Thema 03.07.2020

Kampf gegen CoronavirusMedikamente zur Behandlung von COVID-19

Eine Wissenschaftlerin untersucht im Labor die optische Dichte einer Bakterienkultur (dpa / Ole Spata)Derzeit werden mehrere Medikamente darauf untersucht, ob sie gegen SARS-CoV-2 helfen (dpa / Ole Spata)

Einen Impfstoff oder ein neues Medikament zu entwickeln, ist langwierig. Im Kampf gegen die Corona-Pandemie muss es schneller gehen. Die Hoffnung richtet sich daher auf bekannte Medikamente, die zur COVID-19-Therapie umfunktioniert werden könnten. Bereits in Zulassungsverfahren ist Remdesivir.

Die meisten Arzneimittel, deren Einsatz zur COVID-19-Therapie derzeit geprüft werden, lassen sich drei Gruppen zuordnen: antivirale Medikamente, Immunmodulatoren und Medikamente für Lungenkrankheiten. Hier eine Auswahl der wichtigsten:

Antivirale Medikamente

Immunmodulatoren

Kortinsonpräparate


Medikamente für Lungenkrankheiten

Die Entwicklung neuer Medikamente dauert in der Regel Jahre, oft Jahrzehnte. Vor allem die klinischen Studien an Menschen sind sehr aufwendig. Zur Behandlung der durch das SARS-CoV-2-Virus ausgelösten Lungenkrankheit COVID-19 rücken daher Arzneimittel in den Fokus, die schon zur Therapie anderer Krankheiten zugelassen sind. Diese umzufunktionieren - Pharmaforscher sprechen von "Repurposing" - ist günstiger und schneller.

Laut Angaben von Thomas Cueni, Generaldirektor des Dachverbandes der Pharmaindustrie, werden weltweit derzeit mehr als 140 Wirkstoffe untersucht, ob sie gegen SARS-CoV-2 helfen. Die größte Untersuchungen sind die von der Weltgesundheitsorganisation WHO initiierte Solidarity-Studie sowie die von der französischen Forschungsorganisation INSERM koordinierte Discovery-Studie in Europa, an der sich unter anderem Deutschland, Belgien, Frankreich, Luxemburg, die Niederlande, Spanien, Schweden und Großbritannien beteiligen. Großstudien laufen darüber hinaus auch in den USA.

Coronavirus-Testauswertung in einem Labor in Geesthacht in Schleswig-Holstein. Eine Person mit blauen Schutzhandschuhen befüllt Teströhrchen. (dpa/Daniel Bockwoldt) (dpa/Daniel Bockwoldt)Corona erforschen - Europaweite DisCoVery-Studie kommt nicht voran
Sie sollte das hohe europäische Forschungsniveau sowie die Expertise großer europäischer Hospitäler dokumentieren. Das war der Plan im März 2020. Die Realität ist ernüchternd.

Antivirale Medikamente

Es handelt sich hierbei um Wirkstoffe, die ursprünglich zur Behandlung anderer Viruserkrankungen entwickelt wurden, etwa Ebola, HIV, Hepatitis C, Grippe oder der Coronaviren SARS (Severe Acute Respiratory Syndrome) oder MERS (Middle East Respiratory Syndrome). Beim Einsatz gegen SARS-CoV-2 erhofft man sich, dass diese Medikamente die Vermehrung des Virus blockieren oder verhindern, dass es in Lungenzellen eindringt. Daraufhin wird auch ein seit Jahrzehnten etabliertes Malaria-Medikament geprüft, das auch gegen verschieden Virenarten wirkt.

28.01.2020, Nordrhein-Westfalen, Oberhausen: Eine Frau trägt vor einer Apotheke eine Mund- und Nasenmaske. (picture alliance / Fabian Strauch) (picture alliance / Fabian Strauch)Lungenkrankheit COVID-19 - Ansteckung, Gefährlichkeit und Schutz 
Wie gefährlich ist das Coronavirus? Wie kann man sich damit anstecken – und wie schützt man sich am besten? Was sollte man tun, wenn man glaubt, sich infiziert zu haben? Und wie steht es um Medikamente und Impfstoffe. Ein Überblick.

