Mittwoch, 28.10.2020
 
Seit 21:05 Uhr Querköpfe
StartseiteHintergrundWiederaufbau und Warten auf den Wandel25.08.2020

Libanon nach der ExplosionWiederaufbau und Warten auf den Wandel

Drei Wochen nach der verheerenden Explosion im Hafen sind die Beiruter immer noch am Aufräumen. Viele wünschen sich echten politischen Wandel, manche sehen den religiösen Proporz als Wurzel der Korruption im politischen System. Aber sind von den Oppositionsparteien Lösungen zu erwarten?

Von Björn Blaschke

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
"Meine Regierung hat das gemacht", steht am Straßenrand vor der Ruine des Lagerhauses in Beirut, das Anfang August 2020 explodierte (Deutschlandradio / Björn Blaschke)
Viele Libanesen geben der Regierung die Verantwortung für die Katastrophe, die weit über 100 Menschen tötete und Hunderttausende obdachlos machte (Deutschlandradio / Björn Blaschke)
Mehr zum Thema

Staatskrise im Libanon Jetzt beginnt die eigentliche Revolution

Beirut im Ausnahmezustand "Frustriert, traurig und unter Schock"

Nach Explosion und Regierungsrücktritt "Der Libanon steht nicht vor dem Zusammenbruch"

Elmar Brok Hisbollah ist eigentlicher Machthaber im Libanon

Libanon Rücktritt der Regierung reicht nicht

Schriftsteller Pierre Jarawan "Nur eine Revolution könnte im Libanon etwas ändern"

Bundesaußenminister Maas (SPD) zu Libanon "Dieses Land braucht Reformen von innen"

Explosionen im Libanon Eine Katastrophe als Symptom

KAS Libanon "Ein erhebliches Maß an Verwüstung"

Michael Lüders, Nahost-Experte "Mischung aus Feudalstaatlichkeit und mafiösen Strukturen"

Inflation, Hunger und Staatskrise Der Libanon vor dem Kollaps

Sarah-Maria sucht nach ihrem Federmäppchen. Im September enden die Ferien im Libanon. Die Schulen sollen wieder öffnen. Prüfungen stehen an. Dafür will die 14-Jährige vorbereitet sein.

Aber wo Sarah-Maria auch guckt, sie findet ihr Federmäppchen nicht. Es muss irgendwo sein - zwischen Scherben, geborstenem Holz und Ziegelsteinschutt – zwischen all den Trümmern, die übrig sind von Fensterscheiben, Schränken, Tischen, Stühlen, Wänden.

Auch am 4. August redete Sarah-Maria gerade mit ihrer Mutter über das neue Schuljahr: "Plötzlich haben wir ein komisches Geräusch gehört und dann flog alles in die Luft. Danach: überall Staub. Als ich zu mir kam, war von der Wohnung nicht mehr viel übrig, alles zerstört. Ich hatte in wenigen Sekunden mein Leben noch einmal gesehen, das Leben, das ich fast verloren hätte."

Die Familie Abu Assi in ihrer Wohnung nach der Explosion 2020 in Beirut (Deutschlandradio / Björn Blaschke)Die Familie Abu Assi in ihrer Wohnung (Deutschlandradio / Björn Blaschke)

Seither kommen Sarah-Maria und ihre Familie jeden Tag in die Pasteur-Straße - in ihre Wohnung, die nur dreihundert Meter vom Beiruter Hafen entfernt ist. Sie schaffen Trümmer beiseite, suchen nach Dingen, die noch brauchbar sind. Nur die Nächte verbringt die Familie Abu Assi in einem kleinen Häuschen, das ihnen oberhalb von Beirut gehört, in den Bergen.

