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StartseiteKalenderblattAls die Sowjets Hilfen der American Relief Administration annahmen20.08.2021

Hungersnot in Russland vor 100 JahrenAls die Sowjets Hilfen der American Relief Administration annahmen

Nach Oktoberrevolution und Bürgerkrieg forderte ab 1920 eine Hungersnot in Russland Millionen Tote. Aus dem historischen Bewusstsein ist die Katastrophe weithin verschwunden, genauso wie die gigantische Hilfskampagne der American Relief Administration, der Moskau am 20. August 1921 zähneknirschend zustimmte.

Von Bert-Oliver Manig

Mutmaßlich hungernde russische Frauen knien vor einem Mann, vermutlich Offizier der Hilfsorganisation American Relief Administration  (picture alliance / United Archives / World History Archive)
Hungersnot in Russland 1921/22 - laut World History Archive zeigt das Bild hungernde russische Frauen, die vor einem Offizier der American Relief Administration knien (picture alliance / United Archives / World History Archive)
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Im Juli 1921 drangen Berichte über eine beginnende Hungersnot aus dem kommunistischen Russland an die Weltöffentlichkeit. Der Schriftsteller Maxim Gorki veröffentlichte am 13. Juli 1921 mit Erlaubnis der Staatsführung einen Appell an die Weltöffentlichkeit:

"Düstere Tage sind im Land Tolstois, Dostojewskis, Mussorgskis und Glinkas angebrochen. Das Missgeschick Russlands gibt allen Menschenfreunden die großartige Gelegenheit, die Kraft des Humanitätsgedankens unter Beweis zu stellen. Ich bitte alle ehrenwerten Völker Europas und Amerikas um rasche Hilfe: Schickt uns Brot und Medizin!"

ARA-Chef Herbert Hoover stellte Bedingungen

Einen ähnlichen Appell hatte nach der Missernte von 1891 der Schriftsteller Lew Tolstoi verfasst und damit Getreidespenden vor allem aus Amerika bewirkt. Auch diesmal waren die USA Hauptadressat, die anders als die vom Ersten Weltkrieg ausgezehrten Völker Europas über erhebliche Getreidereserven verfügten. Vor allem gab es eine hocheffiziente amerikanische Hilfsorganisation, die seit 1919 in vielen europäischen Ländern Kinderspeisungen organisierte: die American Relief Administration, ARA. Ihr Leiter Herbert Hoover bot in einem Telegramm an Gorki Hilfe der ARA unter den üblichen Voraussetzungen an:

"Die Repräsentanten der ARA genießen volle Bewegungsfreiheit in Russland (und) haben die Vollmacht, nach eigenem Ermessen lokales Hilfspersonal einzustellen, frei von Einflussnahmen der Regierung."

Lenin ließ den Amerikanern Fallen "unter Einsatz von Frauen und Alkohol" stellen

Hoover, der inzwischen auch US-Handelsminister war, betonte den privat-caritativen Charakter der Hilfsaktion. Zähneknirschend akzeptierte Moskau die Bedingungen. Am 20. August 1921 wurde in Riga eine entsprechende Vereinbarung unterzeichnet. Sieben Tage später bezogen Mitarbeiter der ARA Quartier in Moskau. Der Parteivorsitzende Lenin fürchtete das Prestige der Amerikaner beim Volk und ordnete an:

"Wir müssen die Hoover-Leute mit allen verfügbaren Kräften observieren; den schlimmsten sollten wir Fallen stellen und sie in Skandale verwickeln, hauptsächlich unter Einsatz von Frauen und Alkohol."

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Doch aus den an höchster Stelle ins Auge gefassten Orgien wurde erst einmal nichts. Die ARA-Mitarbeiter, etwa 250 tatkräftige junge Männer, deren Abenteuerlust und Idealismus nach Jahren in Europa noch nicht erloschen war, schwärmten rasch in die Hungerregion aus, um Ortskräfte anzuwerben und Volksküchen aufzubauen. Was ihnen dort begegnete, überstieg ihre Erfahrungen. Hier handelte es sich nicht um Mangelernährung, sondern um Massensterben. Die Säuglingssterblichkeit lag fast bei hundert Prozent. Verwahrloste, auf die Knochen abgemagerte Kleinkinder mit aufgeblähten Bäuchen und Leichenberge in Waisenhäusern erschütterten die Helfer.

Eine entscheidende logistische Großtat

Trotz schwierigster Bedingungen entfesselte die ARA ihre ganze organisatorische Energie: Im November 1921 erhielten schon 570.000 Kinder täglich Mahlzeiten, ein Jahr später waren es mehr als zehn Millionen. Die Hilfe beschränkte sich nicht auf Kinder. Eine entscheidende logistische Großtat war im März und April 1922 die Verteilung von Saatgut an die Bauern, für die Hoover die finanzielle Unterstützung des US-Kongresses hatte gewinnen können.

Ein "Unterpfand der künftigen Freundschaft beider Nationen"?

Auch Lenin sah bald ein, was man an Hoover hatte. Als die ARA-Mission 1923 endete, dankte der Präsident des Rates der Volkskommissare, Lew Kamenew, überschwänglich:

"Alle Menschen, die in der UdSSR leben, werden niemals die Hilfe vergessen, die das amerikanische Volk ihnen hat angedeihen lassen, und sie als ein Unterpfand der künftigen Freundschaft der beiden Nationen betrachten."

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Doch die Hoffnungen im Kreml, aus der Hilfsaktion würden sich diplomatische und Wirtschaftsbeziehungen zur USA ergeben, erfüllten sich nicht. Auch der überzeugte Antikommunist Hoover lehnte sie strikt ab. Als Handelspartner und Investitionsstandort hielt er Russland ohnehin für uninteressant.

Eine der erfolgreichsten Hilfskampagnen der Geschichte

Umso eifriger arbeitete der sowjetische Geheimdienst daran, die ARA als Spionageorganisation zu verunglimpfen. Viele ihrer etwa 120.000 russischen Helfer sollen später in den Lagern des Gulags geendet sein. Auch im Westen geriet eine der erfolgreichsten Hilfskampagnen der Geschichte, der mehr als zehn Millionen Menschen das Überleben verdankten, bald in Vergessenheit.

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