Remdesivir

Dieses antivirale Mittel gilt als Hoffnungsträger bei der Behandlung von COVID-19. Remdesivir, das gespritzt wird, dringt in Viren ein und blockiert dort die Synthese ihrer Erbguts, der RNA. Dadurch kann sich das Virus nicht mehr reproduizieren. Das Medikament wurde vom US-amerikanischen Pharmazie- und Biotechnologieunternehmen Gilead ursprünglich gegen das Ebolavirus entwickelt, bewährte sich dabei in der klinischen Prüfung allerdings nicht. In Laborversuchen zeigte es jedoch einige Wirksamkeit gegen SARS-CoV-2.

Was wissen wir über die Wirksamkeit von Remdesivir gegen COVID-19?
Wie aussagekräftig sind die ersten Studien zu Remdesivir als Medikament in der COVID-19-Therapie? Eine kurze Einordnung von unserem Wissenschaftskorrespondenten Volkart Wildermuth.

Wie die EU-Kommission am 03.07.2020 verkündete, soll Remdesivir in Europa unter Auflagen zur Behandlung schwerer Fälle von COVID-19 zugelassen werden. Vorausgegangen war eine entsprechende Empfehlung der Europäischen Arzneimittel-Agentur. Die EMA empfiehlt die Behandlung für Patienten ab zwölf Jahren, die eine Lungenentzündung haben und mit zusätzlichem Sauerstoff versorgt werden müssen. Der Chef der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft, Ludwig, nannte die Zulassung von Remdesivir vorschnell. Es sei unklar, ob tatsächlich Sterbefälle verhindert würden.

Zuvor hatte schon die US-Arzneimittelbehörde FDA eine Notfall-Genehmigung für den Einsatz des Wirkstoffs erteilt, nachdem auch erste klinische Studien für die Wirksamkeit des Medikaments sprechen. So kommt eine Studien des Instituts für Infektionskrankheiten der USA (NIAID), die strengste von mindestens sieben größeren Studien mit 1.063 Patienten in den USA, Europa und Asien, zu dem Ergebnis, dass Remdesivir die Behandlungsdauer von COVID-19-Patienten verkürzt. Auch die Sterblichkeitsrate war etwas geringer. Wissenschaftler halten diesen Unterschied aber für statistisch nicht signifikant genug, um das Medikament sicher dafür verantwortlich machen zu können.

Eine im Fachmagazin "The Lancet" vorgestellte chinesische Studie kommt dagegen zu dem Schluss, dass Remdesivir weder auf die Sterberate noch auf die Krankheitsdauer einen statistisch bedeutsamen Einfluss hat. Bei der Studie wurden alllerdings nur 237 Patienten beobachtet, die zudem erst recht spät im Krankheitsverlauf mit Remdesivir behandelt wurden. Nach Ansicht deutscher Experten sind die Ergebnisse der US-Studie ausreichend belastbar. Es seien genügend Patienten untersucht worden. Unter Therapie mit Remdesivir seien sie früher aus dem Krankenhaus entlassen worden, sagt etwa Clemens Wendtner von der München Klinik Schwabing. 

Das Gilead-Logo wird auf einem Smartphone neben einem Bildschirm mit einer Coronavirus-Grafik (AFP / Olivier Douliery) (AFP / Olivier Douliery)Remdesivir gilt als Hoffnungsträger 
Das ursprünglich für Ebola entwickelte Remdesivir habe "sehr gute therapeutische Effekte gezeigt", so Clemens Wendtner, Chefarzt in München. 