Zehn Nachbarn seien hier, in der Pasteur-Straße, im Stadtteil Jemayze, durch die Explosion umgekommen, erzählt Sarah-Marias Vater, Nabil. Seine Familie habe Glück im Unglück. Ihre Wohnung ist kaputt und das Auto Schrott. Aber: Sie haben ihr Leben und einen Zweitwohnsitz. Die anderen Überlebenden mussten sich Notunterkünfte suchen.

Aber tatsächlich sind in den Straßen oder den Parks von Beirut keine der 250.000 bis 300.000 Menschen zu sehen, die Schätzungen zufolge am 4. August obdachlos wurden: "Einige Leute sind bei Freunden oder Verwandten. Sie wohnen jetzt irgendwo. Unsere Nachbarn nebenan sind im Haus ihrer Eltern. Aber keiner muss auf der Straße leben. So ist das nicht. Bestimmt nicht."

Der verwüstete Hafen von Beirut. (AFP / ANWAR AMRO) (AFP / ANWAR AMRO)Explosion in Beirut - "Ein erhebliches Maß an Verwüstung"
Ganze Stadtteile in Schutt und Asche, Krankenhäuser am Limit, so schildert Malte Gaier, Leiter der KAS in Beirut, die Lage kurz nach der Explosion. Durch das Unglück im Hafen sei einer der wichtigsten Versorgungswege abgeschnitten.

"Alte, denkmalgeschützte Häuser am stärksten betroffen"

Jihad al-Bekaa'i ist in die Pasteur-Straße gekommen. Er ist Chef-Bauingenieur der Kommunalverwaltung von Beirut und macht seinen täglichen Rundgang durch das Gebiet, das am stärksten von der Explosion getroffen wurde. "Wenn Sie die Gebäude aus Beton mit den Häusern vergleichen, die nicht aus Beton gebaut wurden, werden Sie feststellen, dass die Schäden größer sind. Da ist ein Gebäude, das kaum beschädigt wurde, weil es aus Beton besteht. Sehen Sie aber hier, dieses Haus, es ist ganz zu Boden gegangen. Weil es aus Felsgestein gebaut ist - ohne Beton -, konnte es der Druckwelle nicht standhalten. Die am stärksten betroffenen Gebäude in diesem Gebiet sind die alten, denkmalgeschützten Häuser. Leider ist ihre Zahl sehr groß."

Charles macht Intarsienarbeiten in Beirut und ist unzufrieden mit der politischen Klasse in seinem Land Libanon (Deutschlandradio / Björn Blaschke)Charles ist unzufrieden mit der politischen Klasse in seinem Land (Deutschlandradio / Björn Blaschke)

Der Ingenieur trifft auf Charles - einen Mann, der im Nachbarhaus der Familie Abu Assi ein Geschäft für Intarsien-Arbeiten betreibt. Charles klagt. Bisher seien weder Vertreter der Regierung noch der Stadtverwaltung zu ihm gekommen – nur welche, die ihn Formulare ausfüllen ließen - für die Aufnahme von Schäden.

Jihad al-Bekaa’i, der Chefingenieur der Kommunalverwaltung von Beirut, antwortet Charles direkt: "Die Leute sagen, dass die Stadtverwaltung nicht existiert, aber die Wahrheit ist, dass wir vom ersten Tag an mit der Reinigung begonnen haben. Wir machen eine Bestandsaufnahme der beschädigten Gebäude, damit es eine Entschädigung gibt. Die Kommune ist nicht in der Lage, allen Menschen zur Verfügung zu stehen. Wir arbeiten aber mit der Armee und mit Hilfsorganisationen zusammen."

Aufräumarbeiten in der Pasteurstraße nahe des Beiruter Hafens (Deutschlandradio / Björn Blaschke)Freiwillige Helfer nach der Explosion in Beirut (Deutschlandradio / Björn Blaschke)

Die Hilfsbereitschaft der Libanesen ist groß. Allein in der Pasteur-Straße haben Dutzende libanesische und internationale Nichtregierungsorganisationen Informationsstände aufgebaut. Dazwischen kleinere Grüppchen von unorganisierten Freiwilligen, die Wasser und Lebensmittel verschenken. Oder: Pfadfinder, auch im Libanon, mit seinen 18 anerkannten Religionsgruppen, eine überkonfessionelle Bewegung.

