Mittwoch, 01. Februar 2023

100. Geburtstag des Bildhauers
Die drahtigen Raumplastiken des Norbert Kricke

Die metallischen „Raumplastiken“ des 1922 geborenen Bildhauers Norbert Kricke trotzen vor vielen öffentlichen Gebäuden in Nordrhein Westfalen der kalten Nachkriegsarchitektur. Seine kleineren Arbeiten zählen allesamt zur konkreten Kunst.

Von Christian Gampert | 30.11.2022

Norbert Kricke (1922 - 84) ein deutscher Bildhauer in seiner Werkstatt bei der Herstellung seiner Plastiken.
Der Bildhauer Norbert Kricke in seiner Werkstatt bei der Herstellung seiner Plastiken. Undatierte Aufnahme. (picture alliance / United Archives / Wolfgang Kühn)
Dass Norbert Kricke ausgerechnet mit großen, ausladenden Stahlrohr-Plastiken bekannt werden würde, war zu Beginn seiner Karriere nicht abzusehen. Der am 30. November 1922 Geborene begeisterte sich als Schüler für die reduzierten Skulpturen eines Wilhelm Lehmbruck. Nach dem Krieg, er war bei der Luftwaffe, studierte Kricke in Berlin bei dem traditionell-figürlich orientierten Richard Scheibe und unterrichtete als 25-Jähriger an der Düsseldorfer Akademie Aktzeichnen.
Als Bildhauer suchte er zunächst den weiblichen Idealkörper, und seine Tonplastiken wurden, wie üblich, innen von Drahtgestellen gehalten. Kricke merkte bald, dass man den draufgepackten Ton auch weglassen und nur mit gebogenen Drähten arbeiten konnte. Das war der Durchbruch zu etwas ganz anderem, zur Konkreten Kunst, sagt die Kunsthistorikerin Ronja Friedrichs: „Als der Bruch vollzogen ist zu den Drahtskulpturen, ist er im Grunde sofort superradikal. Es ist keine Abstraktion, es ist konkret. Es ist dann nur noch der Draht im Raum, und es ist nicht mehr ein Bezug zu einer Figur oder einem Gegenstand.

Bewegung plastisch darstellen

Nach dem Zweiten Weltkrieg zeigten Alberto Giacomettis schmale Figuren die Versehrtheit des Menschen. Der Amerikaner Alexander Calder hatte schon in den 1920er-Jahren in Paris mit Drahtgebilden experimentiert, die er in Bewegung setzte. Auch bei Norbert Kricke geht es um Bewegung – aber er will Bewegung darstellen und - so Ronja Friedrichs: „Er geht von diesem großen Raum-Kontinuum aus und hat die Linie im Raum, die Linie als plastisches Element.“

Frühe Plastiken noch konstruktiv-geometrisch

Der Kunsthistoriker Max Imdahl hat Norbert Krickes Arbeiten als „Verlaufsformen“ bezeichnet. Und in der Tat: wie bei einer gezeichneten Linie beginnt in den frühen Arbeiten irgendwo ein Draht, entwickelt sich fort und hört irgendwo auf. Zunächst noch konstruktiv-geometrisch. Spätere „Raumplastiken“, wie Kricke die ab 1950 immer weitergeführten Arbeiten nennt, bilden immer kühnere, oft auch geschlossene und farblich gekennzeichnete Formen.

Ein Widerpart zur funktionalistischen Architektur

Schließlich werden aus ihnen organische Verzweigungen und energetische Bündel, die schon Ende der 1950er Jahre wie abstrakte Vögel und kristalline Strukturen diagonal im Raum stehen. Norbert Kricke setzt sie oft in Beziehung zu funktionalistischer Architektur, zu der sie einen spielerischen Widerpart bilden. Sogenannte „Raumkurven“ winden sich nach oben, die „Große Mannesmann“ steht als dynamisch-verschlungene Kreisform am Düsseldorfer Rheinufer. Dazu Ronja Friedrichs:
„Die Linie geht durch den Raum. Und mit der Betrachtung und der Beobachtung des Werks bewegen wir uns mit den Augen, auch mit dem Körper durch den Raum … Und im Idealfall leitet es über das Werk hinaus in die Umgebung.“

"Eine Art Grundlagenforschung"

Ende der 1950er-Jahre begann im benachbarten Köln Karlheinz Stockhausen mit elektronischer Musik zu experimentieren, mit Klängen und Geräuschen. In seiner Suche nach dem Wesentlichen ist er Kricke nahe. - Ronja Friedrichs: „Was Kricke macht, ist so eine Art Grundlagenforschung. Er versucht, das Faktische, was da ist, sichtbar zu machen.“

Kricke versus Beuys

Diese Haltung brachte Kricke, ab 1964 einflussreicher Lehrer an der Kunstakademie Düsseldorf, in Konflikt mit seinem Professorenkollegen Joseph Beuys. Kricke missfiel dessen priesterlicher Habitus und das Konzept der „sozialen Plastik“, das „alle Menschen“ zu Künstlern ernennt; Beuys wiederum warf Kricke vor, er gehöre zum Establishment und arbeite fürs Kapital. Dabei waren Krickes dynamische Drahtknäuel eher ein Kontrapunkt zur kalten architektonischen Nachkriegsmoderne, ein Ausbrechen aus dem Wirtschaftswunder-Denken. Seine Arbeiten, seien, so Ronja Friedrichs: „im Grunde das Anti-Monument. Die demokratisieren in dem Sinne auch den Blick.“
Krickes Plastiken machen den umliegenden Raum erst sichtbar, schrieb der Kunsthistoriker Gottfried Boehm. Dabei scheinen sie, trotz des schweren Materials, des Öfteren in die Luft abzuheben. Der Betrachter muss sich dazu in Bezug setzen. Das war 1984, als Norbert Kricke mit 62 Jahren viel zu früh starb, eine neue Erfahrung. Er hatte sich mit dem Ende schon lange beschäftigt: seine späten, kargen Kohlezeichnungen werden „Schluss-Striche“ genannt.