Samstag, 18. Mai 2024

Saul Friedländer: "Blick in den Abgrund"
"Israels Feinde rechnen mit einem tieferen Bruch"

Anfang 2023 war der israelische Historiker Saul Friedländer so bestürzt über die Regierung seines Landes, dass er begann, Tagebuch zu schreiben: Darin analysiert er die Gesellschaft und überrascht mit prophetisch anmutenden Schlussfolgerungen.

Von Victoria Eglau | 16.10.2023
Israelische Demonstranten halten Fahnen und blockieren die Ayalon-Autobahn während eines Protestes gegen die Pläne der Regierung von Premierminister Benjamin Netanjahu, das Justizsystem zu reformieren.
Antiregierungsprotest in Israel im Juli 2023 (picture alliance / dpa / Ilia Yefimovich)
Als Saul Friedländer Mitte Januar 2023 sein Tagebuch „Blick in den Abgrund“ beginnt, kann er nicht ahnen, dass Israel ein dreiviertel Jahr später den verheerendsten Angriff seit dem Jom-Kippur-Krieg und vielleicht in seiner ganzen Geschichte erleiden wird. Das Tagebuch des Historikers ist die Chronik eines halben Jahres, in dem Israel vor allem mit sich selbst und dem erbitterten Konflikt um die von der Regierung Netanjahu vorangetriebene Justizreform beschäftigt war.
Aber in Friedländers Aufzeichnungen finden sich geradezu prophetische Passagen. Darin fragt er sich sorgenvoll, was die tiefe Spaltung der israelischen Gesellschaft für die Verteidigungsfähigkeit des Landes bedeutet.

Mangelnde Verteidigungsfähigkeit Israels

In der Vergangenheit habe es ein Gemeinschaftsgefühl gegeben, das stärker gewesen sei als alle Spaltungen, schreibt Saul Friedländer. Doch nun sieht er eine Kluft, die er für gefährlich für Israels Sicherheit hält.
„Ich frage mich, ob die gegenwärtigen Meinungsverschiedenheiten im Falle eines erneuten Krieges verschwinden würden, der wahrscheinlich mehr Leben und Zerstörung kosten würde als die vorherigen“, heißt es in Friedländers Tagebuch. „Israels Feinde rechnen möglicherweise mit einem tieferen Bruch als je zuvor innerhalb der nationalen Gemeinschaft, den kein Angriff heilen könnte und der die Fähigkeit Israels, sich so wirkungsvoll wie in der Vergangenheit zu verteidigen, beeinträchtigen würde. Könnten sie damit recht haben?“

Empörung über Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu

Friedländer beginnt mit seinen Notizen, als die rechtsreligiöse, in Teilen rechtsextreme israelische Regierung wenige Wochen im Amt ist. Der Charakter und die Pläne dieser Regierung beunruhigen und bestürzen den Autor zutiefst. „Das Ende dieses Tagebuchs ist offen. Vorerst ist es nur meine private Chronik eines fortdauernden Dramas, das entweder zu einer Feier des Sieges der Demokratie oder zu dem Eingeständnis führen wird, dass das pulsierende Land, in dem ich jahrzehntelang gelebt und gearbeitet habe, tot ist. Dass etwas anderes, etwas Unannehmbares an seine Stelle getreten ist“, schreibt Saul Friedländer im Januar.
Saul Friedländer hat sich international einen Namen gemacht als Historiker, der sich mit jüdischer Geschichte und dem Holocaust beschäftigt. Er wurde in Prag geboren und überlebte die Shoah in Frankreich. Seine Eltern wurden von dort deportiert und wahrscheinlich in Auschwitz ermordet. Als Schüler ging Saul Friedländer Ende der 1940er-Jahre nach Israel. Sein Studium absolvierte er in Europa, in Israel wurde er Geschichtsprofessor und arbeitete in verschiedenen Funktionen für den israelischen Staat. Saul Friedländer ist inzwischen 91 Jahre alt und lebt in Los Angeles.
Zentrales Thema seines Tagebuchs ist die inzwischen in Teilen verabschiedete Justizreform, mit der sich jetzt das Oberste Gericht beschäftigt. Der Autor macht keinen Hehl aus seiner Empörung über Benjamin Netanjahu, der 2020 wegen Korruption angeklagt wurde und mit der Justizreform "seine eigene Haut retten" wolle.

