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150. Geburtstag der Künstlerin
Emily Carr - die Indigenen nannten sie „Die, die lacht“

Die Kanadierin Emily Carr, heute vor 150 Jahren geboren, wagte sich als erste Künstlerin in die unzugängliche Küstenlandschaft Britisch-Kolumbiens. Ihre Bilder und Reportagen dokumentieren die bedrohte Kultur der indigenen Bevölkerung.

Von Eva Pfister | 13.12.2021
Die kanadische Künstlerin Emily Carr auf einem undatierten Foto
Die kanadische Künstlerin Emily Carr auf einem undatierten Foto (The Canadian Press)
Als die kanadische Autorin Margret Atwood gefragt wurde, welche Frau sie gerne auf einer Banknote verewigt sehen würde, sagte sie: Emily Carr. Die Malerin und Schriftstellerin, die am 13. Dezember 1871 als Tochter britischer Einwanderer in Victoria geboren wurde, ist heute in Kanada hoch angesehen. Sie interessierte sich für die Kultur der indigenen Bevölkerung, als diese noch umgesiedelt wurde, ihre Sitten und Sprache verboten waren, ihre Kinder in Internate gesteckt wurden. Emily Carr reiste in die verlassenen Dörfer der First Nations im Regenwald von Britisch-Kolumbien, sie malte die Landschaft, die Häuser, die Totempfähle – und sie schrieb darüber:
„Unweit des Hauses saß ein großer, hölzerner Rabe auf einem eher niedrigen Pfahl; seine Flügel waren flach an den Seiten angelegt. Ein kleines Stück von ihm entfernt ragte ein leerer Pfahl empor. Dort hatte sein Gefährte gesessen, der allerdings schon lange verrottet war und ihn moosbewachsen und vermodert allein zurückgelassen hatte, um über die Knochen der toten Indianer zu wachen.“

Die erste Ausstellung floppte

Emily Carr studierte Kunst in San Francisco und London, aber die entscheidenden Impulse erhielt sie in Paris, wo sie die Malerei der Spätimpressionisten kennenlernte. Zurück in Kanada organisierte sie 1913 eine erste Ausstellung. Aber ihre dynamischen Bilder, in intensiven Farben gemalt, stießen auf Ablehnung.

Von der Bildenden Kunst zur Literatur

Um zu überleben, betrieb Emily Carr eine Pension und gab das Malen vorübergehend auf. Erst 1927 wurde die Kunstwelt Kanadas auf ihr Werk aufmerksam. Die 56-Jährige nahm mit neuem Schwung ihre künstlerischen Expeditionen wieder auf und schrieb darüber auch kurze literarische Reportagen:  

Beharrliche Kritikerin der Missionare

„Ich kannte keine Regeln fürs Schreiben. Ich stellte zwei für mich selbst auf. Sie entsprachen in etwa meinen Prinzipien beim Malen: Komm so direkt zum Punkt wie möglich; verwende nie ein großes Wort, wenn ein kleines genügt.“
Gemälde von Emily Carr im Vancouver Art Gallery (Ausschnitt) - Nur die Stämme der Nordwestküstenindianer in British Columbia und Südalaska pflegten die Holzschnitzkunst und schufen im 19. Jh. eindrucksvolle Totempfähle, die sie je nach Rang vor ihren Behausungen aufstellten.
Gemälde von Emily Carr im Vancouver Art Gallery - Nur die Stämme der Nordwestküstenindianer in British Columbia und Südalaska pflegten die Holzschnitzkunst und schufen im 19. Jh. eindrucksvolle Totempfähle, die sie je nach Rang vor ihren Behausung (imago images / Harald Lange)
Die Texte erschienen 1941 unter dem Titel „Klee Wyck“, das war der Name, den ihr die Ureinwohner an der kanadischen Westküste gegeben hatten. Er bedeutet: „Die, die lacht“. Denn Emily Carr begegnete ihnen auf ihren Reisen in den Regenwald offen und interessiert; sie war neugierig und diskret zugleich, stets fröhlich und freundete sich mit manchen auch an. Die Kritik an den Missionaren, die mit ihrem Bekehrungseifer den Untergang der indigenen Kultur beschleunigten, ist in ihren Texten omnipräsent.
„Ein hoher, schmaler Pfahl war für Louisas Großmutter errichtet worden. Jemand hatte eine Geschichte in das Holz geschnitzt und Louisa erzählte sie uns beiläufig, als hätte sie sie schon halb vergessen. Vielleicht wusste sie auch Teile davon nicht mehr, aber womöglich war der wahre Grund für ihre Vergesslichkeit auch die Missionarstochter, die bei uns stand. Die Missionare lachten über die Pfähle und nannten sie heidnisch.“

Carr wurde Schul-Lektüre - zensiert

Das Buch „Klee Wyck“ war bei Kritik und Lesern sehr erfolgreich und wurde 1942 als bestes Sachbuch ausgezeichnet. Emily Carrs Haltung den Missionaren gegenüber wurde jedoch nicht übersehen.

Späte deutsche Übersetzung

1951 erschien „Klee Wyck“ in einer Schulbuchausgabe, in der alle kritischen Stellen getilgt waren. Erst im Jahr 2003 wurde die Originalfassung wieder publiziert – und seit 2020 macht eine deutsche Übersetzung von „Klee Wyck“ die beeindruckende literarische Prosa von Emily Carr auch einer deutschen Leserschaft zugänglich. So etwa ihre Beschreibung der Wald-Göttin D’Sonoqua:
„Ihr Kopf und Rumpf waren in den Stamm einer Rotzeder geschnitzt. Sie schien Teil des Baumes zu sein, so als sei sie aus seinem Herzen erwachsen, und der Schnitzer hatte nur die äußere Schicht abtragen müssen, um sie freizulegen. … Die Augen waren zwei schwarze Kreise, die von zwei größeren, weißen Kreisen umrahmt wurden, und die in tiefen Augenhöhlen unter breiten schwarzen Augenbrauen lagen. Ihr starrer Blick bohrte sich in mich, als musterte mich das Leben der alten Zeder selbst.“
Haus von Emily Carr in James Bay, Victoria
Haus von Emily Carr in James Bay, Victoria (All Canada Photos)
Am 2. März 1945 starb Emily Carr. Sie hatte die Verstümmelung ihres literarischen Werks nicht mehr erlebt, aber auch nicht die große Verehrung, die sie als Künstlerin und als Mittlerin zwischen den Kulturen heute genießt.