Freitag, 02. Dezember 2022

Fußball-WM in Katar
Die Mär vom klimaneutralen Turnier

Kaum ein Wort haben die Katarer in ihrer WM-Bewerbung häufiger benutzt als „Nachhaltigkeit“. Und seit der Vergabe macht auch die FIFA bei diesem Versprechen mit. Aber was ist davon zu halten, wenn für die WM sieben neue Stadien gebaut werden mussten und praktisch alle Gäste mit dem Flugzeug kommen?

Von Maximilian Rieger | 13.11.2022

Das Stadion 974 in Doha, Katar
Das Stadion 974 soll nach der WM abgebaut werden. Nur weiß niemand, wo es wieder aufgebaut werden soll. (Imago / Igor Kralj)
Wenn es um Umweltschutz geht, greift Gianni Infantino auch mal zu Requisiten. Am Welt-Umwelttag hält der FIFA-Präsident eine übergroße grüne Karte in die Kamera und fordert alle Fußball-Fans auf, Umwelt und Klima zu schützen. Die FIFA sei schon mit dabei – indem die WM 2022 in Katar klimaneutral werden soll.
Es ist ein Versprechen, mit dem sich das Gastgeberland schon 2010 beworben hat. Obwohl Katar deswegen so reich geworden ist, weil es fossile Energien in die ganze Welt verkauft. Und obwohl das Emirat fast die gesamte Infrastruktur für eine WM neu bauen musste, einschließlich sieben komplett neuer Stadien, und die allermeisten Gäste mit dem Flugzeug anreisen werden.

Deutlich mehr CO2-Ausstoß als 2018 in Russland

Der CO2-Austoß wird deswegen nochmal größer sein, als bei der WM in Russland: 3,6 Megatonnen CO2 werden durch die WM in die Atmosphäre gelangen. Das geht aus einer Vorab-Analyse der FIFA und des Organisationskomitees hervor. 68 Länder der Welt stoßen pro Jahr weniger CO2 aus als FIFA und Katar mit dieser WM.
Und selbst diese Zahl ist sehr wahrscheinlich zu niedrig angesetzt. Die Behauptung, die WM werde klimaneutral sein, hält Gilles Dufrasne deswegen für "mindestens irreführend, wahrscheinlich für falsch". Dufrasne arbeitet für die Nicht-Regierungsorganisation Carbon Market Watch. Er hat die Emissionsberechnung analysiert – und zeigt Katar und der FIFA keine grüne, sondern die gelbe Karte.
Ein Kritikpunkt: Laut Emissionsbericht soll der Fußabdruck von sechs komplett neu gebauten Stadien zusammen 200.000 Kilo-Tonnen CO2 betragen. Tatsächlich haben die Bauarbeiten deutlich mehr CO2-Ausstoß verursacht. Aber da die Stadien nur an 70 Tagen für FIFA-Events genutzt werden, übernehmen die WM-Veranstalter nur für einen Bruchteil der gesamten Emissionen die Verantwortung.

Stadionbau nur teilweise eingerechnet

Bei einem Gespräch* in Doha verteidigt die Nachhaltigkeits-Expertin im WM-Organisationskomitee, Talar Sahsuvaroglu, diese Entscheidung:

Sahsuvaroglu: „ Die Stadien wären so oder so gebaut worden. Und deswegen sind wir überzeugt davon, einen Teil in der Schätzung zu nutzen, weil es auch diverse Pläne für die Nachnutzung gibt.“
Reporter: „Aber seien wir doch mal ehrlich – ohne die WM hätte es in Katar keinen Bedarf für so viele große Stadien gegeben. Das sieht man auch daran, dass fast alle Stadien nach der WM verkleinert werden sollen. Also: Warum halten Sie es für korrekt, diese CO2-Emissionen nicht im WM-Fußabdruck abzubilden?“
Sahsuvaroglu: „Weil es so viele Pläne für die Nachnutzung für die Stadien gibt! Sie sind nicht nur für die WM gebaut worden. Deswegen denke ich, dass es nicht fair wäre, wenn wir die ganze Verantwortung dafür tragen müssten, wenn es schon so viele Pläne gibt.“
Tatsächlich ist aber oft noch unklar, wie genau die Stadien weiterbenutzt werden können. Für das Finalstadion in Lusail würden gerade Pläne entworfen, sagt der Projektmanager vor Ort. Die Räumlichkeiten könnten für den Verkauf von Lebensmitteln genutzt werden, oder für Arztpraxen, vielleicht sogar eine Schule. Alles Gebäude, die Katar auch ohne ein Stadion hätte bauen können, in das 80.000 Menschen passen.
Ein anderes Beispiel ist das Stadium 974: Das soll nach der WM abgebaut und in einem anderen Land wiederaufgebaut werden, auf Kosten Katars. Allerdings steht auch zwölf Jahre nach der Vergabe nicht fest, wo das Stadion denn jetzt hin soll.
Für die meisten Emissionen wird aber – wie bei fast allen Sport-Events – die Anreise der Gäste sorgen. Ein Großteil wird per Flugzeug nach Doha reisen. Und Talar Sahsuvaroglu muss zugeben: Als der Fußabdruck berechnet wurde, habe man nicht eingeplant, dass viele Fans per Shuttle-Flug aus Abu Dhabi oder Dubai einfliegen, weil es in Katar zu wenige Hotels gibt.

