
Bei den Protesten im Iran rückt Reza Pahlavi in den Fokus. Der Sohn des 1979 gestürzten Schahs lebt im US-Exil und positioniert sich selbst als Stimme der Opposition im Ausland. Mit Appellen – etwa, die „schändliche Flagge der Islamischen Republik“ an iranischen Botschaften und Konsulaten im Ausland durch die frühere Staatsflagge zu ersetzen – sorgt er international für Aufmerksamkeit. Welche Rolle spielt Reza Pahlavi für die Protestierenden im Iran? Und steht der Ruf nach dem Sohn des Schahs wirklich für eine Rückkehr zur Zeit vor der Revolution von 1979?
Inhalt
Warum wurde der Schah 1979 im Iran gestürzt?
Seit dem von den USA unterstützten Sturz des demokratisch gewählten Premierministers Mohammad Mossadegh im Jahr 1953 regierte Mohammad Reza Pahlavi als unangefochtener Alleinherrscher im Iran.
Mit der sogenannten „Weißen Revolution“ versuchte der Schah ab 1963, das Land von oben zu modernisieren. Zu den Reformen gehörten eine Land- und Bildungsreform, Verbesserungen der Arbeitsbedingungen sowie die Einführung des Frauenwahlrechts.
Doch statt mehr Gerechtigkeit zu erreichen, verschärften die Reformen die sozialen Gegensätze. Großgrundbesitzer profitierten von Entschädigungen, während viele Bauern sich verschuldeten und kaum von ihrer Arbeit leben konnten. Die Kluft zwischen Arm und Reich wuchs, soziale Spannungen nahmen zu.
Zugleich verknüpfte der Schah seine Herrschaft zunehmend mit der eigenen Dynastie und ging mit brutaler Gewalt gegen Kritiker vor. Freie Wahlen gab es nicht. Seine Gegner verschwanden in Folterkellern oder wurden getötet. Der Iran entwickelte sich zu einem Polizeistaat.
Aufstieg Khomeinis und Weg in die Islamische Republik
Bereits Anfang der 1960er-Jahre stellte sich der islamische Rechtsgelehrte Ruhollah Khomeini, der den neu eingeführten Titel Ajatollah trug, offen gegen die Politik des Schahs. Von seinem Exil in Frankreich aus plante er den Aufbau einer iranischen Theokratie, also einer religiösen Herrschaft.
Gegenüber westlichen Journalisten präsentierte er sich moderat und als Befürworter einer demokratischen Ordnung und eines unabhängigen Iran. Er wurde zum zentralen Symbol des Widerstands gegen den Schah.
Mitte der 1970er-Jahre verschärften wirtschaftliche Probleme und sinkende Öleinnahmen die Lage. Die Unzufriedenheit in der Bevölkerung wuchs, landesweite Proteste breiteten sich aus und das Militär ging gewaltsam gegen Demonstrierende vor. Gleichzeitig nahmen religiös motivierte Anschläge zu, darunter Angriffe auf Kinos und Alkoholgeschäfte.
Massendemonstrationen und Streiks entzogen dem Schah schließlich die Macht, sodass er Anfang 1979 das Land verlassen musste. Khomeini übernahm im Iran die Führung. Am 1. April 1979 rief er die Islamische Republik aus.
Wer unterstützte die Islamische Revolution von 1979 – und was erhofften sich die Menschen?
Der Umsturz des Regimes wurde von einer breiten und sehr diversen Bevölkerungsgruppe getragen. Dazu gehörten religiöse Kräfte, Intellektuelle, Studenten und Linke. Ihr gemeinsames Feindbild war der Schah.
Nach Ansicht des Orientalisten Raoul Motika sind viele Menschen durch die Wut auf den Schah und die Ablehnung einer als amerikanisch empfundenen Fremdherrschaft damals vereint gewesen.
Viele Iraner glaubten laut Sadegh Zibakalam von der Universität Teheran, dass sich der Islam und eine demokratische Regierung miteinander vereinbaren ließen. Revolutionsführer Ayatollah Ruhollah Khomeini hat damals auch nie von Scharia und Schleierzwang gesprochen. Stattdessen bestärkte er die Hoffnungen der Menschen, indem er unter anderem Demokratie, Freiheit und Rechtsstaatlichkeit versprach, aber auch gratis Strom, Benzin und Öl zum Heizen.
Warum richtet sich die Kritik der aktuellen Proteste auch gegen das Ergebnis der Revolution von 1979?
Statt der ersehnten Freiheit entstand mit der Islamischen Republik ein neues autoritäres Regime. Viele Unterstützer der Revolution von 1979 wurden dadurch enttäuscht.
Das politische System begründet Macht religiös. Grundlage ist die Welāyat-e Faqīh, die Herrschaft eines islamischen Rechtsgelehrten. Dieses Amt hat seit 1989 Ayatollah Ali Chamenei inne, der laut Verfassung zugleich religiöser, politischer und militärischer Führer ist. Er bestimmt die politischen Leitlinien, entscheidet in religiösen Fragen und ist Oberbefehlshaber der Streitkräfte sowie der Revolutionsgarden. Seit Jahren sichern sich die Machthaber ihre Herrschaft durch massive Repression.
