Mittwoch, 01. Februar 2023

30. Todestag des Tänzers
Rudolf Nurejew - gefeiert wie ein Popstar

Er war der größte Star des Balletts der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts: ein großartiger Interpret jeder Choreografie und Überwinder der Grenzen zwischen klassischem Ballett und modernem Tanztheater. Vor 30 Jahren starb Rudolf Nurejew in Paris.

Von Doris Liebermann | 06.01.2023

Rudolf Nurejew tanzend 1964 im Ballett "Schwanensee" in Wien.
Rudolf Nurejew, 1964 im Ballett "Schwanensee" in Wien. (picture alliance / brandstaetter images / Franz Hubmann)
„Meine Mutter wurde in der wunderschönen Stadt Kasan geboren. Mein Vater in einem kleinen Dorf in Baschkirien. Unsere Verwandten auf beiden Seiten sind Tataren und Baschkiren. Ich kann nicht genau definieren, was es für mich bedeutet, Tatar und nicht Russe zu sein, aber ich spüre diesen Unterschied in mir. Unser tatarisches Blut fließt irgendwie schneller und ist immer zum Kochen bereit.“
Charismatisch, athletisch, attraktiv, intelligent und emotional – mit diesen Eigenschaften wird der Weltstar des Balletts beschrieben. Nurejew sprang außergewöhnlich hoch und landete weich, wie eine Raubkatze. Ein französischer Kritiker beschrieb den jungen Tänzer so: „Ein Luftphänomen von atemberaubender Virtuosität und Leichtigkeit.“

In der Transsibirischen Eisenbahn geboren

Neben seiner unbändigen Energie und ungeheuren Bühnenpräsenz besaß er eine große erotische Ausstrahlung. Frauen und Männer lagen ihm zu Füßen.
Geboren wurde Rudolf Nurejew 1938 in der Transsibirischen Eisenbahn, als seine Mutter nach Wladiwostok zum Vater unterwegs war, einem Politkommissar der Roten Armee. In den Kriegsjahren war die Familie sehr arm. Nurejew litt Hunger, ging barfuß, trug die Sachen seiner älteren Schwestern. Mit sieben Jahren sah er zum ersten Mal ein Ballett und wusste: Er wollte Tänzer werden. Zuerst tanzte er in Kindergruppen - gegen den Willen des Vaters:

„Immer wenn er mich dabei erwischte, hat er mich verhauen. Aber ich habe trotzdem weitergemacht. Meine Mutter hat mich verteidigt, dadurch war es erträglich.“

Politisches Asyl in Frankreich

Erst mit 17 Jahren kam er zur klassischen Ausbildung nach Leningrad, spät für einen Tänzer. Doch er war ein Ausnahmetalent und schon ein Star, als er 1961 mit dem Leningrader Kirow Ballett nach Paris reiste. Er traf sich dort oft mit französischen Tänzern und ignorierte damit die strengen Kontaktverbote des sowjetischen Geheimdienstes KGB. Weil Nurejew als Folge Repressionen befürchten musste, beantragte er politisches Asyl in Frankreich. In der Sowjetunion wurde er in Abwesenheit zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt. Seine Mutter flehte ihn am Telefon an, zurückzukehren.

„Als meine Mutter sagte, denke an dein Land, deine Mama, deinen Papa usw., sagte ich: Mutter, du hast eine Frage vergessen: Bist du dort glücklich? Und darauf habe ich nur gesagt: Ja.“

Das Ballett-Traumpaar Fonteyn und Nurejew

Mit seiner Karriere im Westen ging es steil bergauf, als ihn das Londoner Royal Ballett im Herbst 1961 einlud, mit Englands „Primaballerina assoluta“ Margot Fonteyn das romantische Ballett „Giselle“ zu tanzen. Margot Fonteyn war damals schon über 40 und dachte ans Aufhören. Der leidenschaftliche, 19 Jahre jüngere Nurejew verlieh ihr neuen Elan, und er profitierte von ihrer Eleganz. Margot Fonteyn:

„Wahrscheinlich ist schon wieder in Vergessenheit geraten, dass er bei den klassischen Balletten große Veränderungen bewirkt hat. Diese Stücke galten als Ballette für Ballerinen, unter Mitwirkung eines Prinzen in untergeordneter Rolle. Das passte Rudolf nicht. Er war der Meinung, der Prinz sei genauso wichtig wie die Ballerina, und dafür hat er dann auch gesorgt.“

Der erste Auftritt des Traumpaars in „Giselle“ im Februar 1962 in der Covent Garden Opera war legendär, das Publikum hingerissen. 23-mal wurden Fonteyn und Nurejew vor den Vorhang gerufen.
Nurejew tanzte auch in vielen anderen Rollen in den großen Häusern der Welt. Er machte sich einen Namen als Pionier, der die Grenzen vom klassischen Ballett zum modernen Tanztheater durchbrach. Im Westen wurde er gefeiert wie ein Popstar. Er arbeitete besessen, war auch Choreograf und Schauspieler und in den 1980er-Jahren Ballettdirektor der Pariser Oper.
Seine todkranke Mutter konnte er erst 1987 wiedersehen, als er ein Sondervisum für zwei Tage zur Einreise in die Sowjetunion erhalten hatte. Da war er selbst schon krank. Rudolf Nurejew starb mit 54 Jahren am 6. Januar 1993 an den Folgen von Aids in Paris.