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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturSexueller Missbrauch - Die Rolle von Internatsleiter Gerold Becker02.05.2016

OdenwaldschuleSexueller Missbrauch - Die Rolle von Internatsleiter Gerold Becker

Odenwaldschule – dieser Name steht nicht nur für ein ehemaliges Eliteinternat, sondern für sexuellen Missbrauch an Schülern. Als Hauptverantwortlicher gilt der damalige Direktor des Internats - der Reformpädagoge Gerold Becker. 2010 starb Becker ohne strafrechtlich belangt worden zu sein. Wer war dieser Mann? Das Buch "Pädagogik, Elite, Missbrauch: Die 'Karriere' des Gerold Becker" gibt Antworten.

Von Armin Himmelrath

Weiter massiv in der Kritik: Die Odenwaldschule (OSO) in Ober-Hambach bei Heppenheim. (picture alliance / dpa / pdh-online.de)
Neue Enthüllungen über sexuellem Missbrauch an der Odenwaldschule (picture alliance / dpa / pdh-online.de)
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(Tagesschau 2010) "An der hessischen Odenwaldschule sind mehr Schüler sexuell missbraucht worden als bisher bekannt. Das geht aus dem heute vorgestellten Bericht über den Skandal hervor. Wie es darin heißt, hätten die Übergriffe einiger Lehrer System gehabt. Die 1910 gegründete Odenwaldschule galt lange Zeit als Vorzeigeeinrichtung für neue pädagogische Ansätze."

(Rechtsanwältin Claudia Burgsmüller) "Das war hier ein ganz massives System, in dem es auch eine Staffelweitergabe unter den Pädophilen, den manifesten Pädophilen gab, die sie ihre Netze gesponnen haben, und auch ihre Freunde und Bekannte und Verwandte versorgt haben."

Die Odenwaldschule. Wenn heute über dieses 1910 gegründete Landschulheim an der Bergstraße gesprochen wird, dann kann und darf es nicht mehr nur um den reformpädagogischen Ansatz gehen, für den die Schule jahrzehntelang stand. Denn seit 1998 deutete sich an, dass an der Odenwaldschule massiv und flächendeckend Schüler von ihren Lehrern missbraucht wurden. Erst 2010 wurde der Skandal richtig publik, und seither ist auch klar, dass der langjährige Leiter der Odenwaldschule, Gerold Becker, selbst zu den Tätern gehörte und andere Täter deckte. Becker starb 2010 mit 74 Jahren, ohne je strafrechtlich belangt worden zu sein. Wer war dieser Mann? Dieser Frage geht der Erziehungswissenschaftler Jürgen Oelkers in seinem Buch "Pädagogik, Elite, Missbrauch" nach. Oelkers ist Professor an der Universität Zürich – und er ist, schon seit Jahren, ein scharfer Kritiker der Reformpädagogik.

"Als Sprache ist Reformpädagogik ziemlich unerschütterlich. Aber man darf nicht von der Sprache auf die Praxis schließen, das wäre mein Hauptbefund. Die Landerziehungsheime waren nie, was sie sein sollten – und von ihrer Idee bleibt nichts."

Reformpädagogik als Deckmantel für pädophile Verbrechen

Von der Idee bleibt nichts, schon gar nicht nach der massiven Welle sexualisierter Gewalt gegen die Schüler – dieser Abgesang auf die Landschulheime zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch. Gleichwohl, sagt Jürgen Oelkers, seien dadurch nicht alle didaktischen Vorgehensweisen, die im Unterricht der Odenwaldschule praktiziert wurden, hinfällig.

"Methoden wie Projektunterricht oder Lernen nach eigenem Tempo sind davon unberührt, aber auch dabei geht es nicht um die Idee, sondern um die Wirksamkeit im normalen Schulalltag."

