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StartseiteTag für TagDer Öko-Islam steht noch am Anfang13.08.2021

Muslime und Klimaschutz Der Öko-Islam steht noch am Anfang

Nur einmal im Leben nach Mekka fliegen, im Ramadan Nachhaltiges einkaufen, halal mit bio verbinden: Es gibt muslimische Initiativen, die Klimaschutz mit islamischer Glaubenspraxis verbinden wollen. Für die großen Islamverbände in Deutschland ist Ökologie allerdings nur selten Thema.

Von Mechthild Klein

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Eine junge Muslima hält eine Salatpflanze in die Kamera, im Hintergrund ein Stadtgarten (IMAGO / agefotostock)
Umweltschutz ist in muslimischen Communities in Deutschland vor allem ein Thema der jungen Generation, so Autorin Mechtchild Klein (IMAGO / agefotostock)
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"Für viele fromme Musliminnen und Muslime geht ‚halal‘ nur noch Hand in Hand mit ‚Bio‘", so steht es in einem Posting auf Instagram. Offenbar zählen manche Muslime eine biologische und naturschonende Ernährung heute zu ihren religiösen Speiseregeln. Aber wie verbreitet ist diese Einstellung in den islamischen Communities? Welche Rolle spielen Umweltschutz und Klimawandel? Eine kurze Recherche im Netz zeigt: Ja, es gibt einige muslimische Blogs und Initiativen, die den Klimawandel und das eigene Handeln in den Blick nehmen. Unter Hashtags wie #Ökoislam oder #muslimsforfuture finden sich ein paar Postings. Aber richtig viel kommt da nicht zusammen in den sozialen Medien. Schon gar nicht auf den Internet-Seiten der großen Islamverbände. Dort geht es hauptsächlich um Themen wie Islam-Bashing, Rassismus und Kopftuchdebatte, dazwischen Feiertagsgrüße – aber der Klimawandel und was man dagegen tun kann, kommt in der Regel nicht vor.

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Verbindung von Religion und Klimaschutz wenig im Bewusstsein

"Meine erste Beobachtung war bei Fridays for Future. Meine Kinder haben mitgemacht. Aber das war auch interessant, dass die Präsenz von muslimischen Jugendlichen sehr wenig war. Woran liegt das? Liegt das daran, dass sich die jugendlichen Muslime nicht angesprochen fühlen? Oder liegt es daran, dass sie nicht informiert sind oder dass sie überhaupt mit dem Thema gar nichts zu tun haben?", fragt sich Amina Boumaaiz.

Die Islamwissenschaftlerin mit marokkanischen Wurzeln schreibt ihre Doktorarbeit über das Thema ökologische Ethik und nachhaltige Entwicklung in der islamischen Theologie und Religionspädagogik. Dafür hat sie bereits viele Jugendliche interviewt. Ein Teil der Befragten zeigte sich interessiert, gab aber an, bislang wenig Zugang zu Informationen über den Klimawandel zu haben. Die Eltern seien oft desinteressiert und hätten kein Hintergrundwissen dazu, so der Eindruck der Wissenschaftlerin. In der Schule sei Umweltschutz zwar Thema in den Fächern Biologie oder Erdkunde, aber dass es auch religiöse Gründe für klimafreundliches Verhalten gibt, dass es auch im Islam die Vorstellung gibt, dass der Mensch mit der Schöpfung verantwortungsvoll umgehen soll, das sei kaum bekannt. Viele hätten keine Idee, wo sie sich über den Klimawandel informieren könnten. "Meistens sind sie nicht so informiert, hatte ich den Eindruck … es fehlt dieses Bewusstsein, dieses Handlungsbewusstsein fehlt", so Boumaaiz.

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Plastikfasten zu Ramadan

Es gibt ein kleines aktives Netzwerk muslimischer Umweltschutzvereine in Deutschland. NourEnergy ist seit zehn Jahren dabei, ein islamisch-deutscher Verband, der Solartechnik vermittelt, aber auch Fortbildungen und Seminare über Nachhaltigkeit und Umweltschutz anbietet. Der Verein spricht direkt die muslimische Community an, auch über die Hochschulen. Die Vorschläge zur Nachhaltigkeit beziehen sich vor allem auf islamische Feste, wie man beispielsweise das islamische Fastenbrechen nachhaltig feiert – vom grünen Iftar ist dann die Rede.

"Für Unterstützung zum Klimawandel, dass man auch einen Ramadan zum Beispiel ohne Plastik oder ohne viel Fleischkonsum begehen kann", sagt Boumaaiz. Plastikfasten zu Ramadan und auch noch weniger Fleischkonsum. Doch auch Amina Boumaaiz weiß, dass über Umwelt- und Klimaschutz gerne begeistert geredet wird, oft aber nur Theorie bleibt. "Ich finde diese ganze Sache mit der Ökologie in unserem Konsum, in unserer Ernährung, unserer Bekleidung auch sehr, sehr wichtig. Ich mache das mit meinen Kindern, wir reden darüber, aber ich kann nicht sagen, dass es wirklich ein Thema bei jeder muslimischen Familie ist, ja?"

