundesländern in drei Stufen eingeteilt und bewertet und in der Folge die Maßnahmen angepasst werden. Darüber hinaus gibt es weitere Berechnungssysteme. Die Länder gehen hier bereits unterschiedliche Wege.

Welche Kritik gibt es am Parameter Hospitalisierungsrate?

In den aktuellen Lageberichten des Robert Koch-Instituts lag die Sieben-Tage-Inzidenz der Hospitalisierungen zuletzt zwischen 1,0 und 2,0 – mit steigender Tendenz. Ein bundesweiter Schwellenwert, ab wann die Lage kritisch zu sehen
ist, ist für die Hospitalisierungs-Inzidenz unter anderem wegen großer regionaler Unterschiede nicht vorgesehen. Der bisherige Höchstwert lag um die Weihnachtszeit bei mehr als 15.

Doch am Meldeverfahren gibt es Kritik. Zum einen wird ein Meldeverzug bemängelt, weshalb die Hospitalisierungsrate laut Fachleuten erst einige Wochen im Nachhinein ein belastbarer Wert ist und tagesaktuell eher zu niedrig angegeben wird.  Testergebnisses. Zum anderen sollen viele Krankenhäuser nach Recherchen der "Welt am Sonntag" anders als vom RKI verlangt auch solche Patienten und Patientinnen gemeldet haben, die nicht wegen einer Covid-19-Erkrankung eingeliefert wurden, sondern wegen einer anderen Erkankung, und bei denen lediglich per Routinetest zusätzlich eine Infektion mit dem Virus festgestellt worden war. Das würde eher für zu hohe Zahlen sprechen. Hier soll es ein Missverständnis zwischen RKI und zahlreichen Kliniken gegeben haben.

Pflege auf einer Intensivstation von Corona-Patienten. (Symbolbild) (imago / citepress) (imago / citepress)Hospitalisierung nach COVID-19 - Wie verlässlich sind die Daten aus den Krankenhäusern? 
Die Hospitalisierungsrate wird zur Richtschnur für die Bewertung der Corona-Lage. Doch liefern die Krankenhäuser verlässliche Daten? Daran gibt es Zweifel.

Der Intensivmediziner Christian Karagiannidis erklärte im Deutschlandfunk zudem, der stressige Klinikalltag lasse keine Zeit für das ständige Ausfüllen von Dokumenten, dafür mangele es an Aufmerksamkeit und Personalausstattung. Denn die Daten werden per Fax ans Gesundheitsamt gemeldet, und gelegentlich werde das vergessen. 

Einsatz von SORMAS während der COVID-19-Pandemie; Kay Watty vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung an der SORMAS-Hotline (HZI/Ernst Ulrich Soja) (HZI/Ernst Ulrich Soja)Digitalisierung im Gesundheitsdienst - Wer geht zuerst: das Fax – oder die Pandemie? 
Nach 17 Monaten Pandemie sind die Gesundheitsämter immer noch auf Faxgeräte angewiesen, um die Kontakte der Deutschen nachzuverfolgen. Was ist da schiefgelaufen? 

Welche weiteren Parameter zur Bewertung der Pandemielage gibt es?

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft hatte schon vor einigen Monaten die Abkehr von der Inzidenz als Leitwert gefordert und stattdessen einen Mix aus zwölf Indikatoren zur Bewertung der Pandemielage vorgeschlagen. 

Folgende Parameter stehen u.a. zur Diskussion:

  • Hospitalisierungsrate / Krankenhausaufnahmen
  • Zahl der schweren Krankheitsverläufe
  • freie Intensivkapazitäten
  • Todesfälle
  • Impfquote 
  • R-Wert: Dieser gibt an, wie viele andere ein Infizierter im Durchschnitt ansteckt.
  • die Zahl der Menschen, die wegen Covid-19 arbeitsunfähig sind

Mehr zum Thema Coronavirus


Wie könnte ein Bewertungssystem noch aussehen?

Das RKI hat im Rahmen seiner Control-Covid-Strategie ein Stufenkonzept für künftige Corona-Maßnahmen entwickelt, das aus einem Dreiklang aus Inzidenz der Neufinektionen, Krankenhausauslastung und Intensivbettenbelegung mit Covid-19-Patienten besteht. Für jeden Indikator gibt es Schwellenwerte, ab denen die nächste der drei Stufen greift. Je nach Stufe und Setting (Gastronomie, ÖPNV, Sport etc.) schlägt das RKI dann Maßnahmen wie 3G, Beschränkung der Personenanzahl, Wegfall der Maskenpflicht oder Ähnliches vor. 

Zuvor hatte es weitere Vorschläge gegeben, wie ein Berechnungsschlüssel aussehen könnte, der die verschiedenen Parameter zu einem Leitwert verrechnet.

  • Ampel-System

    Gerald Gaß von der Deutschen Krankenhausgesellschaft schlug im Dlf-Interview vor, verschiedene Parameter in einer übersichtlichen Tabelle zusammenzufassen und sie in einem Ampel-Schema zu visualisieren: "Wenn bestimmte Schwellenwerte bei den einzelnen Kennzahlen überschritten werden, dann springt dieses Feld auf gelb oder rot und wenn sich diese Ampel oder diese Tabelle dann verfärbt, dann erkennt man: Hier gibt es insgesamt eine sehr negative Entwicklung und man muss reagieren. Man kann diese Werte dann täglich oder wöchentlich veröffentlichen und dann werden sie auch eingängig", sagte Gaß. Wichtiger, als die eine "Glücksformel" zu berechnen, sei es, die Werte im Zusammenhang zu interpretieren, betonte er.
  • 3-I-Wert

    CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt und andere Politikerinnen und Politiker plädierten für einen "3-I-Wert" aus Impffortschritt, Intensivbettenauslastung und Inzidenz.

