Donnerstag, 30. Juni 2022

100. Geburtstag
Iannis Xenakis und das "stochastische Komponieren"

Komponieren nach den Gesetzen der Mathematik und des Zufalls: Die Musik von Iannis Xenakis ging nach 1945 einen ganz anderen Weg als der serielle "Mainstream" der Avantgarde - faszinierende Klangräume, die davon zeugen, dass Xenakis auch als Architekt arbeitete.

Von Michael Stegemann | 29.05.2022

Iannis Xenakis, Grieche mit rumänischen Wurzeln, wurde in Frankreich als Komponist, Musik-Theoretiker und Architekt bekannt. Er gilt als einer der wichtigsten Avantgarde-Komponisten der Nachkriegszeit.
Iannis Xenakis, Grieche mit rumänischen Wurzeln, wurde in Frankreich als Komponist, Musik-Theoretiker und Architekt bekannt. Er gilt als einer der wichtigsten Avantgarde-Komponisten der Nachkriegszeit. (pa/ ZUMAPRESS/Philippe Gras/Le Pictorium)
Beim ersten Hören hat die Musik von Iannis Xenakis tatsächlich oft etwas Undurchdringliches, "Gestrüpp-artiges", wie das Orchesterwerk von 1977. Und doch unterliegt sie einer strengen Ordnung, beruhend auf den Gesetzen von Mathematik, Architektur und Philosophie, Wahrscheinlichkeitsrechnungen und Zufallsverteilungen, Mengenlehre, Spiel- und Chaos-Theorie. "Stochastisches Komponieren" nannte Xenakis selbst seine Arbeit, mit der er seit den 1950er-Jahren Furore machte; zum Beispiel 1955 mit "Metastasis".

Student bei Olivier Messiaen, Assistent von Le Corbusier

Der griechisch-französische Komponist, Architekt und Mathematiker Iannis Xenakis wurde am 29. Mai 1922 in Brăila in Rumänien geboren. Früh interessierte er sich für Musik, studierte aber seit 1940 in Athen Ingenieurwissenschaften. Zugleich war Xenakis im Widerstand gegen die Nazi-Besatzung aktiv und kämpfte anschließend im griechischen Bürgerkrieg, in dem er schwer verwundet wurde, in Gefangenschaft geriet und als "Terrorist" zum Tode verurteilt wurde.
1947 gelang ihm die Flucht nach Frankreich, wo er zum einen bei Olivier Messiaen Komposition studierte, zum anderen zwölf Jahre lang als Assistent des Architekten Le Corbusier arbeitete. Gemeinsam mit ihm konzipierte er 1958 den Philips-Pavillon der Brüsseler Weltausstellung und begeisterte sich für die elektronische Musik. "La Légende d‘Eer" für siebenkanaliges Tonband entstand 1978 zur Eröffnung des Pariser Centre Georges Pompidou.

Musik, die mathematischen Gesetzen folgt

Der damals alles beherrschenden seriellen Musik stand Xenakis skeptisch gegenüber. Sein stochastisches Komponieren folgte anderen Gesetzen, in denen das zufallsgesteuerte Verfahren der Aleatorik und mathematische Determination sich zu einzigartigen Klangarchitekturen zusammenfügten, in denen jeder Ton und jedes Klangereignis einen Baustein bildet, dessen Zeit- und Raumpunkt exakt berechnet ist. Jean Baque: "Ich erkenne sehr genau, welchen Wert die Mathematik hat. Die Mathematik vermag auf einige Fragen Antworten zu geben – und das mit einer Unschuld, die oft gefährlich sein kann für die, die sich auf sie berufen." Selbst die ungewöhnlichsten Klänge und Geräusche wie 1982 in Tetras für Streichquartett folgen mathematischen Gesetzen.

Organische entwickelte Klangräume

In der Komplexität der Klänge, Rhythmen und Strukturen erschuf Xenakis immer wieder neue Klangräume, die sich quasi organisch zu entwickeln scheinen. "Immer wenn wir zum ersten Mal ein Stück hören, ein Klangereignis, dann machen wir zunächst nur dies: zuhören. Wir haben nichts in uns." "Naama für Cembalo", entstanden 1984.

Einer der bedeutendsten Komponisten seiner Zeit

Iannis Xenakis – seit 1965 französischer Staatsbürger – war einer der bedeutendsten und eigenständigsten Komponisten seiner Zeit. Bis Mitte der 1990er-Jahre entstanden rund 150 Werke; daneben unterrichtete er - unter anderem an der Pariser Sorbonne - , schrieb zahlreiche Essays und gründete zwei Musik-Forschungsinstitute. Eine Alzheimer-Erkrankung verdunkelte seine letzten Lebensjahre; Xenakis starb am 4. Februar 2001 in Paris.