Sonntag, 21. April 2024

Krieg in Gaza
Israels Sport gerät unter Druck

Bei der israelischen Militäroffensive in Gaza wurden laut den Vereinten Nationen (UN) mehr als 30.000 Palästinenserinnen und Palästinenser getötet. Rund zwei Drittel von ihnen sollen Frauen und Kinder sein. Nun wachsen die Rufe nach einem Sportboykott gegen Israel.

Von Ronny Blaschke | 16.03.2024
Prinz Ali bin Al Hussein aus Jordanien, der Präsident des Westasiatischen Fußballverbandes, sitzt neben dem ehemaligen Ministerpräsidenten der Palästinensischen Autonomiegebiete und des ausgerufenen Staates Palästina.
Der Präsident des Westasiatischen Fußballverbandes, der jordanische Prinz Ali bin Al Hussein (l.), fordert den FIFA-Ausschluss Israels. (IMAGO / APAimages / IMAGO / Shadi Hatem \ apaimages)
Im Nahen Osten fordern zwölf Fußballverbände den Ausschluss Israels aus dem Weltverband FIFA. Der Initiator: Prinz Ali bin Al Hussein aus Jordanien, der Präsident des Westasiatischen Fußballverbandes. Zu den Unterzeichnern gehören auch Saudi-Arabien und Katar.
In ihrem offenen Brief heißt es: „Wir rufen die FIFA und ihre Mitglieder dazu auf, sich klar gegen die Gräueltaten und Kriegsverbrechen zu stellen, indem sie das Töten von unschuldigen Zivilisten – einschließlich Spielern, Trainern, Schiedsrichtern und Funktionären – und die Zerstörung von Sportstätten verurteilen und indem sie den israelischen Verband isolieren, bis diese Akte der Aggression aufhören.“

Auch europäische Politiker fordern Sanktionen

Im Februar schicken auch 26 Mitglieder des französischen Parlaments einen Brief an das Internationale Olympische Komitee IOC. Darin fordern sie Sanktionen gegen den israelischen Sport. Im Europaparlament beteiligen sich 13 Abgeordnete an einem ähnlichen Vorstoß.
Zudem vernetzen sich Aktivisten und Sportler in mehreren Ländern für Petitionen gegen den israelischen Sport. In ihrer Argumentation verweisen sie auf die Olympische Charta. Darin heißt es: „Jeder Mensch muss die Möglichkeit zur Ausübung von Sport ohne Diskriminierung jeglicher Art und im Olympischen Geist haben.“

Ein Stadion als Internierungslager

Dazu als Kontrast die Fakten aus dem Krieg: Vermutlich wurden in Gaza Hunderte Sportler, Trainer und Funktionäre getötet, darunter Hani Al Masdar, Co-Trainer der palästinensischen U23-Nationalmannschft.
Dutzende Sportplätze, Hallen und Verbandsräume in Gaza sind zerstört, darunter jene des Palästinensischen Olympischen Komitees, berichtet der US-amerikanische Autor Jules Boykoff, der sich seit langem mit der Sportpolitik befasst: „Das wichtige Yarmouk-Stadion in Gaza wurde von der israelischen Armee als Internierungslager genutzt. Man sollte meinen, dass diese Fakten dem IOC auffallen würden. Aber bisher haben sie sich nicht beeindrucken lassen. Dabei ähneln diese Tatsachen durchaus dem, was wir in der Ukraine erlebt haben.“
Zahlreiche Aktivisten und Organisationen fordern, dass Israel im Sport genauso behandelt werden müsse wie Russland. Nach dem Überfall auf die Ukraine hatten Dachorganisationen wie die FIFA oder die UEFA die russischen Mannschaften aus ihren Wettbewerben ausgeschlossen.
Martin Krauß, Autor der "taz" und der "Jüdischen Allgemeinen", findet den Vergleich mit Russland befremdlich. Schließlich sei am 7. Oktober Israel von der Terrororganisation Hamas angegriffen worden. Krauß sagt:

Von einem Angriffskrieg, der in irgendeiner Weise vergleichbar wäre mit dem, was Russland macht, kann man nicht reden. Und von Genozid oder Völkermord, oder was da alles an propagandistischen Begriffen durch die Gegend schwirren, schon rein gar nicht. Wenn ich mich lautstark hinstelle und sage, jüdische Sportler oder die Vertreter eines jüdischen Staates dürfen nicht dabei sein, ich wüsste nicht, was es anderes ist als Antisemitismus.

