Mittwoch, 29. Juni 2022

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Lösegeldforderungen
"Immer das gleiche Dilemma"

Einige Geiseln konnten aus der Hand der Terrormiliz Islamischer Staat befreit werden, der US-Journalist James Foley nicht - weil die US-Regierung kein Lösegeld zahlen wollte. Der ehemalige Diplomat Jürgen Chrobog fordert im Deutschlandfunk eine internationale Vereinbarung gegen Lösegeldzahlungen.

Jürgen Chrobog im Gespräch mit Friedbert Meurer | 25.08.2014

Der von der IS-Miliz getötete Journalist James Foley
Getöteter Journalist Foley: Teufelskreis Lösegeldzahlungen. (dpa / picture-alliance / Nicole Tung)
Diese Vereinbarung müsse verbunden sein mit der "ausdrücklichen Warnung an irgendwelche naiven Deutschen, in diese Region zu reisen", sagte Chrobog im Deutschlandfunk. Er hatte den Krisenstab zur Befreiung der Sahara-Geiseln im Jahr 2003 geleitet. In der vergangenen Woche hatte die Terrormiliz Islamischer Staat einen US-Journalisten hingerichtet, nachdem die amerikanische Regierung die geforderten 130 Millionen US-Dollar Lösegeld nicht zahlen wollte. Frankreich hat zwei Journalisten freigekauft - und auch die Bundesregierung soll das getan haben.
"Die Regierungen der betroffenen Länder stehen immer wieder vor dem gleichen Dilemma", sagte Chrobog im DLF. "Wenn die Entführung zu einem Mittel wird, um politische, islamistische, fanatische Forderungen durchzusetzen, wird sich dieses Dilemma sicher nicht auflösen. Es wird immer gesteigert werden, es wird immer gefährlicher werden."