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So gibt es zwar Begriffe wie Öko-Islam, Öko-Dschihad, die in England geprägt wurden. Muslimische Initiativen empfahlen in einen Green Hadsch: dass man die Pilgerfahrt nach Mekka, die Hadsch, mit dem Flugzeug nur einmal im Leben macht und auch Ausgleichszahlungen leistet für den CO2-Ausstoß. Der islamische Umweltverband für Ökologische und Umweltwissenschaften entwickelte als weltweite NGO ein umfangreicheres Schulungsprogramm, das nicht nur Moscheen in den Blick nahm, sondern auch die Biodiversität. 

Ein ausgeprägtes Umweltbewusstsein im Alltag oder gar Aufrufe zum generellen Flieger- oder Autoverzicht wegen des menschengemachten Klimawandels, wie er in den christlichen Kirchen mittlerweile angemahnt wird, ist in muslimischen Gemeinden jedoch eher die Ausnahme.

"Ja, also in der muslimischen Community in Deutschland ist das alles noch mehr in den Kinderschuhen als in den Kirchen würde ich sagen. Es gibt sicherlich in einzelnen muslimischen Gemeinden immer mal wieder Aktionen zum Thema Umweltschutz. Oftmals wird es aber jetzt nicht dokumentiert und es ist auch nicht im größeren Umfang, vielleicht einzelne Aktionstage", sagt Monika Zbidi vom Zentrum für orientalische Studien an der Universität Erlangen/Nürnberg.

Die Islamwissenschaftlerin promoviert über Umweltschutz im Islam. Zwar gab es im Jahr 2013 einen Tag der offenen Moscheen zum Thema Umweltschutz, aber das Thema Klimawandel sei nur wenig präsent in Moscheen. Sie verweist auf den muslimischen Umwelt-Verein Hima e.V., der gut vernetzt sei, auch mit NourEnergy und anderen. Studierende gründeten den Verein vor zehn Jahren, sie wollen Umweltschutz mit islamischen Prinzipien vereinen. Die Gründerinnen sind keine islamischen Theologen. Heute posten Hima-Aktivistinnen vor allem in den sozialen Medien und treten an Moscheevereine heran, halten Vorträge über Nachhaltigkeit und Islam.

Viele fremdeln noch mit der Öko-Bewegung

"Ich würde mal sagen, nicht so sehr, dass sie direkte Handlungsanweisungen geben: "Verzichtet auf das" oder "Macht das lieber so". Sondern es geht auch viel darum, erst einmal aufzuklären, dass dieses Umweltpotenzial im Islam überhaupt da ist, dass man sich muslimisch für die Umwelt einsetzt", sagt Zbidi.

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Vielleicht ist das ein Grund, warum viele Muslime mit der neuen muslimischen Öko-Bewegung fremdeln. Nachhaltige Bioprodukte galten in vielen muslimischen Gemeinden bislang als elitär und zu teuer oder nicht halal, also den Speisevorschriften nicht entsprechend. Doch Monika Zbidi erkennt einen Wandel:

"Dieses Thema Schlachtung zum Beispiel oder Halal-Ernährung, dass man da auch die Diskussionen anstößt. Natürlich. Was ist uns wichtig? Sind uns diese Themen wichtig, wie das Tier geschlachtet wurde? Oder ist uns eben auch wichtig, wie das Tier gelebt hat und wie sich das Tier ernährt hat?"

Warum greifen Islamverbände das Thema nicht auf?

Eine islamische Umweltbewegung in den mehrheitlich islamischen Ländern gab es laut Monika Zbidi nicht vor Ende des 20. Jahrhunderts. Das Umweltbewusstsein unter Muslimen sei eigentlich erst im Westen durch die Begegnung mit der Umweltbewegung in Europa entstanden, in England in den 90er-Jahren. Dann haben Theologen in den eigenen Quellen geschaut, im Koran und in den Hadithen, der Überlieferung zum Propheten. Oft wird als Legitimation von den Umweltverbänden eine Koranstelle angeführt, in der es heißt, dass der Mensch von Gott die Aufgabe erhalten habe, wie ein Kalif die Verantwortung für den Erhalt der Schöpfung zu tragen (vgl. Zitat im Koran 6:165).

Warum das Thema Klimawandel und Handlungskonsequenzen von den großen Islamverbänden bislang nicht aufgegriffen wird in Deutschland, darauf machen sich die Wissenschaftlerinnen keinen Reim – vielleicht, weil der Umweltschutz in vielen muslimischen Herkunftsländern bisher keine große Rolle spielt oder auch kaum mit der Religion verbunden wurde. Es gibt aber die Hoffnung, dass die islamische Theologie, die mittlerweile an den deutschen Universitäten verankert ist, das Thema aufgreift und auch in die Moscheen trägt.

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