Dabei Dorianne Suwede: "Es ist fürchterlich: Unsere Regierung tut nichts. Sie hilft nicht. Wenn wir also nicht helfen, wer dann? – Wir können einen Unterschied machen."

12.08.2020, Libanon, Beirut: Heiko Maas (SPD,l), Bundesaußenminister, spricht mit einem libanesischen Armeegeneral am Ort der Explosion im Hafen Beiruts. Mehr als eine Woche nach der verheerenden Explosion im Hafen der libanesischen Hauptstadt besucht der Bundesaußenminister den Ort der Katastrophe. (dpa/Marwan Naamaani) (dpa/Marwan Naamaani)"Dieses Land braucht Reformen von innen"
Nach der Explosion in Beirut sollen internationale Soforthilfen an den Libanon gezahlt werden. Neuwahlen seien aber das Mindeste, was die Bevölkerung nun erwarte, sagte Bundesaußenminister Heiko Maas im Dlf. 

"Ich denke, das ist der Start einer neuen Ära"

Mit Dorianne ist Elie Aymar in die Pasteur-Straße nach Jemayze gekommen – ausgerüstet mit Schaufel und Besen. "Ich denke, das ist der Start einer neuen Ära, eines Wandels. Es wird bald etwas Neues kommen."

Etwas Neues: Dafür sind Dorianne und Elie schon im vergangenen Herbst auf die Straße gegangen. Monatelang demonstrierten sie gegen die jahrzehntealte Regel, dass ein Christ Staatspräsident des Libanon sein muss, ein Sunnit Regierungschef, ein Schiit Parlamentspräsident.

Dieses politische System, das einem strengen religiösen Proporz folgt, hat im Libanon zu Korruption und Misswirtschaft geführt, weil sich ein halbes Dutzend wichtiger religiös-politischer Führer ständig Geschäfte zuschachern.

Die Gewinne streichen sie – an der Staatskasse vorbei - für sich ein. Die meisten durchschnittlichen Libanesen gehen leer aus. Das hat zu einer Wirtschaftskrise im Libanon geführt, die heute gut die Hälfte der Bevölkerung an oder unterhalb der Armutsgrenze leben lässt.

Obendrein hat dieses System zu einem kriminellen Schlendrian geführt, der vielleicht die Explosion im Hafen von Beirut ermöglichte. Deshalb sieht Dorianne in ihrer freiwilligen Aufräumarbeit die Fortsetzung des Aufstandes, der im Herbst begann: "Wir haben hier eine Revolution, weil wir mit diesen Regierenden nicht mehr leben können. Sie lassen uns nicht angemessen leben, sie verweigern uns unsere Rechte – das Minimum unserer Rechte."

Der 17-jährige Khalil Abu Assi in der Wohnung seiner Familie nach der Explosion in Beirut im August 2020 (Deutschlandradio / Björn Blaschke)Der 17-jährige Khalil Abu Assi (Deutschlandradio / Björn Blaschke)

Khalil ist der Bruder von Sarah-Maria. Auch er demonstrierte im vergangenen Jahr gegen das systematische libanesische Geflecht aus Korruption und Misswirtschaft.

Der 17-Jährige erinnert sich gut daran, was die Proteste auslöste: "Sie wollten ein neues Gesetz erlassen, das eine Steuer auf Internet-Telefonie vorsah. Ich habe das gesehen und dachte, am nächsten Morgen seien die Proteste vorbei. Aber dann wurde es etwas Größeres. Und auch ich bin auf die Straße gegangen, bis die Regierung zurücktrat. Aber wie immer: Die eine Regierung geht, die andere kommt – und die Macht bleibt bei jemandem dahinter, der mächtiger ist."