Chloroquin/Hydroxychloroquin

Chloroquin beziehungsweise der verwandte Wirkstoff Hydroxychloroquin sind seit Jahrzehnten etablierte Mittel gegen Malaria. Über welchen Mechanismus sie den Körper schützen, ist noch nicht abschließend geklärt. Vermutet wird: Die Substanzen bekämpfen nicht unmittelbar das Virus, sondern blockieren einen Weg, auf dem es in die menschlichen Zellen gelangen kann, nämlich über kleine Abschnürungen der Zellmembran, die dann das Virus in die Zelle hineinschleusen. Das ist allerdings nicht der Haupteintragspfad für das Coronavirus.

Deshalb sind viele Experten skeptisch, ob Chloroquin wirklich gegen SARS-CoV-2 helfen kann. Eine im Mai veröffentlichten Studie im Fachjournal "The Lancet" kam sogar zu dem Schluss, dass der Wirkstoff COVID-19-Patienten zusätzlich gefährden und die Sterblichkeit herhöhen könnte. Die WHO setzte die klinischen Tests mit Hydroxychloroquin daraufhin aus. Anfang Juni nahm sie diese jedoch wieder auf - nach massiver Kritik an der Methodik und Vorgehensweise der in "Lancet" erschienen Studie. Zuvor hatte sich die Fachzeitschrift von der Veröffentlichung distanziert. Die Studienautoren wurden mit einer Prüfung ihrer Daten beauftragt. (Stand 04.06.2020)

Tübinger Mediziner - Kritik an "Lancet"-Studie
Auch der Mediziner Peter Kremsner vom Universitätsklinikum Tübingen kritisiert die "Lancet"-Studie zum Einsatz von Chloroquin/Hydroxychloroquin bei COVID-19. Eine Sicherheitsanalyse habe ergeben, dass es keine Bedenken gebe. Er bedauere sehr, dass selbst ein so hoch angesehenes Fachblatt wie "The Lancet" nun Dinge publiziere, die außerhalb "dieser überhitzten COVID-19-Zeiten" vielleicht nicht publiziert worden wären.

EIDD-2801

Der Wirkstoff wurde bereits vor Beginn der COVID-19-Pandemie am Emory Institute for Drug Development (EIDD) in Atlanta zur Bekämpfung von Coronaviren entwickelt. Grund dafür war die Befürchtung, dass es in der Zukunft mit hoher Wahrscheinlichkeit zu Pandemien durch Coronaviren kommen wird. Denn vor allem Fledermäuse sind Träger einer Reihe von Coronaviren, die potentiell auf den Menschen und andere Säugetiere überspringen können. Der Pharmakonzern Merck beteiligt sich mittlerweile an der Entwicklung des Wirkstoffs.

In Versuchen mit Mäusen hat EIDD-2801 die Tiere vor einer Infektion mit SARS-CoV oder MERS-CoV geschützt sowie im Therapieeinsatz bei frühzeitiger Gabe eine Erkrankung geheilt. In Zellkulturen war der Wirkstoff auch gegen SARS-CoV-2 wirksam. EIDD-2801 hat einen vergleichbaren Wirkmechanismus wie Remdesivir. Es wird bei der Reproduktion des Virus in dessen RNA-Kette eingebaut, blockiert jedoch nicht direkt die weitere Vermehrung, sondern führt bei weiteren Reproduktionen zu Fehlern, die die Herstellung weiterer funktionsfähiger Coronaviren verhindern.

Coronavirus (Imago/Rob Engelaar/Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (Imago/Rob Engelaar/Hollandse Hoogte)

Lopinavir/Ritonavir

Als Wirkstoffkombination sind Lopinavir und Ritonavir in den Medikamenten Kaletra und AbbVie enthalten, die üblicherweise zur Behandlung von HIV-Patienten genutzt werden. Lopinavir greift in den molekulare Reproduktionsmechanismus des Virus ein. Es behindert den Umbau von Eiweißmolekülen, die das Virus dazu verwendet, neue Viren aufzubauen. Ritonavir übernimmt dabei die Rolle eines Bodyguard, der verhindert, dass Lopinavir in den Zellen zerlegt wird.