Gesellschaftliche Spaltung in Israel

Israel befinde sich nicht nur in einer politischen Krise, konstatiert Friedländer, sondern in einer großen sozialen Krise. Denn das Land sei gespalten in einen liberalen, säkularen Teil mit größtenteils aschkenasischen Juden, und in einen religiösen Teil, dem vor allem Misrachim angehören. Diese in den 1950er-Jahren eingewanderten arabischen und nordafrikanischen Juden wurden in Israel lange diskriminiert.
Ihr Unterlegenheitsgefühl gegenüber den aschkenasischen Eliten hätten die ultraorthodoxe Schas-Partei und Likud-Politiker wie Menachem Begin in den 70er-Jahren und Netanjahu heute politisch ausgeschlachtet – das habe die gesellschaftliche Spaltung noch vertieft, bedauert Friedländer. „Für eine Nation wie Israel, die ständig belagert wird, kann das, was bisher eine Quelle relativ gedämpfter sozialer Ressentiments war, zu einem gefährlichen existenziellen Problem werden, wenn es sich in einen tief spaltenden Antagonismus verwandelt, wie es heute der Fall ist“, schlussfolgert er. „Und diese Spaltung wurde durch Netanjahus hemmungslose Hetze noch verstärkt.“
Dass sich die Misrachim bis heute in hohen Justiz-Ämtern unterrepräsentiert fühlen, ist ein Grund dafür, dass viele von ihnen mit der Justizreform einverstanden sind, während es mehrheitlich aschkenasische Israelis sind, die gegen das protestieren, was sie als Angriff auf ihre Demokratie sehen. „Ich wünschte so sehr, ich wäre auch dabei“, notiert der 91-jährige Friedländer bewegt am 21. Juli, als ein riesiger Protestmarsch von Tel Aviv nach Jerusalem zieht. 

Palästinensische Frage als „Kern unserer politischen Krankheit“

In seinem Tagebuch geht der Historiker immer wieder auf den Konflikt mit den Palästinensern und auf die Besatzung und Besiedlung des Westjordanlands ein. Er lässt keinen Zweifel daran, dass er diese für falsch und verhängnisvoll hält. Die palästinensische Frage sei, so Friedländer, „der Kern unserer politischen Krankheit, unserer langjährigen sozialen Malaise und unseres ständigen Rückgriffs auf Gewalt. Ich weiß nicht, ob der Konflikt mit den Palästinensern noch eine friedliche Lösung finden kann. Aber sicher ist, dass die fortgesetzte Annexion und der ständige Ausbau der Siedlungen die Flammen anfachen. Und die Brutalität unseres Vorgehens in den besetzten Gebieten stachelt nicht nur die palästinensische Gewalt an, sondern lässt zunehmend unsere eigene Gesellschaft verrohen.“
Saul Friedländer findet klare, kritische und für viele Israelis sicher unbequeme Worte. Sie entspringen zweifellos seiner tiefen Sorge um das Land, für das er einst kämpfen wollte, als er als 15-jähriger Holocaust-Überlebender unter abenteuerlichen Umständen in den gerade gegründeten israelischen Staat gelangte.
Friedländer verharmlost nicht die tödlichen Angriffe palästinensischer Terroristen auf Israelis, verschweigt aber auch nicht die Gewalt radikaler Siedler. Der Autor, der als junger Mann selbst vor nationalistischem Enthusiasmus glühte, hält die Vermischung von Nationalismus mit religiösem Messianismus heute für brandgefährlich.
„Wird ein Angriff von außen den jüdischen Staat retten, bevor innere Unruhen ihn zerstören?“, fragt sich Saul Friedländer. Er konnte nicht ahnen, welch großen und entsetzlichen Angriff die Hamas auf Israel verüben würde. Friedländers Buch jedenfalls bietet eine aufschlussreiche Analyse der politischen und sozialen Lage im Land.
Saul Friedländer: „Blick in den Abgrund. Ein israelisches Tagebuch“
Aus dem Englischen von Andreas Wirthensohn,
Verlag C.H. Beck, 237 Seiten, 24 Euro.