Porträt von Pierre Jarawan  (Marvin Ruppert) (Marvin Ruppert)"Nur eine Revolution könnte im Libanon etwas ändern"
Pierre Jarawans Bücher spielen im Libanon. Sein neuer Roman "Ein Lied für die Vermissten" schildert die Wut der Bürger und ihre Sehnsucht nach Wandel. Der Poetry Slammer und Bestseller-Autor ist sicher, dass Neuwahlen nichts ändern werden.

Eine Polit-Elite ehemaliger Warlords

Die, die im Land mächtig sind, haben im libanesischen Bürgerkrieg ab 1975 Milizen geführt. Diese Warlords leiteten 1989 ein Ende der Kämpfe ein - mit einem Abkommen, das ihnen Amnestie zusicherte und das nun fast hundertjährige System der politischen Teilhabe etwas veränderte, aber nicht abschaffte.

Unter den alten Milizenführern, die heute das politisch-religiöse Establishment bilden, sind unter anderen Staatspräsident Michel Aoun, Drusen-Führer Walid Jumblat oder Hisbollah-Generalsekretär Hassan Nasrallah.

"Die neue Generation im Libanon schließt sich zusammen – in einem Punkt: Wir wollen das Alte nicht mehr, diesen Kriegsmist. Die älteren Leute sagen mir, dass der Bürgerkrieg nicht so zerstörerisch war wie die Explosion. Die Situation ist dramatisch."

Jemayze und die Pasteur-Straße: Eine Straße, ein Viertel, in dem vor allem Christen wohnen. Manche der freiwilligen Helfer kommen einfach hierher, um zu helfen. Andere wollen als Christen anderen Christen Mut machen, wie eine Gruppe, die religiöse Lieder singt.

Dorianne Suweide, Elie Aymar und andere Pfadfinder helfen nach der Explosition in Beirut im August 2020 (Deutschlandradio / Björn Blaschke)Dorianne, Elie und andere Pfadfinder helfen nach der Explosition (Deutschlandradio / Björn Blaschke)

Ein Stand der vielen Hilfsorganisationen ist besonders groß: der des "Ground Zero Relief Committee". Etwa dreißig Leute sitzen auf Plastikstühlen unter dem Baldachin. Ihr Sprecher ist der Arzt Tony Badr. Er hat das Komitee einen Tag nach der Explosion gegründet.

Badr erzählt, was sie leisteten: Neben ihm sei ein weiterer Arzt ansprechbar für die Leute der Gegend. Dazu noch ein Psychologe und ein Bauingenieur. Wer immer Hilfe brauche, dürfe sich an sie wenden.

Kritik auch an der Opposition

Gleichzeitig macht Tony Badr Werbung – für seine Partei. Er gehört zu den Forces Libanaises – einer nationalistischen Christenpartei, geführt von Samir Geagea. Der war Milizenführer während des libanesischen Bürgerkrieges und gehört zum politischen Establishment seines Landes.

Tony Badr stellt es anders dar: "Wir haben unter der Regierung – nicht der von Hassan Diab, die jetzt wegen der Explosionen zurückgetreten ist, sondern unter der davor – wir haben unser Bestes gegeben, um die Dinge zu verbessern. Aber das haben wir nicht geschafft. Die anderen - Michel Aoun, die schiitische Amal-Bewegung und die Hisbollah – halten die Macht in Händen. Und seit sie 2015 die Parlamentsmehrheit halten, sehen wir den Zerfall der libanesischen Wirtschaft."

Tony Badr von der nationalistischen Partei Forces Libanaises (Deutschlandradio / Björn Blaschke)Tony Badr von der nationalistischen Partei Forces Libanaises (Deutschlandradio / Björn Blaschke)

Die drei Parlamentarier der Forces Libanaises legten nach der Explosion ihre Mandate nieder. Wie sie erklärten, aus Protest gegen die Unfähigkeit der Volksvertretung, der Regierung und des Präsidenten.