  • Unterteilung in Gruppen von Betroffenen

    Gérard Krause, Leiter der Abteilung Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) in Braunschweig, bringt folgende Indikatoren ins Spiel: die Todesfälle, die Neuaufnahmen auf der Intensivstation, die Krankenhauseinweisungen, die Zahl der Menschen, die wegen Covid-19 arbeitsunfähig sind und die Inzidenz der positiven Labortests. Daraus berechnet er dann einen Gesamtwert, unterteilt in fünf Gruppen der Betroffenen: nach Alter, Landkreis, Impfstatus, Beruf sowie Zugehörigkeit zu einer Risikogruppe.

Grafik: Neuinfektionen in den vergangenen sieben Tagen pro 100.000 Einwohnerinnen und Einwohner nach Altersgruppen

Warum spielte der Inzidenzwert der Neuinfektionen bisher die Hauptrolle?

Ob private Kontakte, Schulöffnungen oder Ausgangsbeschränkungen: Bisher war vor allem die Sieben-Tage-Inzidenz der Neuinfektionen der ausschlaggebende Wert für politische Entscheidungen in der Corona-Pandemie. Der Wert beschreibt die Zahl der Corona-Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in sieben Tagen.

In der ersten Phase der Corona-Pandemie war schnell klar: Hohe Infektionszahlen führen mit zeitlichem Verzug dazu, dass die Krankenhäuser und Intensivstationen an die Grenzen der Belastbarkeit gebracht werden – und dass die Zahl der Todesfälle steigen wird. Um reagieren zu können, war die Inzidenz der Corona-Neuinfektionen der beste frühe Indikator. 

Auch für die Kontaktverfolgung der Gesundheitsämter hat der Inzidenzwert im Laufe der Pandemie eine entscheidende Rolle gespielt. Weltärztepräsident Frank Ulrich Montgomery sagte im Oktober 2020 zur damaligen kritischen 50er-Marke bei der Sieben-Tage-Inzidenz: "Das ist die Zahl, an der die Gesundheitsämter aufhören, jede Infektion nachvollziehen zu können und ein richtiges Tracing der Vorinfizierten, der anderen Infizierten machen zu können." 

Warum ist der Inzidenzwert der Neuinfektionen inzwischen weniger aussagekräftig?

Ein Grund ist die fortgeschrittene Impfkampagne: Da viele besonders gefährdete Altersgruppen geimpft sind, ist die Wahrscheinlichkeit gesunken, mit einer Corona-Infektion im Krankenhaus zu landen oder daran zu sterben. Der Anteil jüngerer, weniger vulnerabler Menschen am gesamten Infektionsgeschehen ist gestiegen. 

Intensivmediziner warnen jedoch: Es gebe weiterhin eine lineare Beziehung zwischen der SARS-CoV-2-Inzidenz und der Intensivbettenbelegung. Trotz der steigenden Impfquoten drohe deshalb im Herbst eine erneute Infektionswelle mit einer möglicherweise starken Belastung der Intensivmedizin, schreiben die Forscher in einer am 9. August 2021 veröffentlichten Studie. Mithilfe mathematischer Modelle haben sie darin verschiedene Szenarien für den Herbst simuliert und herausgefunden: Die Intensivbettenauslastung verläuft weiterhin proportional zur Inzidenz. Dank der Impfungen würden vergleichbare Intensivbettenbelegungen aber erst bei höherer Inzidenz als im vergangenen Winter erreicht. Doch bereits ab Inzidenzen von 200 pro 100.000 sei wieder eine erhebliche Belastung der Intensivstationen mit mehr als 3.000 Covid-19-Patienten zu erwarten, sofern die Impfquote nicht noch deutlich gesteigert werde.

"Wir brauchen die Inzidenzen weiterhin, weil sie uns extrem gut sagen, wie sich das Virus in der Bevölkerung verbreitet", sagte Christian Karagiannidis im Deutschlandfunk. Er ist Präsident der Deutschen Gesellschaft für internistische Intensiv- und Notfallmedizin. Zum einen sei der Blick auf die betroffenen Altersgruppen wichtig. Zum anderen können sich auch Geimpfte infizieren. "Insofern bleiben die Inzidenzen der absolut wichtige Wert, weil er unheimlich viele Daten integriert, und er läuft natürlich der Belegung in den Krankenhäusern deutlich voraus", so Karagiannidis. Er plädierte daher schon im August für einen Dreiklang aus Inzidenzwert, Krankenhaus- und Intensivbettenbelegung.

Eine Hand hält eine Impfdose mit dem Moderna mRnA-Impfstoff und zieht ihn mit einer Spritze heraus, aufgenommen am 23.06.2021 im Impfzentrum in Freising (imago images / Sven Simon) (imago images / Sven Simon)Warum sich Menschen trotz Impfung mit dem Coronavirus infizieren
Trotz vollständiger Impfung können sich Menschen mit dem Coronavirus infizieren und sogar erkranken. Man spricht dann von einem Impfdurchbruch. Je mehr Menschen geimpft sind, umso mehr wächst auch ihr Anteil an den Neuinfektionen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk