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StartseiteThemaParameter zur Bewertung des Pandemiegeschehens14.07.2021

Inzidenz und HospitalisierungParameter zur Bewertung des Pandemiegeschehens

Die Sieben-Tage-Inzidenz gilt als ein wichtiges Kriterium für die Bewertung des Pandemiegeschehens. Künftig sollen weitere Parameter mehr Gewicht bekommen. Das könnte sich auf politische Entscheidungen wie die Bundesnotbremse auswirken.

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Vor Beginn der Impfkampagne war die Sieben-Tage-Inzidenz das Frühwarnsystem für das Pandemiegeschehen. Ein hohes Infektionsgeschehen führte mit zeitlichem Verzug zu einer erhöhten Belegung der Krankenhäuser und Intensivstationen sowie zu einer steigenden Zahl an Todesfällen. Politische Maßnahmen wie die Bundesnotbremse wurden daher auch an diesen Wert gekoppelt.

Konsequenzen aus fortschreitender Impfquote

Durch die fortschreitende Impfquote zieht eine höhere Inzidenz nicht mehr zwangsläufig die gleichen Effekte auf die Belastung der Krankenhäuser und auf die Todeszahlen nach sich: Viele ältere Menschen - und damit viele besonders gefährdete - sind geimpft. Daher könnten weitere Parameter zur Bewertung des Pandemiegeschehens hinzugezogen werden, zum Beispiel die Hospitalisierungsrate. Außerdem könnten die längerfristigen Folgen einer Erkrankung (Long Covid) in den Fokus gerückt werden.   

Welche Rolle spielt der Inzidenzwert bisher?

Ob private Kontakte, Schulöffnungen oder Ausgangsbeschränkungen: Bisher war vor allem die Sieben-Tage-Inzidenz der ausschlaggebende Wert für politische Entscheidungen in der Corona-Pandemie. Der Wert beschreibt die Zahl der Corona-Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in sieben Tagen. 

In der ersten Phase der Corona-Pandemie war schnell klar: Hohe Infektionszahlen führen mit zeitlichem Verzug dazu, dass die Krankenhäuser und Intensivstationen an die Grenzen der Belastbarkeit gebracht werden - und dass die Zahl der Todesfälle steigen wird. Um reagieren zu können, war die Inzidenz der beste frühe Indikator. Aber auch für die Kontaktverfolgung der Gesundheitsämter hat der Inzidenzwert im Laufe der Pandemie eine entscheidende Rolle gespielt. "Das ist die Zahl, an der die Gesundheitsämter aufhören, jede Infektion nachvollziehen zu können und ein richtiges Tracing der Vorinfizierten, der anderen Infizierten machen zu können", sagte Weltärztepräsident Frank Ulrich Montgomery im Oktober 2020 zur damaligen kritischen 50er-Marke bei der Sieben-Tage-Inzidenz. 

Jens Spahn, Bundesminister für Gesundheit, hält am 18.06.2021 bei der Bundespressekonferenz eine Maske in der Hand (imago / Jens Schicke) (imago / Jens Schicke)Gesundheitsminister zu Corona-Auflagen - Spahn (CDU) weiterhin für das Tragen von Masken in Innenräumen
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Weitere Parameter zur Bewertung der Pandemielage

Mittlerweile ist eine Abkehr vom Inzidenzwert als wichtigster Kennzahl der Corona-Politik im Gespräch. Ein Grund ist die fortgeschrittene Impfkampagne: Da viele ältere Menschen - und damit die besonders gefährdete Altersgruppe - geimpft sind, hat sich die Entwicklung der Fallzahlen von der Zahl der Hospitalisierungen und der Zahl der Todesfälle entkoppelt: Die Wahrscheinlichkeit, mit einer Covid-19-Erkrankung im Krankenhaus zu landen oder daran zu sterben, ist gesunken. Der Anteil jüngerer Menschen am gesamten Infektionsgeschehen ist gestiegen.  


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Der Epidemiologe Michael Meyer-Hermann rechnet aufgrund der veränderten Lage auch mit einem weniger stark ausgelasteten Gesundheitssystem. Meyer-Hermann sagte im Interview mit dem Dlf, dass man in Zunkunft mit einem besseren Verhältnis von Inzidenz und im Krankenhaus zu behandelnden Fällen rechnen könne. Durch das fortschreitende Impfgeschehen würden sich die betroffenen Altersgruppen weiter verschieben.

Mehr Daten von Krankhäusern

Um die Belastung des Gesundheitssystems besser bewerten zu können, sollen Krankenhäuser künftig mehr Daten zur Verfügung stellen - zum Beispiel über die Zahl der Covid-19-Patienten auf den Normalstationen, deren Symptome und Impfstatus. Der Blick müsse geweitet werden - von der Auslastung der Intensivstationen auf die Belastung der Krankenhäuser allgemein. "Dies ist wichtig, da auch hier Personal gebunden ist und in Kliniken Bettenkapazitäten aus anderen Bereichen kurzfristig zur Verfügung gestellt werden müssten", so der Infektiologe Clemens Wendtner.

Neuinfektionen nach Altersgruppen

Michael Meyer-Hermann warnte jedoch auch vor den Folgen für Jüngere, die noch keinen Impfschutz haben. Wenn man die Infektionen ohne weitere Schutzmaßnahmen einfach durch die Jugendlichen und die noch recht große Gruppe ungeimpfter Menschen "durchlaufen" lasse, würden auch die Zahlen in den Krankenhäusern wieder steigen. "Gleichzeitig gibt es andere Effekte, die jetzt zunehmend in den Vordergrund rücken, wie zum Beispiel Long Covid, die eben auch unter Jugendlichen relevant sind", so Meyer-Hermann weiter.

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Covid-19-bedingte Arbeitsunfähigkeit 

Gérard Krause, Leiter der Abteilung Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) in Braunschweig, bringt weitere Indikatoren ins Spiel: "Wünschenswert wären zusätzlich andere Krankheitslast-Merkmale wie zum Beispiel die Covid-19-bedingte Arbeitsunfähigkeit, die jedoch in Deutschland nicht sehr zeitnah verfügbar ist. Wir sollten diese Unterschiede als Gesamtbild bewerten und sie stratifiziert nach Alter, Berufsgruppen und bestimmten Expositionen und Risikofaktoren betrachten, so dass wir unsere Maßnahmen ebenfalls entsprechend gezielt angelegen können."

Wie sind die Reaktionen auf die mögliche neue Strategie?

Es brauche weiterhin Maßnahmen, um ungeimpfte Personen zu schützen,sagte Meyer-Herrmann. Darauf hat auch Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) gegenüber der "Rheinischen Post" verwiesen. Es bleibe wichtig, konsequent strenge Hygiene- und Schutzmaßnahmen zu ergreifen. Auch um jene zu schützen, die noch gar nicht geimpft werden könnten. Für Kinder unter zwölf Jahre gibt es noch keinen zugelassenen Impfstoff. Um sie zu schützen, sprach sich der Humangenetiker Wolfram Henn, Mitglied des Deutschen Ethikrates, in der "Rheinischen Post" für eine Impfpflicht für Personal in Kitas und Schulen aus. Ab zwölf Jahren ist die Impfung möglich, wenn auch noch nicht von der Ständigen Impfkommission (STIKO) empfohlen. Zum neuen Schuljahr werden in den Klassenzimmern voraussichtlich viele Kinder und Jugendliche ohne Impfschutz sitzen.

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