Und überhaupt sehen sich Samir Geagea und seine Leute als Opposition. "Präsident Aoun wusste, dass explosive Stoffe in Beirut lagerten. Ein entsprechender Bericht war ihm geschickt worden. Und trotzdem hat er nichts dafür getan, das zu ändern."

Das ist wahr - sagen Demonstranten, die ein Ende des etablierten libanesischen Systems fordern. Gleichzeitig werfen sie den Forces Libanaises vor, dass sie Opposition spielten: In Wirklichkeit seien sie aber nur beleidigt, weil sie gerade zu wenig vom libanesischen Korruptionskuchen abbekämen. Wahrhaftige Oppositionelle seien sie jedenfalls nicht.

"Das konfessionelle System schützt die Korruption"

Als Gegner von Korruption, Miss- und Vetternwirtschaft stellen sich jedoch fast alle libanesischen Führer und deren Parteien dar: Saad el-Hariri und seine Zukunftsbewegung, Walid Jumblat an der Spitze der Drusen-Partei PSP, Hassan Nasrallah und die mächtige schiitische Hisbollah, aber auch deren Partner, die Amal-Bewegung. Deren Chef ist Parlamentspräsident Nabih Berri. Er gilt wohl fast jedem Libanesen als einer der korruptesten Männer des Landes.

In seinem bescheidenen Büro sitzt Mohammed al-Khawarja, Parlamentarier der schiitischen Partei Amal-Bewegung. An seinem Schreibtisch: dicke Kratzer. Die Druckwelle der Explosion am 4. August hatte die Fensterscheiben aus ihren Rahmen gedrückt und Splitter durch den – zum Glück – leeren Raum geschossen.

Mohammed al-Khawarja, Parlamentarier der schiitischen Partei Amal-Bewegung, im Interview mit Björn Blaschke (Deutschlandradio)Mohammed al-Khawarja, Parlamentarier der schiitischen Partei Amal-Bewegung (Deutschlandradio)

Klar, so Mohammed al-Khawarja, das Unglück müsse aufgeklärt werden. Denn auch er sieht sich in Opposition zum kriminellen Schlendrian im Libanon: "Was heute die Korruption schützt, ist das konfessionelle System. Wenn ein Verantwortlicher ein Verbrechen verübt, schützt ihn der Führer seiner Konfessionsgruppe vor strafrechtlicher Verfolgung. Diese Art Korruption ist bei uns ein komplettes System, das aus Politikern, Theologen, Medienvertretern, Unternehmern, Bankleuten, Richtern, Offizieren und den Mitarbeitern der Sicherheitsapparate besteht. Und wenn man versucht, gegen dieses System vorzugehen, bekommt man es mit dem gesamten System zu tun."

Khawarja macht sich im Gespräch für ein neues politisches System im Libanon stark, so wie – offiziell - auch der Chef der Amal, Parlamentspräsident Berri. "Dieses konfessionelle politische System ist ein Hindernis für die Entwicklung jedes einzelnen Libanesen. Es sollte nicht für eine einzige weitere Stunde bestehen bleiben. Denn je länger das System existiert, desto mehr Libanesen sterben. Natürlich haben wir eine Alternative: Wir können zu einem überkonfessionellen, zivilen System übergehen. Wir müssen dafür die politischen Parteien fördern, da bisher leider die Konfessionen im Libanon stärker sind als die zivilen Parteien. Wir haben ein parlamentarisches System, und das Mittel zur Veränderung ist die Wahlurne. Uns trennen nur zwei Jahre von den Wahlen, und ich rufe die Libanesen zu Veränderung auf."