Das Landschulheim aber – und speziell die Odenwaldschule – stuft der Pädagogikprofessor als endgültig diskreditiert ein. Und tatsächlich zeigt sein Blick auf den langjährigen Schulleiter Gerold Becker, wie der trotz mangelnder fachlicher Ausbildung die Reformpädagogik als Deckmantel für seine pädophilen Verbrechen nutzen konnte. Oelkers ist dabei in seiner Kritik sehr scharf, wenn er nahelegt, dass die Odenwaldschule gezielt zu einem Hort für Päderasten ausgebaut wurde. Er beschreibt das Doppelleben von Becker, das sich in erster Linie um die Befriedigung pädophiler Triebe und allenfalls marginal um erziehungswissenschaftliche und pädagogische Fragen drehte. So entsteht in diesem Buch das Bild eines gefragten Reformpädagogen, der alles dafür getan hat, sein Leben, seinen Werdegang und vor allem sein Handeln zu vertuschen und nichts von sich preiszugeben.

Es ist ein schweres, ein bedrückendes Buch. Auch deshalb, weil Jürgen Oelkers auch einige Opfer mit ihren Leiden zu Wort kommen lässt. Opfer wie Andreas Huckele, der unter Pseudonym als einer der ersten seine Erfahrungen öffentlich machte und bis heute für eine Aufarbeitung des Missbrauchs und für eine Änderung der Gesetze kämpft.

Gerold Becker ging es nie um das Wohl der Kinder

"Wir brauchen eine ersatzlose Streichung aller Verjährungsfristen bei sexualisierter Gewalt. Weil: Das, was im Moment passiert, ist aktiver Täterschutz des Staates. Der Staat stellt die Interessen der Täter vor die Interessen der Kinder. Was ich hier mache, ist Lobbyismus für Kinder."

Um das Wohl der Kinder ging es Gerold Becker nie. Dass sein Doppelleben so lange unentdeckt blieb, schreibt Jürgen Oelkers dem Schutz mächtiger Freunde zu. Freunde wie Hartmut von Hentig, der ebenfalls als Reformpädagoge Berühmtheit erlangte. Becker ist tot, er kann nicht mehr reden. Aber Hartmut von Hentig lebt – und er schweigt, obwohl ihm mehrfach eine Mitverantwortung am Missbrauch vorgeworfen wurde. Jürgen Oelkers, das merkt man seinem Buch an, macht dieses Schweigen wütend. Und es lässt, auch das wird deutlich, viele Fragen unbeantwortet. Jürgen Oelkers:

"Warum Hentig wegen Becker seinen Sturz riskiert hat, bleibt rätselhaft. Nach langem Schweigen bittet er die Opfer, sie mögen dem toten Gerold Becker Verzeihung gewähren – ohne sich von seinem Freund loszusagen. Auch das ist rätselhaft. Von seinem Werk wird nicht viel bleiben: Die entschulte Schule wird es nicht geben, und keine Schule ist heute einfach eine polis. Wenn Schulen heute mehr als früher Erfahrungsräume sind, dann wegen der Bundesmittel für Ganztagsschulen  und nicht wegen Hartmut von Hentig."

So ist diese lückenhafte Biografie über den rätselhaften, kriminellen Lebensweg von Gerold Becker gleichzeitig auch eine Abrechnung mit dem anderen Vertreter der Reformpädagogik, mit Hartmut von Hentig. Material für über 600 Seiten hat Jürgen Oelkers in jahrelanger Arbeit zusammengetragen – ein Standardwerk zum Missbrauch an der Odenwaldschule, das kann man schon heute sagen. Trotzdem bleiben Wissens- und Interpretationslücken – und die sind fast noch schmerzhafter als das, was beschrieben werden kann .Was etwa führte in den 1960er Jahren zu dem Abbruch von Beckers Dissertations-Vorhaben an der Universität Göttingen? Gab es möglicherweise seinerzeit schon erste Opfer des Päderasten? 

Die Odenwaldschule ist, vor allem als Folge des Missbrauchsskandals, seit vergangenem Sommer insolvent. Die Reformpädagogik ist es längst – das ist die Botschaft von Jürgen Oelkers.

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