Das komplette Interview zum Nachlesen:
Friedbert Meurer: Letzte Woche hat die Terrororganisation Islamischer Staat, gegen die ja die deutschen Waffen eingesetzt werden sollen, einen US-Fotografen vor laufender Kamera enthauptet – James Foley, wie gehört. Die US-Regierung soll nicht bereit gewesen sein, 130 Millionen Dollar – davon ist die Rede – Lösegeld zu bezahlen. Die Deutschen sollen das jetzt einem Bericht der "Welt am Sonntag" zufolge in einem Fall in Syrien getan haben und auch Frankreich habe zwei Journalisten freigekauft mit enormen Summen. Die waren mit Foley zusammen. Foley ist tot, die beiden Franzosen haben überlebt.
- Jürgen Chrobog hat jahrelang den Krisenstab im Auswärtigen Amt geleitet, war dort Staatssekretär. Guten Tag, Herr Chrobog!
Jürgen Chrobog: Guten Tag, Herr Meurer.
Meurer: Hätten Sie bei Foley, dem US-Fotografen, verhandelt?
Chrobog: Wissen Sie, jede Regierung steht vor einem unglaublich moralischen Dilemma. Wir sind natürlich als Regierung immer verpflichtet, uns für das Wohl unserer Bürger einzusetzen. So sieht es auch Artikel 2 des Grundgesetzes. Und wir müssen alles tun, um sie unversehrt nachhause zu holen, wenn es nun geht. Aber die Konsequenzen aus Zahlungen, die Konsequenzen aus dem Nachgeben gegenüber Terroristen sind natürlich sehr, sehr groß. Das hat große Folgen, entweder für die Sicherheit und Stabilität in der Region. Die meisten Terroristen finanzieren sich inzwischen aus Lösegeldern. Da kommen unglaubliche Summen zusammen. Und das, was damit dann passiert, das, was weiter zur Aufrüstung führt, ist tatsächlich eine große Frage mit ganz entscheidenden Gefahren, die sich daraus ergeben.
Meurer: Die Rede ist ja mittlerweile davon, dass ISIS oder El Kaida mittlerweile schon bis zu zwei Milliarden Dollar eingenommen haben aus Lösegeld. Kann man da noch Ja sagen dazu, Lösegeld zu bezahlen?
Chrobog: Ja, wohl nicht nur aus Lösegeld. Sie haben ja auch Banken übernommen. ISIS vor allen Dingen hat in Mossul das ganze Bankensystem übernommen und da Riesensummen einkassiert. Nein, das ist nicht unbedingt eine Frage des Umfangs der Geldzahlungen. Aber die Tatsache, die sich daraus ergibt, dass man überhaupt nachgibt, ist ein ganz großes Problem. Die Briten und die Amerikaner sind hier rigoros. Sie sagen, wir zahlen nicht. Aber der jetzige Journalist ist ja rausgekommen mithilfe von Katar. Was Katar hier gemacht hat für die Amerikaner, will ich nicht wissen und kann es auch nicht beurteilen. Aber es gibt natürlich immer Wege, diese Leistungen oder diese Lösungen zu erzielen.
Meurer: Sie glauben, dass die Amerikaner hier von ihrer Linie abgewichen sind?
Chrobog: Das sage ich überhaupt nicht. Ich weiß es einfach nicht. Aber Katar hat Einfluss dort. Katar war ja auch früher mal das Land, was neben Saudi-Arabien auch in den Ursprüngen zu Beginn sehr stark hier finanziert hat die Widerstandsgruppen, die islamistischen. Also man hat da noch Einfluss und man hat diesen Einfluss genutzt. Übrigens Gegenleistungen sind ja nicht nur finanzielle Gegenleistungen. Es werden ja auch andere erbracht. Die Amerikaner haben zum Beispiel für ihren Soldaten, der in Afghanistan entführt worden ist, gegen die Terroristen oder die Islamisten in Guantanamo freigelassen. Auch das sehr umstritten in Amerika. Wer sagt nicht, dass diese Freigelassenen auch wieder sich engagieren im Krieg gegen Amerika auf der islamistischen Seite. Auch Israel hat Gefangene freigelassen unter dem Druck der Hamas. Es gab einen Riesengefangenenaustausch. Also ganz unempfindlich gegen den Druck sind keine Staaten, auch nicht Israel, auch nicht die USA und vor allen Dingen natürlich nicht die Europäer.
Meurer: Wie soll sich die Bundesregierung in solchen Fällen verhalten, wie es jetzt offenbar in Syrien geschehen ist? Ein Deutscher ist da als Geisel genommen worden. Es soll ein junger, ich sage mal, naiver Mann gewesen sein, der sich gesagt hat, ich gehe jetzt nach Syrien, um da humanitär zu helfen. Und war dann schnelle Beute für die Kidnapper. Wie soll man sich da verhalten?
Chrobog: Das ist immer schlimm, dass junge Leute so einfach, naiv wie sie sind, dort hingehen, sich dieser Gefahr aussetzen und dann die Regierung unter Druck setzen, etwas für sie zu tun. Ich stand selbst vor dem Dilemma im Jahr 2003. Da waren 37 Europäer, darunter sehr viele Deutsche, in der Sahara für sechs Monate gefangen gehalten worden.
Meurer: Das waren Motorrad-Touristen?
Über Jürgen Chrobog