Erste Ergebnisse aus China mit dieser Wirkstoffkombination sollen allerdings eher entmutigend gewesen sein. Eine im "New England Journal of Medicine" (NEJM) erschienen Arbeit kam zu dem Ergebnis, dass der Einsatz von Lopinavir/Ritonavir keinen Unterschied gemacht habe. Das könnte aber auch daran gelegen haben, dass COVID-19 bei den Patienten schon weit vorangeschritten war, sodass das Medikament vielleicht einfach zu spät kam. Denn es wurde erst sehr spät, nämlich zwölf bis 13 Tage nach Beginn der Erkrankung, mit der Therapie begonnen.

Eine Infektiologin in Schutzausrüstung steht mit vorgefertigten Fragebögen in der Eingangstür der Corona-Ambulanz an der Uniklinik Dresden. (imago / Max Stein) (imago / Max Stein)COVID-19 - Die Jagd nach spezifischen Wirkstoffen
Zur Behandlung von COVID-19 werden bekannte Medikamente getestet. Um die Virusvermehrung zu blockieren, müsse an mehreren Punkten im Lebenszyklus des Virus angesetzt werden, so Wissenschaftsjournalist Martin Winkelheide.

Danoprevir/Ritonavir

Danoprevir wird eigentlich für die Therapie von Hepatitis C eingesetzt. Der Wirkstoff funktioniert ähnlich wie Lopinavir: Er hemmt das virale Protease-Enzym und behindert damit den Umbau von Eiweißmolekülen, die das Virus zur Reproduktion benötigt. Im klinischen Einsatz gegen SARS-CoV in China wurde das Medikament gemeinsam mit Ritonavir verabreicht, um die Plasmakonzentration von Danoprevir zu erhöhen.

In einem Beitrag auf dem wissenschaftlichen Portal "MedRxiv" berichten Ärzte aus China über den erfolgreichen Einsatz von Danoprevir bei COVID-19-Patienten im Nineth Hospital von Nanchang. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass der Wirkstoff ein vielversprechendes Medikament zur Therapie der durch das SARS-CoV-Virus ausgelösten Krankheit sein könnte. Allerdings waren in die chinesische Ministudie lediglich elf Patienten einbezogen. 

Interferone

Im Rahmen der Solidarity- und der Discovery-Studie soll nicht nur die Therapie mit der Kombination Lopinavir/Ritonavir getestet werden, sondern auch deren Ergänzung mit dem Wirkstoff Beta-Interferon. Bei der Bekämpfung von SARS-CoV-2 wird aber auch der Einsatz von Alpha-Interferon getestet.

Es handelt sich dabei um Varianten körpereigener Botenstoffe, die gentechnisch hergestellt werden und die körpereigene Abwehr stärken. Einige Alpha-Interferon-Medikamente besitzen zum Teil die Zulassung zur Therapie bestimmter Virusinfektionen, beispielsweise Hepatitis B oder C. Für Beta-Interferon gibt es zumindest in der EU noch keine Zulassung zur antiviralen Therapie, in Laborversuchen konnte der Wirkstoff jedoch die Vermehrung verwandter SARS-Viren aufhalten.

Avigan/Favipiravir

Bei Avigan handelt es sich um ein antivirales Grippemittel aus Japan. Unter dem Namen Favipiravir ist es als Generikum in China lizenziert. Das Medikament verhindert, dass sich ein Influenza-Virus in der menschlichen Zelle repliziert. In Japan und China soll man mit dem Präparat gute Erfahrungen bei der Behandlung von COVID-19-Patienten gemacht haben. Laut Angaben der chinesischen Regierung liegen dazu vielversprechende klinische Studien aus Wuhan vor, von wo aus sich das Virus ausgebreitet hatte. Andere klinische Studien sehen hingegen keine Wirksamkeit.

Unproblematisch sind diese sogenannten Virostatika allerdings nicht. Virologen warnen davor, dass Viren durch Mutationen Resistenzen entwickeln könnten, ähnlich wie bei der Bekämpfung von Bakterien durch Antibiotika.