Eine libanesische Flagge weht in der Nähe der Stelle, an der eine massive Explosion den Hafen von Beirut in die Luft sprengte (picture alliance/Marwan Naamani/dpa) (picture alliance/Marwan Naamani/dpa)"Der Libanon steht nicht vor dem Zusammenbruch"
Der libanesisch-amerikanische Publizist Rami Khouri hält das politische System des Libanon für hochkorrupt, diskreditiert und ineffizient. Khouri machte im Dlf die Regierungen der vergangenen sechs Jahre für die Explosion im Hafen von Beirut verantwortlich.

"Ich sehe nicht, dass sich schnell etwas ändert"

Neuwahlen, wie sie Hassan Diab einen Tag vor seinem Rücktritt als Regierungschef gefordert hatte, lehnen Khawarja und Amal-Chef Berri ab – aber auch die anderen etablierten politisch-religiösen Gruppen.

Nabil, der Vater der 14-jährigen Sarah-Maria, steht zwischen den Trümmern seiner Wohnung in der Pasteur-Straße. Er sieht die Verantwortung für die Explosion ebenfalls beim politisch-religiösen Establishment seines Landes: "Die Namen ändern sich, aber die Leute hinter den wechselnden Namen, die Religionsgruppen und deren Führer, bleiben dieselben. Die alten Kräfte bleiben, auch wenn sie immer mal neue Leute in die Regierung bringen. Sie beherrschen dieses Land seit Jahren und wollen sich nicht bewegen."

Nabil zweifelt daran, dass die Explosion den Libanon so tief erschüttert hat, dass ein Wandel folgt. "Ich sehe nicht, dass sich schnell etwas ändert. Nichts ist klar. Und ich bin mir auch nicht sicher, dass in den nächsten Monaten eine neue Bewegung auftritt – mit Leuten, die vorher nicht im etablierten politischen Regime waren. Ich bin mir nicht sicher, dass sich etwas ändert."

Verteilzentrum von Paula Yacoubians NGO nach der Explosion im august 2020 in Beirut (Deutschlandradio / Björn Blaschke)Verteilzentrum der Hilfsorganisation Dafa (Deutschlandradio / Björn Blaschke)

Etwa zwei Kilometer entfernt von der Pasteur-Straße befindet sich ein von der Explosion leicht in Mitleidenschaft gezogenes Autohaus. In den ehemaligen Ausstellungsräumen: Regale voller Lebensmittel, aber auch mit gebrauchten Einrichtungsgegenständen und Kleidung, Hosen, Hemden, Schuhe, Lampen, Stühle, Tische. Wer etwas braucht, um sich in einer provisorischen Unterkunft einzurichten, wird hier fündig genauso wie Leute, die Lebensmittelhilfen brauchen.

Die Freiwilligen, die sich bei der Hilfsorganisation namens Dafa engagieren, besuchen Leute, die in ihren Vierteln besonders von der Explosion getroffen wurden.

"Wir haben sechs, sieben Diktatoren, die alles leiten"

Die Leiterin der Organisation ist Paula Yacoubian. Sie hatte bei der Parlamentswahl 2018 als einzige unabhängige Kandidatin einen Sitz in der libanesischen Volksvertretung gewonnen. Nach dem Unglück am 4. August legte sie ihr Mandat nieder: "Das libanesische Parlament wird von der Mafia kontrolliert. Die Mafia besteht aus den herrschenden Parteien. Wir haben sechs, sieben Diktatoren, die alles leiten. Sie teilen sich untereinander den Kuchen und wollen mit den anderen Libanesen nichts teilen. Die Entscheidungen des Parlamentes werden außerhalb der Volksvertretung getroffen. Und der Parlamentspräsident entscheidet, was er will."

Deshalb ist das libanesische Parlament für Paula Yacoubian eine Alibi-Einrichtung - oder genauer: "Es ist ein großer Zirkus. Es ist kein Parlament mehr. Ich will kein Teil dieses Zirkus sein. Ich möchte Teil der Opposition sein. Der echten Opposition, die nicht nur darauf wartet, etwas vom Kuchen abzubekommen, und von den Parlamentssitzen, von der Macht, die ihre Vertreter bekommen können."