Ausstoß soll kompensiert werden

Der Fußabdruck dieser WM könnte also nochmal deutlich größer werden. Um die WM trotzdem klimaneutral zu gestalten, wollen die FIFA und Katar die Emissionen kompensieren. "Für das Turnier setzen wir auf kohlenstoffarme Lösungen – alle restlichen Emissionen, auch von Reisen und Unterbringung, kompensieren wir", sagte Federico Addiechi, Verantwortlicher für Nachhaltigkeit bei der FIFA, auf der Play the Game-Konferenz im Sommer.
Die Idee ist einfach: Wenn an der einen Stelle CO2 in die Atmosphäre gelangt, muss an einer anderen Stelle der CO2-Ausstoß sinken – oder CO2 aus der Atmosphäre geholt werden. Unternehmen oder Verbände wie die FIFA können dafür Klimazertifikate kaufen. Mit dem Geld aus diesem Verkauf können dann Projekte umgesetzt werden, die für eine CO2-Reduzierung sorgen – zum Beispiel, um Solar-Kocher für Geflüchtete in Dafur zu kaufen, damit die nicht mehr mit Holz kochen müssen.
Dass die Solar-Kocher wirklich dem Klima nutzen, wurde von „Gold Standard“ zertifiziert, ein international anerkanntes Programm, dass Kompensations-Projekte auf Wirksamkeit überprüft. Denn wichtig ist: Als Kompensation gilt nur, wenn die Projekte ohne das Geld aus den Klimazertifikaten nicht zustande gekommen wären. Und genau das stellen Experten wie Gilles Dufrasne für die WM in Frage.

Zertifikate für die WM fragwürdig

Denn Katar hat ein eigenes Programm gegründet, um CO2-Zertifikate zu bewerten: den Global Carbon Council. Die FIFA hat angekündigt, die Hälfte der 3,6 Millionen Zertifikate für die WM über dieses Programm zu beziehen – und nicht über international etablierte Standards. Aber Global Carbon Council hat bisher (Stand: 14.11.2022) nur sechs Projekte zugelassen, zum Beispiel einen Windpark in Serbien oder ein Wasserwerk in der Türkei.
Andere internationale Programme lassen solche Projekte nicht mehr für den Zertifikathandel zu, erklärt Dufrasne: "Diese Projekte sind größtenteils wirtschaftlich rentabel. Es ergibt finanziell Sinn, diese Projekte zu bauen. Der Kauf von Zertifikaten von solchen Projekten macht in Hinblick auf die Emissionen daher keinen Unterschied."

Keine Emissionsreduktion durch die FIFA-Kompensation

Die Betreiber machen mit den WM-Zertifikaten also sehr wahrscheinlich einfach nur mehr Gewinn, ohne dem Klima zu helfen. Das sieht auch Axel Michaelowa so. Er ist Professor für Internationale Klimapolitik an der Uni Zürich und war einer der ersten, der sich weltweit mit CO2-Zertifikaten wissenschaftlich beschäftigt hat. Dem Recherche-Team des Bayrischen Rundfunks sagt er:
"Hätte die FIFA vernünftige Zertifikate gekauft, gäbe es eine Emissionsreduktion. Wenn die FIFA Zertifikate kauft von nicht zusätzlichen Projekten, gibt es keine Emissionsreduktion. Also insofern ist klar, dass wenn die FIFA jetzt diese Zertifikate kauft, die WM nicht echt behaupten kann, dass sie CO2 neutral ist. Das ist dann ein Greenwashing."

Windpark in Serbien hätte nicht für den Zertifkate-Handel zugelassen werden dürfen

Die BR-Recherchen zeigen außerdem, dass die Betreiberfirma des serbischen Windparks bei der Zulassung veraltete Zahlen zur Windkraftnutzung im Land angegeben hat. Hätte die Firma "Energy Changes" aktuelle Zahlen genutzt, hätte der Global Carbon Council den Windpark nicht für den Handel mit Zertifikaten zulassen dürfen.
Bemerkenswert ist außerdem: Der Geschäftsführer von Energy Changes, Clemens Plöchel, sitzt im Lenkungsausschuss des Global Carbon Council. Genauso wie Werner Betzenbichler, der den Windpark in Serbien begutachtet hat.
Zwei Mitglieder eines wichtigen Gremiums im katarischen Zertifikat-Programms sind also gleichzeitig noch Projektentwickler und Gutachter. Axel Michaelowa sieht darin "eine unzulässige Verquickung von Interessen."
Clemens Plöchel erwidert auf diese Kritik, dass er sich bei Abstimmungen zu seinen Projekten im Lenkungsausschuss enthalte. Auch bei der Berechnung der Windkraft-Zahlen für Serbien habe er nicht getrickst, sondern ein reines Gewissen.
Das Gespräch mit Talar Sahsuvaroglu entstand im Rahmen einer Recherche-Reise, die vom Wiener Journalismus-Institut fjum organisiert wurde.