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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische Literatur„Deutschland rechts außen“12.08.2019

Matthias Quent„Deutschland rechts außen“

Die These zieht sich durch das gesamte Buch: Die Gesellschaft in Deutschland sei viel liberaler und offener, als die Rechten glauben machen wollen. Nicht nur darum sei „Deutschland rechts außen“ vor den Landtagswahlen in drei ostdeutschen Bundesländern das Buch der Stunde, findet unser Rezensent.

Von Bastian Brandau

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Rechtsextremismusforscher Matthias Quent warnt davor, die Neue Rechte zu unterschätzen
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2019 könne niemand mehr die Bedrohung der Demokratie durch die populistische und radikale Rechte leugnen, schreibt Matthias Quent in der Einleitung. Er selbst ist mit dieser Bedrohung aufgewachsen. Eindrücklich beschreibt der 1986 geborene Soziologe seine Jugend in Thüringen – von Gewalterfahrungen durch Neonazis geprägt.

"Als ich das erste Mal von Neonazis überfallen wurde, war ich gerade vierzehn geworden. Im Schulbus hielten sie mich fest und gingen mit einem Messer auf mich los, um mir meine Haar abzuschneiden. Der Bus war voll besetzt, niemand griff ein."

"Und ich denke, das ist eine Biographie, die gar nicht einmalig ist in der Form, weil ich immer wieder, und zwar in allen möglichen Kontexten Menschen treffe, die in den 1990er, in den 2000er Jahren ganz ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Und die darum auch einen ganz anderen Blick haben auf das, was in Deutschland passiert im Moment, was im Bereich des Rechtsradikalismus passiert, als das beispielsweise Kollegen aus Westdeutschland haben, die diese Erfahrung, insbesondere diese Gewalterfahrung oftmals gar nicht mehr so präsent haben."

Erst später habe er verstanden, dass es in einer Demokratie nicht normal sei, ständig auf der Hut vor rechten Angriffen sein zu müssen, schreibt Matthias Quent weiter. Dennoch sei ein Teil des Problems, dass viele Rechtsextremismus lange als "ostdeutsches Problem" abgetan hätten.

Eine Warnung, die Neue Rechte nicht zu unterschätzen

Seinen persönlichen Schilderungen lässt er eine gründliche und aktuelle Analyse der Situation der Extremen Rechten in Deutschland folgen. Er selbst benutzt dabei den soziologischen Begriff rechtsradikal. Und beschreibt die Strategien der Neuen Rechten, die wie in den 1920er Jahren versuchen wollten, die Demokratie auszuhöhlen:

"Man versucht die Gesellschaft zu spalten in ‘wir, die wahren Patrioten‘ und dort ‘die Volksfeinde‘. Man konstruiert übergreifende Bedrohungen, wie das früher im Antisemitismus auch gemacht wurde, es gäbe ein Weltjudentum, einen jüdischen Kulturbolschewismus, der das deutsche Volk grundsätzlich bedroht und in Frage stellt. Dagegen müsse man sich wehren. Man verbreitet Angst, man verbreitet Unsicherheit, man schürt Kulturpessimismus. Das bedeutet, permanent wird seitens der AFD und anderer rechtsradikaler Akteure die liberale Demokratie als im Niedergang begriffen dargestellt. Und gegen diesen Niedergang, diesen drohenden, müsse man sich auch mit radikalen Mitteln zur Wehr setzen."

Quents Buch ist eine eindringliche Warnung, die Neue Rechte nicht zu unterschätzen und zu verharmlosen. Die Gewalt sei im Rechtradikalismus mit seinen verbalen Zuspitzungen zwangsläufig enthalten. In Anlehnung an den US-amerikanischen Historiker Timothy Snyder hält Matthias Quent auch einen neuen Holocaust für denkbar – bedingt durch die radikale Rhetorik etwa eines Björn Höcke. Die Rechten allerdings, die sich selbst auf dem Weg zur Macht sehen, führten historisch gesehen tatsächlich den Abwehrkampf eines zutiefst verbitterten Milieus.

"Dieses Milieu war schon immer Teil des ‘Establishments‘ und des Mentalitätshaushalts der Deutschen. Es wurde in den vergangenen Jahrzehnten aufgrund fortschreitender Demokratisierung und Liberalisierung zunehmend und aus gutem Grund in die Defensive gedrängt, und jetzt sieht es seine Felle davonschwimmen."

Gesellschaftliche Diskussionen nachholen und nutzen

Quents These zieht sich durch das gesamte Buch: Die Gesellschaft in Deutschland sei heute viel liberaler und offener, als die Rechten glauben machen wollen.

"Wenn man sich aber Studien anschaut, wenn man sich die Einstellungen anschaut, dann ist festzustellen, dass es überhaupt keinen Rechtsruck in der Bevölkerung gibt, in den Einstellungen der Bevölkerung, sondern im Gegenteil, dass die Bevölkerung deutlich liberaler ist. Dass man viel offener ist, Menschen in Notsituationen zu helfen, geflüchtete Menschen aufzunehmen, als das noch vor 10, zwanzig Jahren der Fall war."

Und so entstehe aus der aktuellen sichtbaren Stärke der Rechten auch die Chance: Dass gesellschaftliche Diskussionen nachgeholt werden. Und dass mehr Menschen sich für Demokratie und eine offene Gesellschaft einsetzen. Denn die deutsche Demokratie sei heute deutlich wehrhafter als in den 1920er Jahren. Im Westen zumal, wo die Gesellschaft mehr Erfahrung mit der Demokratie besitze. Der Osten habe Nachholbedarf. Aber gerade deshalb brauche der "andere Osten", wie Matthias Quent schreibt, bundesweite Solidarität. Denn anders als im Westen, wo Engagement gegen Rechtsextremismus auch aus der Mitte der Gesellschaft komme, gehe sie im Osten bisher mehr von links aus. Und werde von den Sicherheitsbehörden etwa in Sachsen als "linksextrem" diffamiert. Matthias Quent rät zur konsequenten Ausgrenzung Rechtsradikaler.

"Es gibt viele internationale Beispiele, die zeigen, wie etwa das Buch ‘Wie Demokratien sterben‘, dass Demokratien dann sterben, wenn Konservative gemeinsame Sache machen mit Rechtsradikalen. Rechtspopulisten und Rechtsradikale haben es nirgendwo aus eigener Kraft geschafft, Demokratien zu übernehmen, Macht zu übernehmen. Das passiert nur, wenn das demokratische Milieu mit ihnen kollaboriert. Und das ist die Herausforderung, vor der wir insbesondere in Sachsen, Brandenburg, Thüringen und bald auch in Sachsen-Anhalt stehen. Das bedeutet, die eigenen demokratischen, liberalen, auch die konservativen Werte stärker zu vertreten in Abgrenzung zu dem, wofür die AfD und ihr reaktionäres Milieu steht. Denn das ist nicht mit einem demokratischen Konsens vereinbar."

Stets gut belegt, eindrücklich, ohne zu dramatisieren, bietet "Deutschland rechts außen" auch eine Argumentationshilfe im Freundeskreis. Matthias Quents Thesen sind nicht neu. Herausragend ist aber die kompakte und gut lesbare Zusammenfassung, die diesen Titel vor den Landtagswahlen in Sachsen, Brandenburg und Thüringen zum Buch der Stunde machen.

Matthias Quent: "Deutschland rechts außen. Wie die Rechten nach der Macht greifen und wie wir sie stoppen können",
Piper Verlag, 301 Seiten, 18 Euro.

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