Martin Krauß, Autor bei der "taz" und "Jüdischen Allgemeinen"

Sport in den jüdischen Siedlungen

Auch die internationalen Sportverbände wollen Israel und Russland nicht auf die gleiche Stufe stellen. Das IOC erinnert an die Suspendierung des Russischen Olympischen Komitees 2023. Der Grund: Das ROC hatte die Sportverwaltungen in den besetzten ukrainischen Gebieten an sich gebunden und damit laut IOC die „territoriale Integrität des Nationalen Olympischen Komitees der Ukraine verletzt“. Das IOC teilt auf Nachfrage zum Krieg in Gaza mit: „Dieser Konflikt oder die vielen anderen bewaffneten Konflikte in unserer Welt können nicht mit dem russischen Einmarsch in der Ukraine verglichen werden.“
Mehr als 300 palästinensische Sportorganisationen weisen diese Auslegung zurück. In einer Kampagne erinnern sie auch an den Alltag vor dem Krieg: Häufig seien ihre Sportler an Kontrollpunkten im Westjordanland festgehalten worden. Oft hätten israelische Behörden die Einfuhr ihrer Sportgeräte erschwert. Auf der anderen Seite nehmen Fußballteams aus den jüdischen Siedlungen im Westjordanland, die von den UN als völkerrechtswidrig eingestuft werden, auch an Wettbewerben israelischer Verbände teil.
Dennoch halten sich internationale Sportverbände mit Kommentaren zurück. Der Publizist Jules Boykoff sagt: „Die USA als wichtigster Partner und Waffenlieferant Israels spielen eine wichtige Rolle. Das IOC leidet bereits unter schwierigen Beziehungen zu Russland, einem der früher wichtigsten Akteure im Sport. Deshalb wird das IOC nun sicherlich keinen Konflikt mit einer anderen großen Sportnation riskieren. Und es sind ja nicht nur die USA. Auch andere wichtige Länder wie Deutschland und Frankreich unterstützen Israel.“

Hamas soll von Sportplätzen Raketen abgefeuert haben

In Israel greifen Medien und Behörden auch den Sport in ihrer Verteidigungslinie auf. So soll die Hamas in Gaza auch von Sportplätzen Raketen abgefeuert haben. Palästinensische Fußballteams seien mitunter als Rekrutierungszellen genutzt worden.
Zudem blickt der israelische Sport auf eine jahrzehntelange Geschichte, in der seine Athleten immer wieder ausgeschlossen und boykottiert wurden, erinnert der Publizist Martin Krauß: „Es waren auch immer sogenannte westlich politisch ausgerichtete Staaten, die sich an diesen Sachen beteiligt haben. Israel ist ja bekanntlich ein Land, das am Mittelmeer liegt. Ob die in Italien stattgefunden haben, in Spanien oder in der Türkei: Israel darf bis zum heutigen Tag an keinen Mittelmeerspielen teilnehmen. Obwohl diese Spiele übrigens auch unter dem Patronat des IOC stehen.“

Israelische Sportlerinnen und Sportler unter Personenschutz

Die israelische Fußballnationalmannschaft könnte sich jetzt in den Play-offs für die EM qualifizieren, es wäre ihr erstes großes Turnier seit der WM 1970. Doch für den Gastgeber Deutschland wären damit große Herausforderungen in punkto Sicherheit verbunden. Die wenigen israelischen Sportler, die seit dem 7. Oktober an internationalen Wettbewerben teilgenommen haben, standen unter besonderem Schutz. Zum Beispiel die Schwimmer vor kurzem bei der WM in Katar. Martin Krauß sagt: „Die Besonderheit war, dass sie mit Bodyguards unterwegs sind, also mit ständigem Personenschutz, dass sie ihre Alltagswege komplett ändern. Dass das Hotel komplett abgeschirmt ist.“
In Deutschland ist die Zahl antisemitischer Vorfälle drastisch gestiegen. Gruppen wie die BDS-Bewegung (Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen), die Israel wirtschaftlich isolieren will und vom Bundestag als antisemitisch eingestuft wird, greifen auch den Sport auf. Im Internet ruft BDS zu Protesten, Sitzstreiks und „friedlichen Störungen“ bei Wettkämpfen auf. Womöglich auch bei der Fußball-EM und bei den Olympischen Spielen im Sommer in Paris.