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StartseiteKultur heuteWeißrussisch als Identitätsfaktor03.10.2016

Neue KünstlergenerationWeißrussisch als Identitätsfaktor

In Weißrussland regiert seit 22 Jahren Alexander Lukaschenko. Der autoritäre Präsident trat damals auch mit einer neuen-alten Kulturpolitik an: Zurück zur Sowjetunion, lautete seine Devise. Russisch wurde erste Staatssprache, Weißrussisch praktisch bedeutungslos. Doch heute spüren Künstler, die auf Weißrussisch schaffen, wieder Aufwind.

Von Florian Kellermann

Blick auf die weißrussische Hauptstadt Minsk (dpa / picture alliance / Simon Daval)
Die weißrussische Hauptstadt Minsk (dpa / picture alliance / Simon Daval)
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Der Laden des akademischen Buchs in Minsk: Etwa 250 Menschen stehen Schlange. Sie wollen, dass ihnen der Schriftsteller Viktor Martinowitsch sein neues Buch signiert. Unter ihnen ist auch Alena Schewelewitsch, Dozentin an der medizinischen Fakultät. Was sie besonders fasziniert: Martinowitschs neuer Roman "See der Freude" ist gleichzeitig auf Russisch und auf Weißrussisch erschienen. 

Denn eigentlich führe Weißrussisch ein Schattendasein, sagt Schewelewitsch: "Meine Eltern haben mit mir immer Russisch gesprochen, aber ich versuche jetzt, mich nur noch auf Weißrussisch zu verständigen. Manchmal ist das schwierig. Heute habe ich im Geschäft nach Knöpfen gefragt, und die junge Verkäuferin hat mich nicht verstanden. Erst, als ich das russische Wort sagte: "Pugawitza", da wusste sie, was ich meine."

Junge Weißrussen suchen nach ihrer Identität, die eigene Sprache wird ihnen wieder wichtiger. Das Angebot an Weißrussisch-Kursen in Minsk steigt, meist sind sie gut besucht.

Die Texte des Autors Martinowitsch handeln auch inhaltlich von dieser Identitätssuche. In "See der Freude" beschreibt er seine eigene Generation. Sie ist in den 1990er-Jahren erwachsen geworden, in einem Land, das die Älteren zurück in die Sowjetunion führen wollten und das kaum Perspektiven bot. 

Lukaschenko-Regime weicht langsam auf

Auch beim Gespräch in einem Café in der Minsker Innenstadt schlägt der Schriftsteller zunächst pessimistische Töne an:
"Leider gibt es an den Universitäten kaum noch Dozenten, die auf Weißrussisch lehren können, zum Beispiel Geschichte oder Physik. Denn, Weißrussisch zu sprechen, galt noch vor zehn Jahren als Symbol dafür, ein Nationalist zu sein. Diese Leute sind deshalb alle verjagt worden, sie sind heute in Vilnius oder in Prag. Im staatlichen Bildungssystem blieben nur die zurück, die nicht Weißrussisch können, die sich auch als Russen fühlen."

Gegen diese akademischen Intellektuellen begehrt eine junge weißrussische Künstlergeneration auf, zu der nicht nur Martinowitsch gehört. Vor allem unter den Rock-, Folk- und Balladensängern gibt es viele, die Weißrussisch bevorzugen.

Bis vor kurzem hatten sie die Staatsmacht gegen sich. Martinowitschs Buch "Paranoia" ist bis heute in Weißrussland verboten. Doch nach und nach weicht das Regime von Präsident Alexander Lukaschenko seine autoritäre Kulturpolitik auf. Der Sänger Ljawon Wolskij, lange auf der geheimen schwarzen Liste, durfte wieder öffentlich auftreten. Genau wie Schriftsteller Martinowitsch:

"Meine Buchpräsentation im Ladens des akademischen Buchs, einer staatlichen Buchhandlung mitten in Minsk - das wäre früher nicht möglich gewesen. Als ich eines meiner früheren Bücher in Gomel präsentieren wollte, ist damals gleich die Polizei gekommen. Das Regime blickt wohlwollender auf nationale Literatur und Kultur, das Klima ist liberaler geworden."

Das Problem dabei: Lukaschenko handele aus eigennützigem Kalkül, sagen Beobachter. Er habe gesehen, wie wenig zimperlich Russland in der Ukraine vorgeht. Deshalb wolle er sich dem Westen annähern. Darum habe er bei der jüngsten Parlamentswahl auch zum ersten Mal seit langem zwei Oppositionspolitikerinnen Sitze erringen lassen, meint Martinowitsch. Eine von ihnen ist Vize-Vorsitzende der Gesellschaft für weißrussische Sprache:

"Dem russischen Präsidenten Putin kann Lukaschenko nun sagen: Schau her, bei uns sind schon die Nationalisten ins Parlament eingezogen, weil ihr uns keine Kredite und kein billiges Gas gebt. Wenn ihr so weiter macht, werden die Nationalisten immer stärker werden."

Und doch, einige wenige konkrete Schritte gibt es: So haben Schüler jetzt wieder etwas mehr Unterricht auf Weißrussisch als früher. 

Trotzdem bleibt der Schriftsteller Martinowitsch erst einmal skeptisch: "Wenn Putin morgen kommt und sagt: Lukaschenko und ich haben vereinbart, Weißrussland an Russland anzuschließen, ihr bekommt russische Löhne und billiges Gas, wenn Putin das heute sagen würde, dann würde das wahrscheinlich eine Mehrheit der Menschen begrüßen. Nur einzelne würden gegen so einen Anschluss kämpfen."

Mit seinen Büchern, sagt Martinowitsch, wolle er dazu beitragen, dass es in einigen Jahren schon wieder ein bisschen mehr sein werden.

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