Freitag, 07. Oktober 2022

Vor 125 Jahren
So entlarvte ein englischer Arzt Mücken als Malaria-Überträger

Lange Zeit war die Malaria keineswegs nur eine Krankheit der Tropen, sondern auch in Europa weit verbreitet. Erst  am 20. August 1897 entdeckte der englische Mediziner Ronald Ross, dass Moskitos die entscheidende Rolle bei der Übertragung spielen.

Von Martin Winkelheide | 20.08.2022

Der Tropenmediziner Ronald Ross erhielt für seine Malariaforschung 1902 den Medizin-Nobelpreis. Foto um das Jahr 1920
Der Tropenmediziner Ronald Ross erhielt für seine Malariaforschung 1902 den Medizin-Nobelpreis. Hier cirka 1920 (picture-alliance / Mary Evans Picture Library/ILLUS)
„Mein Mikroskop war beinahe verschlissen. Die Schrauben waren verrostet vom Schweiß meiner Hände und meiner Stirn. Schwärme von Fliegen verfolgten mich, und zu ihrer Freude saß ich still da und bediente mit beiden Händen das Instrument.“  

"Eine zarte, runde Zelle " - der Durchbruch

Am späten Nachmittag des 20. August 1897 saß der britische Militärarzt Ronald Ross im indischen Secunderabad wieder einmal hinter seinem Mikroskop. Auf dem Objektträger: eine Mücke.
„Ich untersuchte jede einzelne Zelle und fand zu meiner großen Enttäuschung nichts, bis ich zum Magen des Insektes kam. Hier, ich wollte die Untersuchung beinahe schon abbrechen, sah ich eine zarte, runde Zelle (…) Instinktiv wusste ich: Das ist etwas Neues.“ - Zweieinhalb Jahre lang hatte Ross Tag für Tag Mücken mikroskopiert, ohne Erfolg.  

„Ich stellte vorsichtig scharf. (…) Ich entdeckte, dass die Zelle einige Körnchen einer schwarzen Substanz enthielt. Es glich exakt dem Pigment der Malaria-Parasiten. Ich zählte genau zwölf dieser Zellen in dem Insekt.

Der Übertragungsweg Mücke-Mensch-Mücke

Die Mücken, die Ross untersuchte, waren als Larven in sein Labor gekommen. Die erwachsenen Mücken ließ er Malariapatienten stechen und deren Blut saugen. So gelang ihm der endgültige Beweis: Die Malaria wird von Mücken auf den Menschen übertragen und von Menschen mit Malaria wiederum auf Mücken.

Der Jahrhundert-Tropenmediziner war auch Lyriker

Ronald Ross wurde am 13. Mai 1857 in Almora in Indien geboren. Sein Vater war General der britischen Armee. Die Eltern schickten Ronald mit acht Jahren nach England. Er begeisterte sich früh für Literatur und Mathematik und wollte Schriftsteller werden. Halbherzig nahm er ein Studium der Medizin in London auf. Nebenbei komponierte er, schrieb Gedichte und Theaterstücke. Der Studienabschluss gelang im zweiten Anlauf 1881. Er ging nach Indien als Militärarzt und Chirurg am „Indian Medical Service“ - Die Malaria sah er vor allem aus der Perspektive der Kolonialmacht England.
„Sie betrifft nicht allein die einheimische, barbarische Bevölkerung, sondern mit noch größerer Gewissheit die Pioniere der Zivilisation, den Pflanzer, den Händler, den Missionar, den Soldaten. Die Malaria ist von daher der wichtigste und größte Verbündete der Barbarei.“ 

Medizinnobelpreis 1902

Bereits 1880 hatte der Franzose Alphonse Laveran im Blut von Patienten den Erreger der Malaria entdeckt. Seitdem war klar, dass es sich um eine Infektionskrankheit handelt. Als Überträger, so vermutete Laveran zurecht, kämen Mücken in Betracht. Selbst in der Fachwelt stieß diese Hypothese zunächst kaum auf Resonanz. Seit Jahrhunderten glaubte man, die Malaria werde durch giftige Ausdünstungen feuchten Bodens hervorgerufen. Den entscheidenden Impuls, die Mückenhypothese zu überprüfen, erhielt Ronald Ross von dem Tropenmediziner Patrick Manson. Als Ross 1902 den Nobelpreis für Medizin zuerkannt bekam, spielte er dessen Rolle für seine Entdeckung jedoch herunter.
Wissenschaftliche Konkurrenten, insbesondere den italienischen Arzt und Zoologen Giovanni Battista Grassi, überzog er mit Polemik und verhinderte so, dass er sich den Nobelpreis, wie ursprünglich geplant, mit ihm teilen musste. Während Ross nach seiner ersten Entdeckung den Infektionskreis am Tiermodell, an Spatzen, für die Vogelmalaria aufklärte, war Grassi dies fast zeitgleich am Menschen für die drei wichtigsten Malaria-Erreger gelungen.

Mit Öl gegen die Mücken?

1899 zog Ross mit seiner Familie nach Liverpool. Er entwickelte mathematische Modelle zur Verbreitung der Malaria, und er reiste als Berater nach Westafrika, Ägypten, Griechenland, Zypern, Mauritius. Bei der Mückenkontrolle riet er auch zu rigorosen Mitteln, um die Larven in stehenden Gewässern zu bekämpfen.
„Und zwar verbreitet man eine dünne Ölschicht auf der Oberfläche des Wassers. Das Öl bildet alsbald über der ganzen Fläche eine feine Schicht, welche die Larven am Atmen verhindert ...“- … und so abtötet.
 
1926 wurde ein nach ihm benanntes Institut und Krankenhaus für Tropenkrankheiten in Putney Heath nahe London gegründet, dort starb Ronald Ross am 16. September 1931 an den Folgen eines Asthmaanfalls.
Trotz großer Erfolge in den letzten 20 Jahren steigt die Zahl der Malaria-Infektionen wieder an auf jährlich über 240 Millionen. Im Jahr 2020 ist die Zahl der Todesfälle auf 627.000 gestiegen. Betroffen sind vor allem Kinder unter fünf  Jahren.