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StartseiteInformationen am Morgen"Frühling" macht der linken Mitte Hoffnung04.02.2019

Neue Partei in Polen"Frühling" macht der linken Mitte Hoffnung

In Polen gibt es Hoffnung für die Wähler der linken Mitte: die Partei "Frühling" von Robert Biedron. Er will "Politik von unten" machen, so seine Botschaft. Im aktuellen polnischen Parlament ist keine linksgerichtete Partei vertreten, das soll "Frühling" bei den kommenden Parlamentswahlen ändern.

Von Florian Kellermann

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Biedron bei einer Wahlkampfveranstaltung (Deutschlandradio/Kellermann)
Neuer Stern am polnischen Polithimmel: Robert Biedron (Deutschlandradio/Kellermann)
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Mehrfach windet sich die Schlange vor dem Warschauer Kongresszentrum. Tausende wollen den neuen Stern am polnischen Polithimmel erleben. Robert Biedron gründet seine Partei. Alle, die hier sind, haben sich schon vor Wochen auf der Internetseite des Politikers eingetragen, so auch die 63-jährige Anna Ginalska aus Lodsch: "Hier steht die Hoffnung Polens. Wir, die noch daran glauben, dass dieser Hass in der Politik ein Ende findet, dass die Menschen wieder durchatmen können. Der Spalt geht ja mitten durch die Familien. Eheleute reden nicht mehr miteinander und Eltern nicht mehr mit ihren Kindern."

Robert Biedron gilt mit seinen Positionen in Polen als linksliberaler Politiker. Er gibt sich aber auch als Mittler: Er wolle den Hass aus der Politik vertreiben. Für den seien die beiden großen polnischen Parteien verantwortlich, die rechtskonservativen PiS, die seit über drei Jahren regiert, und die rechtsliberale "Bürgerplattform".

Aufgewacht nach dem Attentat

Das kommt an, auch bei Anna Ginalskas Tochter Katarzyna, 28 Jahre alt: "Ich denke, viele Menschen sind aufgewacht nach dem Attentat in Danzig vor einigen Wochen. Deshalb sind hier so viele, weil sie positiv arbeiten wollen, weil sie etwas für den Staat tun wollen."

Die Grafik-Designerin spricht die tödliche Messer-Attacke auf den Danziger Bürgermeister Pawel Adamowicz an. Sie hat noch den Aufkleber mit dem Herzen an der Mütze: Symbol für die Wohltätigkeitsveranstaltung, bei der das Attentat geschah.

Ein paar Meter weiter hinten in der Schlange steht Krzysztof Madejski, 32 Jahre alt. Er nimmt kurz seine Atemmaske ab: "Die Messstationen zeigen, dass die Luft in Warschau ständig miserabel ist. Man riecht ja auch die verbrannt Kohle. Ich bin schon fast den ganzen Winter über mit Maske unterwegs. Alle sollten das tun, damit die Regierung sich dem Problem endlich annimmt."

Auch dafür hat Robert Biedron eine Antwort parat: Er will, dass Polen aus der Kohleförderung aussteigt - bis 2035. Polen produziert noch immer den Großteil seines Stroms aus Kohle.

Angelehnt an US-Wahlveranstaltungen

Die Show im Kongresszentrum soll für das lange Anstehen entschädigen - sie ist angelehnt an US-amerikanische Wahlveranstaltungen. Strahler werfen drehende Lichtkegel ins Publikum und an die Wand, aus den Lautsprechern kommt "Imagine". Eine kleine Provokation im katholisch geprägten Polen, aber das richtige Lied für den erklärte Atheisten Robert Biedron.

Trotzdem beginnt er mit einem religiös konnotierten Zitat:  "Ich danke, dass Ihr hier seid und so viel positive Energie mitgebracht habt. Was hier und heute passiert, wird das Antlitz dieses Landes verändern."

Ähnliche Worte benutzte Johannes Paul II. bei seinem ersten Besuch in Warschau als Papst.

Der 42-jährige Biedron präsentiert sich frech als Heilsbringer. Ein Kontrast zum unauffälligen Äußeren, mit Seitenscheitel und dunkelblauem Anzug. Und mutig angesichts seiner Laufbahn: Biedron war zuletzt Lokalpolitiker, Bürgermeister von Slupsk an der Ostsee, einer Stadt mit knapp 100.000 Einwohnern. Auch dort verfolgte er ein eher linksliberales Programm. Er führte Sexualkundeunterricht an den Schulen ein und bezahlte künstliche Befruchtung aus dem Stadthaushalt.

Trennung von Kirche und Staat

Den größten Jubel erntete er in Warschau mit einer anderen Forderung: die Trennung von Kirche und Staat: "Wir wollen den Staatsvertrag mit dem Vatikan nachverhandeln. Polen muss endlich ein laizistischer, weltlicher Staat werden - und damit ein unabhängiger Staat. Jeder muss gleich sein vor dem Gesetz, gleich ob Politiker oder Pfarrer."

Doch schon vor seiner Zeit als Lokalpolitiker machte Biedron landesweit Furore: Vor acht Jahren war er der erste offen homosexuelle Abgeordnete im Parlament. Er gründete eine Vereinigung, die für die Rechte von Homosexuellen kämpft. Deshalb lautet eine seiner Forderungen: Ehe für alle.

Auch die Rechte von Frauen will Biedron verteidigen. Er fordert ein liberales Abtreibungsrecht und fragt die Menge: Wollt ihr, dass eine vergewaltigte Schwangere gebären muss? "Nein", lautet die Antwort.

Die Kommentatoren kritisierten nach der Veranstaltung vor allem Biedrons sozialen Versprechen: ein höherer Mindestlohn, eine bessere Rente und garantierte Kindergartenplätze. Denn wie er das finanzieren will, sagt der Politiker vorerst nicht.

Trotzdem bewies er sich gestern als Hoffnung der linksgerichteten Polen. So von Mariusz Tomczak, 25 Jahre alt und Gehirnforscher: "So eine Art von Politik gab es noch nicht in Polen. Vielleicht bestätigen sich die Umfragen tatsächlich - für die Europawahl und die polnische Parlamentswahl im Herbst."

Denn diese Umfragen sagen die Formation von Biedron, die gestern auf den Namen "Frühling" getauft wurde, bereits auf dem dritten Platz in Polen.

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