Freitag, 19. April 2024

Kinderfußball in Deutschland
Der Kulturkampf um die Tabelle

Es muss sich was ändern – das ist nach den Fußball-Weltmeisterschaften der Frauen und Männer weitgehend Konsens. Nur, wo genau muss der Hebel im deutschen Jugendfußball angesetzt werden? Die Reformen erregen die Gemüter. Es gibt große Diskussionen.

Von Daniel Theweleit | 26.08.2023
Ein Junge steht auf einem Fußballplatz und trainiert (Symbolbild).
Wie soll die Zukunft des Jugendfußballs in Deutschland aussehen? Mit dieser Frage hat sich der DFB beschäftigt und Reformen in die Wege geleitet. Nicht alle finden diese wirklich sinnvoll – aber es gibt auch Unterstützung für die neuen Ansätze. (imago images / Westend61 / Stefanie Aumiller via www.imago-images.de)
Es ist eine Revolution, die sich auf den Fußballplätzen in Deutschland vollzieht. In der G- und F-Jugend, also bei Kindern bis neun Jahre, wird nicht mehr auf einzelne Tore gespielt, es gibt auch keine Tabellen mehr.
Die Kinder sollen stattdessen Zwei gegen Zwei oder Drei gegen Drei auf vier Mini-Tore spielen. Immer mehr Wettbewerbe finden auf diese Weise statt, ab der Saison 2024/25 ist das Pflicht. Das hat der Deutsche Fußball-Bund (DFB) so festgelegt.

Baumgart kritisiert Jugendfußball-Reformen scharf

Steffen Baumgart beschreibt diese Spielformen ohne Tabelle im WDR-Podcast „Einfach Fußball“ als Symptom einer allgemeinen Verweichlichung. Von den Reformen des DFB hält der Trainer des Fußball-Bundesligisten 1. FC Köln "gar nichts".
Der 51-Jährige führte aus: "Weil – nicht falsch verstehen – wir sind eine Generation, die nur noch den weichen und seichten Weg geht. Das kann doch wohl nicht wahr sein. Es ist doch nicht schlimm, wenn ein Kind verliert. Ich muss doch lernen, mit Niederlagen umzugehen. Ich muss doch lernen, mich nicht durchzusetzen und nicht nur Spaß an dem Sport zu haben, wenn ich zehn Tore schieße. Das kann doch nicht schwer sein."

Viele prominente Gegner des neuen DFB-Ansatzes

Der österreichische Nationaltrainer Ralf Rangnick, der dem Kreis der innovativsten deutschen Fußballkenner angehört, glaubt ebenfalls, der DFB drehe mit seinen Reformen "am völlig falschen Rad". Und TV-Experte Didi Hamann findet: "Ohne Ergebnis kein Erlebnis."
Eine weitere Gegenposition zu den Reformen nimmt der frühere Weltklasse-Verteidiger Thomas Helmer ein. Er sagt zu den Neuerungen in der Fußballausbildung im WELT-TV-Interview: "Das finde ich jetzt schon sehr grotesk. Aber mich verwundert mittlerweile alles, was beim DFB so beschlossen wird. Ich glaube, die haben viele eigene Probleme, die sollten sie in erster Linie lösen."
Das sind Stimmen mit Gewicht, die sich leicht mit anderen Diskussionen in der Gesellschaft verbinden lassen. Verliert der Wert von Leistung grundsätzlich an Bedeutung? Werden Kinder zu sehr verhätschelt von Schulen ohne Noten und von Fußball ohne Tabellen?
"Den Fußballsport macht doch aus: gewinnen. Tore ist das geilste der Welt. Wenn ich sage: Ich habe ein Tor geschossen, es interessiert keinen, was ist das?", fragt der Bundesliga-Trainer Baumgart.

Sieger und Verlierer gibt es weiterhin

Beim DFB hingegen ist eine gewisse Verärgerung spürbar über die Aussagen der Kritiker. Denn sie sind zwar Fußball-Experten, haben sich offenkundig aber nur oberflächlich mit den Reformen beschäftigt.
Hannes Wolf, der am vergangenen Montag beim Verband als neuer Direktor Nachwuchs, Training und Entwicklung vorgestellt wurde, sagt, er habe "mit Ralf Rangnick darüber telefoniert und der sagt, der Ball muss im Netz zappeln".

Redaktionell empfohlener externer Inhalt

Mit Aktivierung des Schalters (Blau) werden externe Inhalte angezeigt und personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt. Deutschlandradio hat darauf keinen Einfluss. Näheres dazu lesen Sie in unserer Datenschutzerklärung. Sie können die Anzeige und die damit verbundene Datenübermittlung mit dem Schalter (Grau) jederzeit wieder deaktivieren.