Geboren 1940 in Berlin. Der Diplomat studierte bis 1967 Rechtswissenschaften in Freiburg im Breisgau, Göttingen und Aix-en-Provence. Nach seinen Staatsexamen 1971 arbeitete er als Rechtsanwalt und trat 1972 in den diplomatischen Dienst der Bundesrepublik ein. Er übte dann verschiedene diplomatische Funktionen aus, war Staatssekretär im Auswärtigen Amt, dort im Krisenstab. Seit 2005 ist er Vorstandsvorsitzender der BMW-Stiftung Heribert Quandt.
Chrobog: Ja, Touristen, zumeist ältere Leute. Und der Druck der Angehörigen, der Druck der Öffentlichkeit, alles für die Freilassung zu tun, was wir so getan hätten, war ungeheuer groß. Die Regierungen sind ja einem Riesendruck ausgesetzt. Ich kann das nicht für alle Zeiten und alle Möglichkeiten hier entscheiden. Es ist immer eine Ad-hoc-Entscheidung, die getroffen werden muss. Aber natürlich sind Zahlungen hoch gefährlich, weil sie einen Teufelskreis auslösen, Zahlungen, Entführungen, erneute Zahlungen. Und das zu einem unglaublichen Geschäft wird in der Welt. Und das kann so nicht weitergehen. Im Grunde braucht man eine rechtliche Vereinbarung, gegen so etwas natürlich. Die sollte erzielt werden, möglichst im Rahmen der Vereinten Nationen.
Meurer: Aber Sie sagen, Herr Chrobog, die Stimmung in Deutschland ist so, dass da eigentlich eine Regierung keine Alternative hat und notfalls sogar 100 Millionen an die Terroristen von Islamischer Staat bezahlen würde?
Chrobog: Nein, das sage ich überhaupt nicht. Und in dem Fall, auf den ich mich jetzt beziehe im Jahre 2003, ist es auch nicht so gewesen. Ich weiß nur, dass der Druck natürlich groß ist, dass hier unglaubliches menschliches Leid verbunden ist mit so einer Entführung. Aber in diesem jetzigen Einzelfall, dazu kann ich überhaupt nichts sagen. Ich weiß nicht, was da gelaufen ist. Ich weiß nur, dass die Bundesregierung wie auch andere Regierungen sehr ernst nehmen ihre Verpflichtung gegenüber ihren eigenen Staatsbürgern, ihre Verpflichtung, das Leben und die körperliche Unversehrtheit dieser Staatsbürger zu schützen.
Meurer: Viele mögen jetzt an das Jahr 1977 denken. Helmut Schmidt hat es damals abgelehnt, der RAF nachzugeben. Und deswegen musste Hans Martin Schleyer sterben. Was geht Ihnen da durch den Kopf?
Chrobog: Ich sage ja: Das ist immer wieder das Dilemma, vor dem man steht. Und ich weiß auch nicht, ob es da eine Möglichkeit gegeben hätte damals. Es ging um die Freilassung der Gefangenen im Gefängnis hier in Deutschland. Man hätte es anders lösen können, aber dann wäre es natürlich immer weiter zu neuen Entführungen gekommen. Wenn die Entführung zu einem Mittel wird, um politische, islamistische, fanatische Forderungen durchzusetzen, wird dieses Dilemma sich ja nicht auflösen, sondern es wird immer gesteigert werden. Es wird immer gefährlicher werden. Deswegen, wiederhole ich noch mal, brauchen wir im Grunde eine internationale Vereinbarung gegen Lösegeldzahlungen und natürlich damit verbunden eine ausdrückliche Warnung an irgendwelche naiven Deutschen, gerade bei uns auch in diese Regionen zu reisen. Ich rede nicht von Journalisten, die ihre Aufgaben dort erfüllen, aber auch die müssen sehr aufpassen, das Risiko zu mindern, soweit es nur geht.
Meurer: Nur kurz: Sie wurden ja später dann selber entführt im Jemen. Das war eine Stammesfehde. Und dann sollen einige vom anderen Stamm verhaftet worden sein, sozusagen als Gegenpreis. Ist man da nicht auch einer Erpressung nachgegangen?
Chrobog: Nein. Da ist ja nicht Deutschland erpresst worden. Da ist der Präsident von Jemen erpresst worden und das ist üblich gewesen. Das ist so ein fast soziales Konstrukt so in diesem Land, dass man Geiseln nimmt, um Forderungen gegenüber der eigenen Regierung durchzusetzen: Infrastrukturplanungen oder Freilassung einer Gefangenen oder Ähnliches. Das ist ein Teil des Systems im Jemen immer gewesen. Und insofern war das hier eine sehr kalkulierbare Sache und die Bundesregierung ist niemals in irgendeiner Form erpresst worden. Es hat auch nie eine Zahlung gegeben. Der einzige, der sich bewegen musste und auch bewegt hat, war der Präsident vom Jemen.
Meurer: Der frühere Staatssekretär im Auswärtigen Amt und Krisenvermittler Jürgen Chrobog über das schwierige Für und Wider von Lösegeldzahlungen, wenn Personen sich in der Hand von Terroristen befinden. Herr Chrobog, danke schön und auf Wiederhören.
Chrobog: Ich danke Ihnen! Auf Wiederhören.
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.