Sonntag, 02. Oktober 2022

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Jung: Bundestag hat historische Chance vertan

Der Bundestag hat nach Ansicht des Leipziger Oberbürgermeisters Jung mit der Entscheidung für ein Einheitsdenkmal in Berlin eine historische Chance verpasst. Durch einen Standort auch in Leipzig hätte eine neue Erinnerungskultur und eine neue ästhetische Qualität entwickelt werden können, sagte Jung im Deutschlandfunk. Die friedliche Revolution in Leipzig und der Mauerfall in Berlin sollten miteinander in Beziehung gesetzt werden, betonte der SPD-Politiker.

Moderation: Philipp Krohn | 10.11.2007

    Philipp Krohn: In Berlin soll ein Denkmal für die deutsche Einheit entstehen. Das hat der Bundestag gestern mit seiner Mehrheit beschlossen. Innerhalb von zwei Jahren soll nun eine zentrale Gedenkstätte errichtet werden, die an den friedlichen Umbruch in der DDR von 1989 erinnert. Pünktlich zum 20. Jahrestag der Maueröffnung soll sie fertig sein.

    Abgelehnt wurde unter anderem ein Antrag der Linkspartei, das Denkmal in Leipzig zu errichten, wo 1989 die erste Montagsdemo gegen das SED-Regime stattfand. 85 Prozent der befragten in einer ZDF-Umfrage hatten sich für Leipzig ausgesprochen, deshalb lautete meine erste Frage an Burkhard Jung, den Leipziger Oberbürgermeister von der SPD vor dieser Sendung, ob das Parlament falsch entschieden hat?

    Burkhard Jung: Ich habe mich sehr darüber gefreut, dass offensichtlich in Deutschland die Erinnerung ganz, ganz wach ist, dass in Leipzig diese mutigen, tapferen Menschen, sicherlich mit Angst in der Hose, wenn ich es mal so salopp sagen darf, aber mit einer unglaublichen Kraft am 9. Oktober 1989 über den Innenstadtring marschiert sind, und der friedliche Revolution zum Durchbruch verhalfen.

    Und insofern ja, um auf ihre Frage zu antworten, ja, der Bundestag hat eine historische Chance verpasst. Er hätte nämlich eine neue, nationale Erinnerungskultur pflegen können, die in einem Doppelstandort Berlin/Leipzig, denke ich, eine neue ästhetische Qualität entfalten könnte.

    Krohn: Ihre Idee von korrespondierenden Denkmälern, ist sie denn jetzt damit nicht mehr möglich?

    Jung: Ich geb' das ja nie auf. Erstens freue ich mich, es war wohl knapp, wie ich gehört habe, zweitens habe ich sehr aufmerksam übermittelt bekommen, dass Herr Thierse sich deutlich in seiner Rede für eine Einbeziehung der Leipziger Situation und der Leipziger historischen Leistung ausgesprochen hat.

    Mit anderen Worten, ich gehe davon aus, dass wir dennoch korrepondierend denken müssen, und wir nicht schlicht und ergreifend eine Skulptur in Berlin aufstellen. Sondern diese Bezüge, diese dringenden historischen Bezüge in dieser Ausformung des Denkmals dann beachten müssen und gegebenenfalls den Doppelstandort noch im Spiel haben.

    Krohn: Wie könnte das denn konkret aussehen? Wolfgang Thierse hat im Bundestag auch gesagt, man darf Einheit und Freiheit nicht auseinander denken. Würde das dann am Ende vielleicht so aussehen, dass ein Einheitsdenkmal in Berlin und eins in Leipzig wäre?

    Jung: Ich sehe das auch so, Freiheit und Einheit darf man wirklich nicht auseinander dividieren. Aber den Gedanken des Durchbruchs der Revolution, der einen Monat später zum Durchbruch der Mauer führt, den künstlerisch zu gestalten halte ich sehr wohl für möglich. Nun bin ich nicht der Bildhauer und der Künstler, aber das könnte eine ganz spannende Aufgabe sein für Künstler, sich mit diesem Gedanken zu beschäftigen, wie man über 180 Kilometer eine Korrespondenz schafft, wo man fast notgedrungen für sich formuliert, ich muss beide Stellen sehen, weil das ergibt die Einheit des Gedankens.

    Und wir in Leipzig versuchen ja vor allen Dingen den Gedanken insofern wach zu halten, als wir meinen, das Stichwort Demokratie und Aufbruch ist vielleicht darüber hinaus neben Einheit und Freiheit noch ein ganz entscheidender Impuls. Demokratie muss man erarbeiten, die wird einem nicht geschenkt, sondern es ist das Ergebnis eines Willensprozesses, eines Engagements, und das ist Tag täglich neu zu stemmen.

    Wenn das gelänge, dass man junge Menschen nicht nur zu einer Skulptur führt, sondern sie interaktiv in Beziehung setzt, sie auf den Weg sendet, der damals gegangen wurde, und in Berlin vollendet, dann könnte ich mir eine ganz lebendige Erinnerungskultur in der Tat an diesen beiden Orten vorstellen.

    Krohn: Bringen damit Sie vielleicht, wenn Sie den Gedanken der Demokratie auch noch ansprechen, noch einen dritten Ort ins Spiel?

    Jung: Nein, Herr Krohn, nein, lassen Sie mal einen kleinen Moment weg von den Orten, sondern wirklich von den Gedanken, nur das, was Menschen in einer großen Anzahl auf der Straße bewegt haben, findet dann im Prinzip auch sein institutionellen Ausdruck in der gemeinsamen Nationalstaatlichkeit. Da haben wir alles zusammen. Wir haben dies Freiheits-Sehnsuchtsmotiv, wir haben den Einheitsgedanken und wir haben den demokratischen Prozess von unten. Ich glaube, wir müssen es zusammen denken.