Die Kritik an der Islamischen Republik wächst in der iranischen Bevölkerung seit Jahren. Der Politologe Ali Fathollah-Nejad spricht von einem langfristigen, revolutionären Prozess, der mit den Protesten 2017 und 2018 begann, als erstmals auch bislang regimetreue Bevölkerungsschichten auf die Straße gingen. Es folgten landesweite Demonstrationen im Jahr 2019 sowie 2022 und 2023 eine weitere große Protestwelle, die vor allem von Frauen getragen wurde.
Die aktuellen Massenproteste, die seit Dezember 2025 andauern, wurden vor allem durch eine schwere Wirtschaftskrise ausgelöst: Währungsverfall, hohe Inflation und stark steigende Lebenshaltungskosten.
Nach Einschätzung der Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur handelt es sich bereits um den vierten großen Aufstand innerhalb von acht Jahren. Die Abstände zwischen den Protesten würden immer kürzer, zugleich beteiligten sich zunehmend mehr gesellschaftliche Gruppen. Amirpur hält es deshalb für möglich, dass dies bereits der letzte oder zumindest der vorletzte Aufstand vor dem Sturz der Islamischen Republik sein könnte. Die „Tage der Islamischen Republik Iran sind mit Sicherheit gezählt“, sagt sie.
Die Proteste richten sich zunehmend gegen die Legitimation der Islamischen Republik selbst und stellen damit das politische System infrage, das aus der Revolution von 1979 hervorging.
Amirpur erklärt die aktuellen Proteste mit der wachsenden Wut auf das Regime, das nicht in der Lage sei, seine Bevölkerung zu schützen oder wirtschaftlich zu versorgen und sich im Wesentlichen nur selbst bereichere. Große Teile der Gesellschaft lebten in Armut, während staatliche Mittel vor allem in Ideologie und Repression flössen.
Warum rufen einige Demonstrierende heute nach dem Sohn des Schahs und welche Rolle könnte er spielen?
Reza Pahlavi, der Sohn des 1979 gestürzten Schahs, erhält derzeit große mediale Aufmerksamkeit. Er ruft Demonstrierende dazu auf, die Stadtzentren des Landes zu besetzen, und erklärt, er bereite sich auf eine baldige Rückkehr in den Iran vor.
Pahlavi lebt im US-amerikanischen Exil und präsentiert sich als Vertreter der iranischen Opposition. Diese ist jedoch – im Land wie im Ausland – stark zersplittert und politisch uneinheitlich.
Sein Aufruf wurde millionenfach abgerufen. Nach Einschätzung der Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur gibt es Menschen, die nicht für eine Rückkehr der Monarchie sind, dennoch aber demonstrieren, weil Pahlavi als jemand wahrgenommen wird, der das Land einen könnte. Doch er ist im Iran auch höchst umstritten. Und es bleibt offen, wofür er politisch steht und welche Rolle er tatsächlich spielen könnte.
Eine große einigende Kraft gehe von ihm bislang nicht aus, meint Politikwissenschaftler Cornelius Adebahr. Bereits während der „Frau, Leben, Freiheit“-Proteste vor drei Jahren sei es ihm nicht gelungen, die Opposition im Ausland zu einen. Stattdessen sei deutlich geworden, wie zersplittert und zerstritten die Führungsfiguren seien.
Zwar werde Pahlavi derzeit stark wahrgenommen und dadurch in eine führende Rolle gedrängt. „Das heißt aber nicht, dass die Menschen im Land genau ihn wollen, sondern dass sie wissen, was sie nicht wollen: das Regime“, sagt Adebahr. Die Vorstellungen über die politische Zukunft seien dabei höchst unterschiedlich.
Eine Symbolfigur ohne Machtbasis
Politikwissenschaftler Vali Nasr sagt in einem Interview mit dem Magazin Cicero, Reza Pahlavi verfüge weder über eine Organisation im Iran noch über Bündnisse mit Militär, Verwaltung oder Eliten. Er habe das Land seit Jahrzehnten nicht von Innen erlebt. Eine tragfähige Koalition, die auch religiöse Gruppen einbeziehe, fehle ebenfalls.
Pahlavi folge den Protesten eher, als dass er sie anführe. Ohne institutionelle Basis sei ein politischer, wirtschaftlicher und sicherheitspolitischer Umbau des Iran kaum zu bewältigen. Die Proteste machen deutlich, dass sich viele Menschen grundsätzlich vom politischen Erbe der Revolution von 1979 lösen wollen.
Ob das Regime in Teheran gestürzt werden könnte, ist nach Einschätzung von Analysten derzeit nicht absehbar.
Politologe Adebahr erklärt, dass der Machtapparat im Iran sehr tief verankert sei. Immerhin gibt es die islamische Republik mit ihren Strukturen, seit gut 47 Jahren. Selbst wenn der Oberste Führer und die religiöse Spitze verschwinden würden, blieben die Revolutionsgarden als „eine Art Staat im Staat“ bestehen und könnten die Macht festigen. Deshalb sei ein demokratischer und friedlicher Umbruch keineswegs sicher. Stattdessen könnte sich eine Militärdiktatur herausbilden.
ema


























