Freitag, 12. August 2022

100. Todestag
Camille Saint-Saëns - verehrt und verachtet

Camille Saint-Saëns war sehr viel mehr als nur der Komponist des "Karnevals der Tiere": Ein Revolutionär und Wegbereiter der Moderne, und das jüngste Wunderkind der Musikgeschichte. Vor 100 Jahren ist der französische Komponist in Algier gestorben.

Von Michael Stegemann | 16.12.2021

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Der Komponist Camille Saint-Saëns auf einer Postkarte um 1907 (IMAGO/KHARBINE-TAPABOR)
"Im Hervorbringen meiner Werke folge ich einem Gesetz meiner Natur, so wie ein Apfelbaum Äpfel hervorbringt." - Und das bis zuletzt: Seine letzten Arbeiten – die Orchestrationen eines Klavierwalzers und einer Romanze für Violine – beendete der französische Komponist Camille Saint-Saëns drei Tage vor seinem Tod. Er starb am 16. Dezember 1921 in einem Hotel in Algier, wo er seit Jahren die Wintermonate verbrachte. Es war der 'Schlussakkord' einer einzigartigen Karriere, die 83 Jahre und rund 700 Werke zuvor begonnen hatte: Seine erste Komposition – ein kleines Klavierstück in C-Dur – notierte Saint-Saëns eigenhändig am 22. März 1839 - im Alter von drei Jahren und fünf Monaten.

Angefeindet als "Wagnerist"

Camille Saint-Saëns – geboren am 9. Oktober 1835 in Paris – wuchs nach dem frühen Tod seines Vaters mit seiner Mutter und seiner Großtante auf, die seine Wunderkind-Begabung förderten. Mit zehn Jahren gab er sein Debüt als Pianist, mit 15 vollendete er seine erste Symphonie, mit 17 wurde er Organist an der Pariser Kirche Saint-Merry und später an der Église de la Madeleine. Vor allem in seiner Instrumentalmusik folgte Saint-Saëns einerseits den Vorbildern Mozarts und Beethovens, während er andererseits, unter dem Einfluss seines Mentors Franz Liszt und des "Wagnerismus", radikal neue Wege ging – und dafür in Paris ebenso angefeindet wurde wie anderswo.
Bei der Uraufführung seines 3. Klavierkonzerts im Leipziger Gewandhaus zum Beispiel kam es 1869 wegen der kühnen Harmonik fast zu einer Publikums-Schlacht.

Einer der bedeutendsten Komponisten des 19. Jahrhunderts

Saint-Saëns schrieb das erste Werk mit Saxofon-Quartett und die erste Filmmusik, er verwendete als erster Xylophon und Celesta im Orchester und führte die Symphonische Dichtung in Frankreich ein.
Nur auf der Bühne blieb ihm der Erfolg lange versagt: Von seinen 13 Opern konnte sich lediglich "Samson et Dalila" im Repertoire halten. Aber in seinen Konzerten, Orchesterwerken und Kammermusiken war Saint-Saëns einer der bedeutendsten Komponisten des 19. Jahrhunderts
Seine Musik war eine Art "Glasperlenspiel", hinter dem die Persönlichkeit Saint-Saëns‘ quasi unsichtbar blieb. Selbst die große Tragödie seines Lebens klang in ihr nicht nach: 1878 starben seine beiden Söhne binnen weniger Wochen – der eine drei Jahre, der andere sieben Monate alt.

 Vom Debussy-Lager verdammt

Um 1900 war Camille Saint-Saëns der weltweit meistgespielte französische Komponist. Doch je länger er lebte, desto heftiger wurde die Kritik der jüngeren Generation – allen voran Claude Debussys und seiner Anhänger, die ihn zum Reaktionär und Feindbild Nummer eins erklärten. Saint-Saëns ließ sich davon nicht beeindrucken, wie er 1910 an Romain Rolland schrieb:

"Was will ich noch? Die Zukunft zu sein, und nicht die Vergangenheit? Ich bin die Zukunft gewesen; in meinen Anfängen galt ich als Revolutionär – in meinem heutigen Alter kann man nur noch ein Vorfahre sein."
Dass ausgerechnet eine Gelegenheits-Komposition einmal sein berühmtestes Werk werden würde, hatte Saint-Saëns schon früh befürchtet: Le Carnaval des animaux – "Der Karneval der Tiere" – durfte erst nach seinem Tod veröffentlicht werden.