Samstag, 02. Juli 2022

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Inklusion im Sport
"Sport ist ein Inklusionsmotor"

Die UN-Behindertenrechtskonvention, seit zehn Jahren in Kraft, soll auch Menschen mit Behinderung gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen. "Wir befinden uns in einem Prozess, der sich stetig verbessert", sagte Rennrollstuhlsportler Alhassane Baldé im Dlf. Es gebe jedoch immer noch viele Hindernisse im Alltag.

Friedhelm Julius Beucher, Annika Zeyen und Alhassane Baldé im Gespräch mit Astrid Rawohl | 31.03.2019

Die Spielerin Mareike Miller versucht den Korb zu treffen.
Rollstuhlbasketball kann man auch als Nichtbehinderter spielen (dpa-Zentralbild, Jens Büttner)
"Es ist wichtig, immer wieder darauf aufmerksam zu machen undmitzuhelfen, dass Sport für Menschen mit Behinderung möglich ist. Das ist zum einen eine Sache von Barrierefreiheit von Sportstätten. Aber auf der anderen Seite ist auch eine Sache von Barrieren, die in den Köpfen vorhanden sind. Von Menschen die einfach Berührungsängste haben vor Menschen mit Behinderung", sagte Annika Zeyen im Deutschlandfunk-Sportgespräch. Die 34-Jährige ist Rollstuhlbasketballerin für die deutsche Nationalmannschaft der Frauen, mit der sie Gold bei den Paralympics 2012 gewann jeweils Silber 2008 und 2016.
"Wir befinden uns in einem Prozess, der sich stetig verbessert. Allein schon dadurch, wieviel man in den Medien über Para-Sport mitbekommt, dass die Einschaltquoten immer höher werden, Medien und Unternehmen sich stärker darauf fokussieren. Allerdings sind wir noch am Anfang", sagte Alhassane Baldé, der als Rennrollstuhlsportler aktiv ist.
46 Prozent der Behinderten treiben keinen Sport
Der Präsident des Deutsche Behindertensportverbands (DBS) Friedhelm Julius Beucher erzählte von dem Projekt "Mehr Inklusion im Alltag", wo in zehn verschiedenen Regionen in Deutschland, Menschen mit Behindertensport in Kontakt kommen könnten. "Da erfahren die Leute dann auf einmal, dass es Blindentennis und Blindentischtennis gibt. Oder dass im Rollstuhlbasketball Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam Sport treiben können. Das Gleiche gilt für Sitzvolleyball. Beim Blindenfußball muss man nicht blind sein, um mit jemanden Blinden Fußball zu spielen, sondern durch die Augenbinde kann auch ein Sehender mitmachen."
Friedhelm Julius Beucher, Präsident des Deutsche Behindertensportverbands mit Annika Zeyen (li.) und Alhassane Baldé (r.)
Friedhelm Julius Beucher, Präsident des Deutsche Behindertensportverbands mit Annika Zeyen (li.) und Alhassane Baldé (r.) (Deutschlandradio / Andrea Schültke)
46 Prozent der Behinderten in Deutschland würden noch überhaupt keinen Sport treiben. Dies sei noch ein extrem großes Problem, sagte Beucher, dabei würden immer mehr Sportvereine Sportangebote für Para-Sportler anbieten.
Sport als Inklusionsmotor für gesellschaftliche Teilhabe
"Der Sport hat mich zu einem aktiven, unabhängigen Menschen gemacht, der sein Leben so führen kann, wie er es möchte", sagte Baldé und schilderte im Deutschlandfunk-Sportgespräch seinen Werdegang von Guinea nach Deutschland. In Afrika hatte er überhaupt keinen Rollstuhl zur Verfügung und konnte sich nur am Boden robbend fortbewegen. Er ist seit seiner Geburt durch einen ärztlichen Fehler ab dem achten Brustwirbel querschnittsgelähmt.
Es gebe leider noch viel zu viele Hindernisse im Alltag, sagte Beucher im Dlf. Das habe aber die Gesellschaft erkannt, so gebe es mittlerweile überall Inklusionsbeauftragte. "Sport ist ein Inklusionsmotor", sagte DBS-Präsident Beucher, der auf den Lebensweg von Alhassane Baldé verwies, der durch den Sport seine gesellschaftliche Teilhabe erreicht habe.
Die niedersächsische Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD, Hintergrund Mitte) sitzt am 27.04.2016 in der Sporthalle der Schule IGS Roderbruch in Hannover (Niedersachsen) während einer inklusiven Sportstunde mit Schülern in einem Kreis.
Inklusiver Sportunterricht - gute Förderung kostet Geld (Sebastian Gollnow/dpa)
"Inklusion gibt es nicht zum Nulltarif"
Für Menschen mit Behinderung sei es noch immer schwieriger in Deutschland einen Job zu finden, als Nichtbehinderte. Allein wann man sich die Barrierefreiheit der Gebäude der Firmen anschaue. So sei die Arbeitslosenquote bei Behinderten höher, als im Bundesdurchschnitt.
Auch Beucher sparte nicht mit Kritik. Die Inklusionsmaschinerie sei über Kindergärten und Schulen gestülpt worden, die darauf gar nicht vorbereitet waren. "Inklusion gibt es nicht zum Nulltarif", man tue behinderten Kindern und auch nicht den Regelschülern keinen Gefallen, wenn man einmal die Woche eine Fachkaft engagiere. Dies hemme den normalen Prozess, sagte der ehemalige Schulleiter.
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.