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StartseiteComputer und Kommunikation"Im Moment laufen beide Systeme parallel"08.06.2013

"Im Moment laufen beide Systeme parallel"

Heise-Chefredakteur über die Zukunft von IPv6

Das neue Internetprotokoll ist da - und keiner merkt's. So könnte man die aktuelle Situation vielleicht zusammenfassen. Johannes Endres, Chefredakteur von heise online, erläutert im Interview, warum IPv6 sich nur langsam ausbreitet.

Einer der Vorteile von IPv6: Die neue Version vergrößert den Adressraum im Internet enorm.   (Stock.XCHNG / Vince Varga)
Einer der Vorteile von IPv6: Die neue Version vergrößert den Adressraum im Internet enorm. (Stock.XCHNG / Vince Varga)

Maximilian Schönherr: Vor genau zwei Jahren haben große Webportale wie Facebook die Datenübertragung vom Internetprotokoll Version 4 – wie wir es seit 20 Jahren kennen – auf das Protokoll Version 6 (IPv6) umgestellt. Das lief ohne Probleme, fiel niemandem auf. Aber auf dem IPv6-Kongress in Frankfurt war das damals ein großes Thema. Auch in dieser Woche fand dieser Kongress statt. Johannes Endres, Chefredakteur beim Heise Verlag und Mitveranstalter, haben die Teilnehmer an dem Test vor zwei Jahren damals gleich wieder auf IPv4 zurückgestellt – oder läuft jetzt nur noch IPv6 und keiner merkt's?

Johannes Endres: Ja, im Moment laufen beide Systeme parallel. Man nennt das den Dual-Stack-Betrieb, weil es eben ein doppelter Anschluss sozusagen auf Seite des Servers ist. Im Moment sind noch so viele Leute nicht mit IPv6 mit dem Internet verbunden, dass man v6 alleine eigentlich gar nicht anbieten könnte, sondern dass man immer beides parallel anbietet.

Schönherr: Wie groß war beim Heise Verlag der technische Aufwand für die Umstellung?

Endres: Der erste Schritt, den wir gemacht haben, war nahezu trivial. Wir haben einen kleinen Rechner dazugestellt, der die Übersetzung leistet zwischen v4 und v6 – und auf die Weise eben auch beide Systeme jetzt bedient bei uns. Diese Lösung war damals richtig und sie funktioniert im Moment auch noch ganz gut, weil eben v6 eine sehr geringe Verbreitung hat. Es ist aber auch schon klar, dass wir den nächsten Schritt tun müssen, wo wir also wirklich größere Teile unserer Infrastruktur v4- und v6-fähig machen müssen. Das ist auch kein großer Aufwand, aber wir müssen diesen Schritt noch tun.

Schönherr: IPv6 vergrößert ja den Adressraum im World Wide Web erheblich. Das Traumszenario ist immer, dass jedes Kühlschrankfach eine eigene IP-Adresse bekommen kann. Wo liegen heute die Anwendungen und spielen sie schon eine merkliche Rolle?

Endres: Also es gibt zwei Bereiche. Es gibt einerseits sozusagen den Brot-und-Butter-Bereich, wo manche Länder und manche Weltgegenden sich nicht rechtzeitig IPv4-Adressen gesichert haben. Deswegen gibt es zum Beispiel in manchen Bereichen Afrikas eine sehr hohe V6-Verbreitung, weil die einfach dort zu spät v4-Adressen beantragt haben und keine mehr abbekommen haben. Das ist die eine Richtung, dass das Internet überhaupt nur noch wachsen kann, wenn v6 zusätzlich geschaltet wird. Und das passiert wirklich real in verschiedenen Gegenden der Welt. Schon auch in Asien geht das los. Daneben, neben diesem Ersatz der Basis, die überhaupt nötig ist, ermöglicht v6 eben auch ganz neue Anwendungen. Dadurch, dass man so unglaublich viele Adressen zur Verfügung hat – das ist natürlich sowas wie das vernetzte Haus, wo man zum Beispiel einzelne Steckdosen über das Internet ein- und ausschalten kann. Aber darüber hinaus gibt es Bereiche, die vielleicht nicht so im Alltag sichtbar sind: in der Maschinenkommunikation. Wenn Sie große Firmen, große Produktionslinien haben, dann können eben wesentlich kleinteiliger die einzelnen Maschinen gesteuert und überwacht und eben auch kontrolliert werden. Und es gibt ganz neue Richtungen. Man redet von Schwarmintelligenz, wo man also feststellt, dass einzelne Tiere sehr erfolgreich sind, wenn sie einzeln eigentlich furchtbar dumm sind, aber miteinander kommunizieren und dann in der großen Menge doch eigentlich am Ende schlaue Dinge tun. Und es gibt in der Forschung tatsächlich Überlegungen, zum Beispiel mit relativ dummen einzelnen Robotern, die aber sehr intensiv kommunizieren können, ähnliche Leistungen zu vollbringen. Und auch für diese Mengen sind dann tatsächlich erst IPv6-Adressen ausreichend.

Schönherr: Woran hakt es bei IPv6? Das Protokoll ist ja nicht mehr das jüngste.

Endres: IPv6 ist die Technik, mit der das Internet für die nächsten Jahrzehnte funktionieren wird. Aber Sie haben vollkommen Recht: Man merkt, dass das Protokoll selber nicht mehr ganz neu ist. Es stammt aus einer Zeit – es ist ja inzwischen auch über 15 Jahre alt – als man doch das Internet als einen sehr freundlichen Bereich betrachtet hat. In den allerersten Definitionen war zum Beispiel Sicherheit kein besonders hohes Design-Ziel. Man hat das aber inzwischen alles gesehen, es gibt Änderungen am Protokoll, es gibt Nachbesserungen. Im Prinzip ist es also wirklich zeitgemäß. Es ist einfach gewachsen an den Stellen, wo man gesehen hat, dass die allerersten Würfe noch nicht gut genug waren.


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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