APN01

APN01 ist ein aus der SARS-Forschung hervorgegangenes Medikament, das in Österreich entwickelt wurde und bereits in einer klinischen Studie bei der Behandlung anderer Lungenerkrankungen erprobt wird. APN01 blockiert mit Hilfe von löslichem ACE2 (Angiotensin Converting Enzyme 2) ein Molekül auf den Viren, das diese zum Eindringen in Lungenzellen benötigen. Dadurch sollen Lungenschäden durch Entzündungsreaktionen vermieden werden. Laut Angaben des Unternehmens Apeiron Biologics, das APN01 entwickelt hat, soll das Medikament in einer Pilotstudie in China mit 24 schwer erkrankten COVID-19-Patienten getestet werden.

Immunmodulatoren

Diese Medikamente beeinflussen das menschliche Immunsystem. Sie zielen darauf ab, überschießende Immunreaktionen zu dämpfen und so schwere Schäden in der Lunge zu verhindern.

Tocilizumab

Eins der häufig auftretenden Probleme bei schweren Verläufen der Lungenkrankheit COVID-19 ist eine Überreaktion des Immunsystems. Die körpereigene Abwehr kann dabei schwere Kollateralschäden in der Lunge verursachen. Um die überschießende Immunantwort einzudämmen, testen Forscher in klinischen Studien den Wirkstoff Tocilizumab. Er ist Hauptbestandteil eines zugelassenen Rheumamittels des Schweizer Pharmakonzerns Roche. Tocilizumab wird auch von Hämatologen in der Zelltherapie, bespielsweise bei Blutkrebs, angewandt. Erste Ergebnisse der kompletten Studie werden im Sommer erwartet.

Blick in den Flur einer Intensivstation. An der Eingangstür hängt ein STOP-Schild. (dpa/ Sebastian Kahnert) (dpa/ Sebastian Kahnert)Tocilizumab - Forscher testen Rheumamittel bei COVID-19-Patienten
Bei schweren COVID-19-Verläufen kommt es mitunter zu starken Immunreaktionen. Die könnte durch den Einsatz des Rheumamittel Tocilizumab abgemildert werden. Intensivmediziner Michael von Bergwelt erklärt den Therapie-Ansatz.

Interleukin-6-Antagonisten

Erprobt werden unter anderem die Immunmodulatoren Sarilumab und Tocilizumab. Sarilumab ist bereits für die Rheuma-Therapie zugelassen, Tocilizumab, zur Behandlung der rheumatoiden Arthritis. Chinesische Mediziner sollen neben Tocilizumab auch den für die Therapie der Multiplen Sklerose entwickelten und zugelassenen Immunmodulator Fingolimod zur Behandlung von schwer infizierten COVID-19-Patienten eingesetzt haben.

Kortisonpräparate

Auch Glucocorticoide werden im Einsatz gegen das Coronavirus getestet. Das sind hormonartig wirkende Stoffe, die dem körpereigenen Stresshormon Cortisol ähneln und wie dieses die Immunantwort des Körpers unterdrücken können.

Dexamethason

Laut einer großen britischen Studie von Mitte Juni sinkt die Sterblichkeit bei schweren COVID-19-Verläufen durch ein Kortisonpräparat, das schon sehr lange auf dem Markt ist: Dexamethason. Bei der RECOVERY genannten Untersuchtung  wurden 11.500 Patienten in 175 Kliniken mit verschiedenen Medikamenten behandelt: Den größten Effekt zeigte das Mittel bei Erkrankten mit Beatmung. Die Sterblichkeit der mit Dexamethason behandelten Beatmungspatienten lag um ein Drittel niedriger als die der Kontrollgruppe. Auch bei Patienten mit Sauerstoffversorgung gab es weniger schwere Verläufe, allerdings war der Effekt weit weniger ausgeprägt. Menschen mit leichten Verläufen half das Mittel in der Studie nicht.

