Montag, 15. April 2024

KI im Journalismus
Selbstreferenzielle Schleife aus der Hölle

Wo Desinformation noch mehr Desinformation produzieren kann: Marina Weisband hält den Einsatz sogenannter KI von Medien für gefährlich. Umso wichtiger werde deshalb handwerklich guter und menschengemachter Journalismus, schreibt sie in ihrer Kolumne.

Von Marina Weisband | 07.06.2023
Verkabelung für Daten und Kühlung des Hochleistungsrechners sind während der Einweihungsfeier des neuen Hochleistungsrechners "Mogon NHR Süd-West" an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz zu sehen. Der Rechner wurde aus der Bund-Länder-Förderung «Nationales Hochleistungsrechnen» finanziert.
Verkabelung für Daten und Kühlung eines Hochleistungsrechners - quasi die technische Grundlage aller KI (picture alliance / dpa / Sebastian Gollnow)
KI ist ein Nachrichtenthema, an dem wir alle in letzter Zeit nicht vorbeikommen. Dabei sind die Einschätzungen über die Bedeutung der Verbreitung der generativen KI, also von neuronalen Netzen, die selbst Inhalte erzeugen können, sehr uneinheitlich. Die größten Enthusiasten sprechen von einem technologischen Durchbruch auf einer Ebene mit der Erfindung des Rads. Die Warner von der unmittelbar bevorstehenden Singularität – schließlich können die sogenannten KIs nun auch Code schreiben und damit eigene neuronale Netzwerke, die möglicherweise noch klüger sind als sie selbst.
Die Skeptiker hingegen sprechen von stochastischen Papageien – also Maschinen, die Inhalte erzeugen können, die am wahrscheinlichsten sind, gemessen an allen bisher eingefütterten Inhalten. Im Grunde etwas wie eine erweiterte Textvorhersage, die wir alle schon auf dem Handy haben.  
Es gibt ganze Bücher darüber, was diese Netze können, nicht können, was sie vielleicht in Zukunft können. Eine wirklich zuverlässige Prognose darüber wird uns derzeit niemand seriös geben. Denn was genau in einem neuronalen Netzwerk vorgeht, können selbst seine Verfasser nicht genau sagen. 

Verlockendes Angebot für Verlage

Ich möchte deshalb darüber reden, was wir wissen. Und wir wissen zumindest eine Sache, die KI derzeit kann: Content erzeugen. Von Bildern bis zu Artikeltexten. Inzwischen können ganze Youtube-Videos von einer KI geschrieben werden, von einer anderen vorgetragen, eine dritte erzeugt ein Vorschaubild und eine vierte schreibt Titel und Zusammenfassung. Dann nur noch Werbung aktivieren – fertig ist ein praktisch aufwandfreier Kanal, der dir Geld einspielt. Auf Youtube kommt man an solchen Kanälen inzwischen fast nicht vorbei. Der Wissenschaftsbereich ist beispielsweise voll davon.  

"Künstliche Intelligenz" und Medien:

Aber auch im Journalismus verändern Werkzeuge wie ChatGPT jetzt schon die Arbeitspraxis. Was spricht dagegen, eine KI den Standardinfoartikel über ein Fußballspiel schreiben zu lassen? Sie braucht nur Infos aus einem Ticker, den Endstand, die teilnehmenden Mannschaften zu wissen. Was spricht dagegen, ChatGPT einen Listen-Beitrag schreiben zu lassen: „Was aus den 16 berühmtesten Persönlichkeiten der 80er geworden ist“? Und jetzt wird es schwieriger: Was spricht dagegen, Artikel zu aktuellen Ereignissen und Debatten einer KI zu überlassen?  
Es kostet jedenfalls weniger. Die KI kann auf Knopfdruck absolut suchmaschinenoptimierte Texte ausgeben, wie Menschen es nicht können. Sie arbeitet so schnell, dass sie der Konkurrenz voraus ist. Für einen Verlag, der sein Geld über die neben dem Artikel angezeigte Werbung finanziert, ist das jedenfalls sehr verlockend.  

KI weiß nur, was wahrscheinlich ist

Stimmt alles, was die KI schreibt? Chat-GPT hat mir im Ton höchster Überzeugung erklärt, dass mein Geburtstag am 22. Juni sei. Also: nein. Gut, das Tool bedient sich derzeit nicht an Informationen aus dem Internet, wie zukünftige Werkzeuge das werden. Aber das wird nichts besser machen. Wir erinnern uns: eine KI weiß nicht, was richtig ist, sie weiß nur, was wahrscheinlich ist. Also was oft geschrieben steht.
Porträtfoto von Marina Weisband
Marina Weisband, seit 2017 Kolumnistin für @mediasres (Lars Borges)
Wenn das Internet selbst voll von Desinformation ist, würden KI-generierte oder auch nur KI-gestützte Artikel diese Desinformation nur wiedergeben und damit automatisch neue Quellen zu deren Bestätigung hinzufügen. Eine selbstreferenzielle Schleife aus der Hölle. 

Besonders öffentlich-rechtliche Medien sind gefragt

In einer Welt, in der Journalismus von Kapital abhängig ist, ist der Drang nach Optimierung jetzt also noch leichter zu erfüllen. Und noch weit gefährlicher. Der Verzicht auf solche unlauteren Abkürzungen als Teil des journalistischen Ethos – zum Beispiel durch Selbstverpflichtung – ist eine Möglichkeit, das zu vermeiden.
Es gewinnen aber auch Medien an Bedeutung, die in erster Linie nicht von Optimierung abhängig sind und auch nicht abhängig werden dürfen. Öffentlich-rechtliche Medien müssen hier noch mehr zu einem Beispiel werden, wie kritischer, handwerklich guter und menschengemachter Journalismus aussehen muss.