Dienstag, 09. August 2022

Instagram-Alternative BeReal
Einfach mal wieder “du selbst” sein

Gut drei Millionen aktive Accounts, Tendenz steigend – BeReal ist eine beliebte Social-Media-App, über die aktuell viel geschrieben wird. Auch unsere Kolumnistin Samira El Ouassil hat die Plattform ausprobiert. Ihr Fazit: Die Anti-Instagram-Botschaft ist erfrischend, aber auch trügerisch.

Von Samira El Ouassil | 03.08.2022

Formel1-Fahrer Alex Albon posiert für ein Selfie mit einem Fan
Das Selfie - eines der beliebtesten Motive auf Social-Media-Apps, hier posiert Formel1-Fahrer Alex Albon mit einem Fan (IMAGO/Action Plus)
“SeiEcht” – das fordert eine neue App mit dem Namen “BeReal”. Wer sie nutzt, erhält einmal pro Tag plötzlich eine Mitteilung und hat dann zwei Minuten Zeit, um mit seinem Handy Fotos zu machen. Alle Userinnen und User der App bekommen die Nachricht gleichzeitig, jeden Tag zu einer anderen, zufällig gewählten Uhrzeit. Und wer gerade kann, öffnet die App und macht zwei Fotos: ein Bild von dem, was in diesem Augenblick vor einem zu sehen ist, und im selben Moment ein Selfie von sich selbst. Die Collage dieser beiden Aufnahmen wird dann gepostet, auf Wunsch nur sichtbar für Freundinnen und Freunde oder eben öffentlich. Ein Bild pro Tag, mehr geht nicht.
Und eine weitere Besonderheit: Die App erlaubt keine Filter, keine Retusche und keine Bildmanipulationen, wir haben also keine Weichzeichner, Katzenohren oder Nasenverkleinerungen. Durch die begrenzte Zeit bleibt einem auch kaum eine Möglichkeit, den perfekten Ort, das günstigste Licht oder den vorteilhaftesten Kamerawinkel zu finden.

Zurück zu einer ursprünglichen Social-Media-Idee

Die französischen Gründer Alexis Barreyat und Kevin Perreau haben die App BeReal 2020 entwickelt, um der beliebten wie dominanten Fotoplattform Instagram Konkurrenz zu machen. Die App konzentriert sich auf eine simple und – man könnte sagen – ursprüngliche Idee fotobasierter Social-Media-Plattformen: die Mitteilung der eigenen Existenz in Form von kontinuierlichen visuellen Statusmeldungen.
Hier geht es weniger darum, die Welt mit Schönheit und Schauwerten zu beeindrucken, sondern in erster Linie darum, die eigene Welt unkapriziös zu dokumentieren – mit allen Unvorhersehbarkeiten der Amateurfotografie.

Trivialitäten global sichtbar machen

Dementsprechend sieht man bei BeReal keine wohl kuratierten, nachbearbeiteten und veredelten Bilder, sondern Schnappschüsse davon, was viele Menschen auf dem Globus zum gleichen Zeitpunkt gemacht haben. Die Bilder bieten alltägliche Einblicke in private Orte, zeigen Menschen beim Fernsehschauen, Kochen oder bei der Arbeit. BeReal wirkt wie der Backstagebereich unserer sorgsam inszenierten Bühnen, auf denen wir uns in sozialen Medien präsentieren. Der einzige Filter ist die Ungeschminktheit einer alltäglichen Situation.
Porträt von Samira El Ouassil.
Samira El Ouassil kommentiert beim Deutschlandfunk aktuelle Medien-Themen (Quirin Leppert)
Natürlich kann man stöhnen: Noch eine App? Noch mehr fotografische Banalitäten? Was interessieren mich der Staubsauger eines Buchhalters aus Peru oder die Ventilatoren an der Decke einer verschlafenen Studentin in Sydney? Aber genau deshalb, weil somit auch die Trivialitäten eines Lebens global sichtbar werden, entsteht ein seltsam faszinierendes Verbundenheitsgefühl: das Gefühl, dass soziale Medien nicht nur Medien sind – sondern eben auch sozial.

Botschaft: Das bin ich, und ich mache gerade das

In seinem Buch "The Social Photo" stellt der Autor Nathan Jurgenson die These auf, dass es online nicht primär darum gehe, Erinnerungen zu konservieren, sondern vielmehr um das Teilen von Erfahrungen in Echtzeit. Bei Instagram wollen sich viele aber eben nicht nur fotografisch mitteilen, sondern versuchen immer auch, eine Idee ihrer selbst zu inszenieren – weshalb die Nachbearbeitung und das Kuratieren ebenso wichtig, gar identitätsstiftend sind. Bei BeReal lautet die Botschaft: “Das bin ich, und ich mache gerade das”, bei Instagram hingegen “Ich bin hier, wer ich glaube zu sein, indem ich zeige, was ich behaupte, zu machen”.
Bei BeReal vermittelt sich eine erfrischend wie verzwickte und sicherlich auch trügerische Botschaft dieses sozialen Mediums: Versuch doch einfach mal wieder “du selbst” zu sein. Wenn das so einfach wäre. Denn in sozialen Medien ist man vor allem auch immer diejenige, die man – dank der zur Verfügung stehenden Mittel, dank der Filter oder zeitlichen Einschränkungen – sein kann.