Nachdem die Studie Mitte Juni öffentlich wurde, feierte die Fachwelt das als Durchbruch. "Es ist das erste Mal, dass ein Medikament wirklich in einer großen Studie gezeigt hat, es senkt die Sterblichkeit. Das wird bei der Behandlung von COVID-19 jetzt Standard werden", sagte der Wissenschaftsjournalist Volkart Wildermuth im Dlf. 

Patienten und Personal auf einer Intensivstation (imago / ITAR-TASS / Stanislav Krasilnikov) (imago / ITAR-TASS / Stanislav Krasilnikov)Dexamethason rettet bei schwerem Verlauf Leben
Ein preiswertes Kortison-Präparat verringert die Sterblichkeit bei COVID-19. Die Weltgesundheitsorganisation feiert die Ergebnisse einer Studie britischer Forscher als Durchbruch bei der Behandlung der Lungenkrankheit. Ein Allheilmittel ist Dexamethason aber dennoch nicht. Ein Überblick.

Medikamente für Lungenkrankheiten

Diese Medikamente werden bereits bei anderen Lungenerkrankungen eingesetzt. Man hofft, dass sie auch bei COVID-19-Patienten positive Effekte auf die Lungenfunktion haben.

Solnatide/BXT-25

Beide Wirkstoffe wurden für Patienten mit akutem Lungenversagen (ARSD) entwickelt. Solnatide, vom Wiener Biotech-Unternehmen Apeptico, soll die Dichtheit von Membranen im Lungengewebe wiederherstellen und damit bei lebensbedrohlichen Lungenfunktionsstörungen helfen sowie der Bildung tödlicher Lungenödeme entgegenwirken. In Österreich hat Solnatide bereits eine Zulassung für die Behandlung von COVID-19-Patienten erhalten. Laut dem Unternehmen wird es eingesetzt, um bei schwerem Krankheitsverlauf die Zeit der mechanischen Beatmung zu verkürzen.

BXT-25, vom US-amerikanische Unternehmen Bioxytran, soll die Sauerstoffaufnahme in einer geschädigten Lunge verbessern. Es könnte helfen schwerkranke COVID-19-Patienten ohne künstliche Lunge mit ausreichend Sauerstoff zu versorgen.

Pirfenidon

Das Medikament Pirfenidon des Schweizer Pharmaunternehmen Roche ist zur Behandlung der idiopathischer Lungenfibrose zugelassen. Bei einer Lungenfibrose vermehrt sich das Bindegewebe innerhalb der Lunge durch eine Entzündung krankhaft – und verhärtet und vernarbt (fibrosiert) dann. Dadurch wird die Sauerstoffaufnahme eingeschränkt. Pirfendion wirkt der Vernarbung geschädigten Lungengewebes entgegen, verlangsamt damit den Krankheitsverlauf und verlängert die Lungenfunktion. Auf einen ähnlichen Effekt hofft man auch bei schwererkrankten COVID-19-Patienten.

Ifenprodil

Der Wirkstoff wurde in den 1970er-Jahren von der Firma Sanofi für den französischen und japanischen Markt zur Behandlung von Kreislaufproblemen entwickelt. Derzeit ist Ifenprodil nur als Generikum in Japan und Südkorea verfügbar und wird dort zur Behandlung von neurologischen Krankheiten eingesetzt. Das kanadische Unternehmen Algernon Pharmaceuticals entwickelt allerdings auf der Basis von Ifenprodil seit einiger Zeit ein Medikament (NP-120) gegen idiopatische Lungenfibrose, dieses soll in klinischen Studien nun auch bei der Behandlung von COVID-19-Patienten erprobt werden. Das Unternehmen nimmt an, dass Ifenprodil den Verlust der Lungenfunktion wie sie bei COVID-19-Erkankungen beobachtet wird, verhindern kann.

(Redaktion: Frank Barknecht, Daniela Kurz, Arndt Reuning, Wulf Wilde)

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