Wolf erklärte: "Ich sage: Ja, das tut er. Vier gegen Vier plus Torwart, zappelt er im Netz. Aber die Kinder haben auch auf den kleinen Toren gejubelt. Denn die sind eben kleiner, und das Tor ist für die größer, als es für uns aussieht. Und da ist ein Netz drinnen, da kann man den Ball reinschießen."
Und auch, wenn es durch die Spielformen keine Tabellen mehr gibt – Sieger und Verlierer gibt es weiterhin: "Du spielst statt einmal Sieben gegen Sieben und die anderen sitzen auf der Bank, spielst du fünf Mal Drei gegen Drei. Dann spielen wir im Champions League-Modus. Das heißt, wenn du gewinnst, gehst Du ein Feld nach rechts, wenn du verlierst, gehst du ein Feld nach links. Wenn du am Ende auf Feld eins bist, hast du die ganze Zeit gewonnen. Wenn du auf Feld fünf bist, musst du trainieren. Unmittelbar gibt es die Rückmeldung, ob Du gewonnen hast oder verloren. Keiner will die Ergebnisse abschaffen."

Ex-Profi Wagner Teil des DFB-Kompetenzteams

Der frühere Profi Sandro Wagner, der Teil von Wolfs sogenannten Kompetenzteam ist, sieht es ähnlich wie Wolf: "An dem Ganzen kannst du nichts aussetzen, das ist unmöglich. Ich kann es nicht nachvollziehen. Vor allem gibt es Gewinnen und Verlieren. Man muss nur hinfahren und es sich anschauen. Dann sieht man: Die Jungs, die gewinnen, freuen sich und die, die verlieren, heulen. Es gibt alles, was es früher schon gab, nur noch intensiver, nur noch nahbarer."
Was es nicht mehr geben soll: 13:0-Siege, bei denen sich ein Team langweilt und das andere gedemütigt wird. Durch das Format mit Auf- und Abstieg auf kleinem Feld gleicht sich die Leistungsdichte an: Gute spielen gegen Gute, Schlechte gegen Schlechte. Und alle Spielenden haben viel mehr Ballaktionen.

Derzeitiges Konzept hemmt laut Wolf Entwicklungen

Aber offenbar findet eine Art Kulturkampf im deutschen Fußball statt. Wobei sich in den Nachwuchsleistungszentren der Bundesligavereine so gut wie niemand mehr gegen das Modell positioniert. Die Reform der U17- und U19-Bundesligen, aus denen die 57 Nachwuchsleistungszentren künftig nicht mehr absteigen können, wurde sogar einstimmig beschlossen.
Denn die derzeitige Konzeption hemme Entwicklungen, sagt DFB-Direktor Wolf: "Da sind 14 Mannschaften und drei steigen ab. Das heißt, die halbe Liga ist im Abstiegskampf. Die Trainer machen das beruflich, und jetzt sagen wir aber: Geht mal weg vom nächsten Spiel und achtet mehr auf individuelle Entwicklung. Das ist ja Wahnsinn. Die verlieren ihren Job vielleicht, wenn sie absteigen. Wie sollen die das machen? Und dazu kommt ja noch, dass eine Spielphilosophie destruktiv wird."

Kaum Widerspruch aus der Sportwissenschaft, aber...

Der DFB will seine Ideen durchsetzen und hat dafür gute Argumente. Auch Arne Güllich von der Technischen Universität Kaiserslautern, der seit vielen Jahren zur Talentförderung im Fußball und anderen Sportarten forscht, widerspricht nicht. Den Wissenschaftler wundert aber, wie wenig alternative Ideen es gibt.
Er verdeutlicht: "Es ist sehr bemerkenswert, wie erfolgreich der DFB in den letzten 20 Jahren darin gewesen ist, ein Spiel- und Trainingskonzept zu entwerfen und das dann auch durchzusetzen. In den Vereinen und NLZ wird relativ homogen eine einheitliche Fußballphilosophie verwirklicht. In anderen Sportarten ist das nicht gelungen. Heißt ja aber gleichzeitig, dass man sich damit eines zentralen Fortschrittsmechanismus beraubt. Gesellschaften lernen nämlich dadurch, dass es Pluralität gibt und dadurch Wettbewerb zwischen den Ideen und Ansätzen."
Vielleicht wäre ein Wettbewerb verschiedener Ideen, Modelle und Konzepte tatsächlich erfolgversprechend. Die aktuelle Debatte ist zwar kontrovers, erfüllt diesen Anspruch aber sicher nicht.