    Krohn: Wenn wir nun zwei Denkmäler hätten, eines in Berlin, eines in Leipzig, wie es ihr Vorschlag wäre, würde das nicht den Effekt eines zentralen Gedenkortes vermindern?

    Jung: Das glaube ich nicht, ich glaube, dass es falsch ist, an einem Ort alles zu wollen. Sicherlich ist Berlin die Hauptstadt, aber unter uns gesagt, schon sehr gesegnet mit Nationaldenkmälern. Wenn man hier versucht, neue Wege zu gehen und Menschen in Bewegung zu bringen, indem sie sich auseinandersetzen müssen im wahrsten Sinne des Wortes, denk mal darüber nach, dann wäre das gekonnt, dann hätte wir sozusagen weg die Sockelkultur hin zu einer interaktiven Beschäftigungskultur gebracht.

    Krohn: Aber welche Hoffnung haben Sie denn nach dem Beschluss im Bundestag noch, dass Leipzig zum Zuge kommt?

    Jung: Erstens, dieser Protokollbezug zur Rede von Wolfgang Thierse, dass man in der Tat den 9. November nicht trennen kann vom 9. Oktober, dass also Leipzig mitzudenken ist. Und zweitens, wir lassen ja nicht nach. Wir werden ja nicht in Leipzig jetzt die Hände in den Schoss legen, sondern wir arbeiten ja ganz gezielt an unserer eigenen Weiterverarbeitung dieser Erlebnisse von 89, das heißt, 2009 zum 20-Jährigen wird es mit Sicherheit in Leipzig wieder einen Punkt geben, den wir besetzen können.

    Das heißt, es gibt das Angebot der Kulturstiftung eine Demokratieglocke in Leipzig zu errichten nach der Nikolaisäule auf dem Nikolaikirchhof, jetzt die Demokratieglocke, wir werden den Ring in den nächsten zehn, fünfzehn Jahren weiter uns anschauen, die wir an der runden Ecke, der Stasizentrale, vielleicht weiter ein ästhetisches Zeichen setzen. Ich bin da ganz zuversichtlich, wir lassen ja den Kopf nicht hängen, weil der Bundestag mit knapper Mehrheit was anderes entschieden hat.

    Krohn: Aber wozu benötigt es die Unterstützung des Bundes oder des Landes Sachsen?

    Jung: Ich versuche es noch mal zu sagen: Es ist eben keine lokale Angelegenheit allein. Wir stellen uns dem. Wir tun das als Leipziger. Aber dieses Wunder von Leipzig ist eine nationale und europäische Angelegenheit, und deshalb ist es Sache des Bundestages.

    Krohn: Auf welche Unterstützung aus dem Land Sachsen hoffen Sie?

    Jung: Ich bin ganz überrascht, dass sehr schnell aus Sachsen jetzt der Vorschlag kommt, über eine Landesunterstützung in Leipzig zu helfen. Mich würde das freuen. Das lässt aber nicht die nationale Ebene aus der Pflicht.

    Krohn: Die Kritik der Grünen heute im Bundestag lautete, es sei ein Hau-Ruck-Verfahren, mit dem Bundestagspräsident Lammert das in den Bundestag gebracht hat. Kann eine bundesweite Diskussion überhaupt jetzt noch gelingen, nachdem es schon einen Beschluss aus dem Bundestag gibt?

    Jung: Ich glaube, dass die bundesweite Diskussion jetzt erst los geht. Ich sehe diesen Beschluss heute als ein Bekenntnis, ein solches nationales Denkmal zu errichten. Aber bitte, damit ist es doch nicht zu Ende in der Ausformung.

    Und so lange ich die Entwürfe noch nicht gesehen habe, die im Ergebnis dann vorgeschlagen werden, werde ich weiter an dieser Idee arbeiten, dass wir hier in Leipzig versuchen, diese nationale und europäische Bedeutung, ja sogar die globale Bedeutung, so unbescheiden sind wir, immer wieder ins Spiel bringen, und damit auch den Standort.

    Krohn: Haben denn die kurzen 18 Jahre gereicht, um einen einheitliche Sicht auf die deutsche Einheit zu bekommen, die ja für so ein Denkmal von Vorteil wäre?

    Jung: Da sprechen Sie einen ganz wichtigen Punkt an. Ich glaube, in der Tat braucht es Abstand zu dem historischen Ereignis, um es auch vernünftig werten zu können. Bis es Eingang in die Schulbücher findet, bis es historisch, distanziert und dennoch angemessen gewürdigt werden kann, braucht es Zeit, vielleicht eine Generation und vielleicht sind 18 Jahre noch dicht dran.

    Aber immer hin, es ist fast einen Generation verstrichen. Und wir dürfen nicht vergessen, dass die heute 20-Jährigen keine persönliche Erinnerung mehr an diesen Tag hatte, an dieses Ereignis hatten und diese Zeit und es tut Not, dass wir junge Menschen mitnehmen bei diesem wunderbaren Prozess der deutschen Wiedervereinigung.

    Krohn: Heißt das also, dass wir nicht zwangsläufig bis zum 20. Jahrestag in zwei Jahren fertig sein müssen?
    Jung: So ist das, das bleibt eine Aufgabe, ich glaube, da werden wir noch Jahrzehnte mit zu tun haben.