Die Parlamentarierin Paula Yacoubian gab ihr Mandat ab, weil sie das libanesische Parlament für einen Zirkus hielt (Deutschlandradio / Björn Blaschke)Die Parlamentarierin Paula Yacoubian hat ihr Mandat abgegeben, weil sie das libanesische Parlament für einen Zirkus hielt (Deutschlandradio / Björn Blaschke)

Es gibt viele, die daran zweifeln, dass es einen Wandel im Libanon geben wird, dass die alten Warlords eines Tages zu Gunsten eines neuen Systems abdanken - eines Systems, das überkonfessionell ist.

"Ich habe auch manchmal Zweifel. Und manchmal frage ich mich nachts, 'Was mache ich? Ist der Fall hoffnungslos?' Aber ein Land kann kein hoffnungsloser Fall sein. Wir müssen weiterkämpfen. Und wir müssen weiter träumen. Und nach etwas Neuem streben."

Ein Platz in der Innenstadt von Beirut ist voller Demonstranten. (Deutschlandradio/Julia Neumann) (Deutschlandradio/Julia Neumann)Libanon vor dem Kollaps
Der Libanon steckt in der größten Wirtschafts- und Schuldenkrise seiner Geschichte. Machtkämpfe in der politischen Führung des Landes erschweren die Suche nach Lösungen. Derweil wird es für die Bevölkerung immer schwieriger, sich zu versorgen.

"Wir müssen optimistisch sein, anders können wir nicht leben"

Ein politischer Neuanfang für den Libanon parallel zum Wiederaufbau der zerstörten Häuser? - Jihad al-Bekaa'i, Chefingenieur der Stadtverwaltung von Beirut, will sich nur zu technischen Fragen äußern. Eine Restaurierung der bis zu 400 Jahre alten Häuser, die durch die Explosion zum Teil stark beschädigt wurden, hält er für möglich.

Genauso den Wiederaufbau der Gebäude, die komplett am Boden sind. "Ich erwarte, dass die Arbeit frühestens in anderthalb Jahren abgeschlossen sein wird. Weil die meiste Arbeit, Fensterschäden und so, recht leicht ist, wird sie schnell erledigt sein. Für andere Gebäude, deren Fassaden zerstört wurden, braucht man Materialien – und die müssen aus dem Ausland bestellt werden."

Das wird Geld Kosten, Geld, das im Libanon momentan den meisten Leuten fehlt.

Aufräumarbeiten in der Pasteurstraße nahe des Beiruter Hafens (Deutschlandradio / Björn Blaschke)Aufräumarbeiten in der Pasteurstraße nahe des Beiruter Hafens (Deutschlandradio / Björn Blaschke)

Trotzdem ist Maguy, die Mutter von Sarah-Maria und Khalil, optimistisch. Sie war 1990 in Beirut, als das alte Zentrum der Stadt in Trümmern lag. Nach 15 Jahren Bürgerkrieg. Sie war 2006 in Beirut, als die südlichen Vororte zerstört waren. Nach 33 Tagen Krieg zwischen Israel und der Hisbollah. Und sie war bei ihren Kindern, als jetzt Teile der Stadt zu Bruch gingen – durch die Explosion im Hafen.

Maguy hat schon zweimal gesehen, wie ihre Stadt wiederaufgebaut wurde. Vielleicht strahlt sie auch deshalb nun Ruhe aus - während sie zwischen den Überresten ihrer Wohnung steht:

"Ich hoffe, dass Beirut wiederaufgebaut wird. Mit all den Freiwilligen und den Nichtregierungsorganisationen. Wir müssen optimistisch sein, weil das Leben weitergeht. Wir müssen optimistisch sein, denn anders können wir nicht leben. Hoffnung ist essenziell für das Leben. Für jeden Menschen."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk