Pro und Kontra
Was für Olympia in Deutschland spricht und was dagegen

Mehrere deutsche Städte wollen sich als Austragungsort für die Olympische Spiele bewerben. Befürworter erhoffen sich von dem Sport-Großereignis einen Wirtschaftsboom, Kritiker warnen vor Folgen für Stadtbewohner und Natur. Was sind ihre Argumente?

Von Christian von Stülpnagel |
    Werbung für Olympia in Berlin
    Viel Werbung für Olympia, aber wäre das Großevent wirklich ein Segen? (picture alliance / Joko / Joko)
    Zum ersten Mal seit München 1972 sollen in Deutschland wieder Olympische und Paralympische Spiele stattfinden. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) will sich für die Spiele 2036, 2040 oder 2044 bewerben.
    Im Rennen sind vier mögliche Austragungsorte: München, Berlin, Hamburg und die Region Köln-Rhein-Ruhr. Die Münchener haben sich bereits in einem Bürgerentscheid für eine Bewerbung entschieden. In Köln-Rhein-Ruhr läuft derzeit die Abstimmung; Hamburg bittet seine Bewohner am 31. Mai zur Wahl. In Berlin ist eine Bürgerbefragung aus verfassungsrechtlichen Gründen nicht möglich. Mit welcher Stadt der DOSB in den Auswahlprozess des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) geht, soll im Herbst entschieden werden.
    Doch welche Vorteile könnten Olympische Spiele in Deutschland haben? Und welche negativen Folgen sind zu befürchten?

    Inhalt

    Wirtschaft, Jobs, Infrastruktur

    Olympia-Befürworter sehen die Spiele klar als Wirtschaftsmotor. "Wir können mit den Olympischen und Paralympischen Spielen in Hamburg Gewinn machen", sagt Steffen Rülke, Leiter der Hamburger Olympiabewerbung. Auch die Handwerkskammer unterstützt die Bewerbung: "Weil wir mehr Chancen als Risiken in den Spielen für Hamburg sehen. Chancen für Hamburger Handwerksbetriebe, für die Beschäftigung insgesamt und handwerkliches Arbeiten." Handel, Hotellerie und Gastronomie hoffen auf gute Geschäfte.
    Olympia könne auch Infrastrukturprojekte beschleunigen, meint der Darmstädter Politikberater Erik Flügge. In Hamburg sind das etwa der Umbau des überlasteten Hauptbahnhofs, die Sanierung maroder Brücken oder neue U- und S-Bahn-Linien. Geplant ist das ohnehin, doch die Zuschüsse fließen bisher nur langsam.

    Kein allgemeiner "Olympia-Booster" zu erwarten

    Klaus Wohlrabe vom ifo Institut dämpft dagegen die Erwartungen an einen großen konjunkturellen Wachstumsschub durch die Spiele. "Die Effekte, die es gab, waren immer lokal begrenzt und nie langfristig." Ein allgemeiner "Olympia-Booster", der die deutsche Wirtschaft nachhaltig aus der Stagnation hebt, sei historisch kaum belegbar.
    Hinsichtlich der langfristigen Budgetplanung für Spiele in zehn oder 18 Jahren warnt Wohlrabe vor zu optimistischen Kalkulationen. „Man muss davon ausgehen, dass die veranschlagte Summe X nicht reichen wird“, so der ifo-Experte. Aufgrund unvorhersehbarer Baukosten und Inflationsschübe seien seriöse Prognosen über Jahrzehnte kaum möglich. Da Kosten weltweit systematisch zu niedrig angesetzt würden, sei Olympia keine rein fiskalische, sondern eine „politische und emotionale Entscheidung“.

    Stadtentwicklung und Wohnen

    1972 hat München die Olympischen Spiele ausgetragen. Den Olympiapark und das Olympische Dorf gibt es bis heute. Die Anlage habe eine „erhebliche, sehr gute Nachnutzung, auch als Studentenstadt“, so Klaus Wohlrabe vom ifo Institut. Der Ökonom verweist auch auf die Spiele in London 2012, wo man viel in Wohnraum investiert habe.

    Effizienterer ÖPNV und bessere Grünanlagen

    Köln plant für die Olympischen und Paralympischen Spiele sogar einen ganz neuen Stadtteil: In Kreuzfeld im Norden der Stadt soll das Olympische Dorf sowie ein temporäres Leichtathletik-Stadion entstehen. Nach den Spielen sollen die Bauten in ein neues, nachhaltiges Wohnquartier umgewandelt werden.
    Steffen Rülke, Leiter der Hamburger Olympiabewerbung, rechnet ebenfalls mit positiven Effekten für die Bewohner der Stadt: „Die Olympischen und Paralympischen Spiele können ein Motor für Investitionen sein – in mehr und bessere Grünanlagen, einen effizienteren ÖPNV mit Bussen und Bahnen, in den Sport vor Ort, damit Kinder und Jugendliche sich bewegen. Auch in Barrierefreiheit, damit sich alle in unserer Stadt wohlfühlen: ob im Rollstuhl, älter oder aus anderen Gründen.“

    „Massive Gentrifizierung in Olympiastädten“

    Der Sportwissenschaftler und Blogger Benjamin Bendrich sieht dagegen Gefahren durch Olympia für die lokale Bevölkerung: „Wir haben eine massive Gentrifizierung in den Olympiastädten. Das heißt, es gibt einen unheimlichen Mietpreisanstieg in den Austragungsorten, aber auch die Immobilienpreise steigen stark an.“  Die einkommensschwächere Bevölkerung würde so aus den Innenstädten verdrängt.
    Jörg Detjen, Sprecher von „NOlympia Colonia“, fürchtet, dass bereits geplante Stadtentwicklungsprojekte etwa im Wohnungsbau in Köln durch die Olympischen Spiele auf der Strecke bleiben könnten. Den Kölnern würde dadurch Wohnraum entzogen.

    Image, Stimmung und Gemeinschaftsgefühl

    Olympische Spiele könnten einen „sehr positiven Effekt auf das Image“ der Stadt haben, meint Wirtschaftswissenschaftler Wohlrabe.

    Olympia könnte Zusammenhalt in Deutschland festigen

    Politikberater Erik Flügge glaubt sogar, dass das sportlichen Groß-Event den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Deutschland wieder festigen könnte. Nach Jahren der Krisen brauche die Gesellschaft einen Moment der Entlastung und des gemeinsamen Erlebens, so Flügge. Dieser „Stimmungsveränderer“ habe einen Eigenwert, der über messbare BIP-Zahlen hinausgehe und das Zusammenleben nachhaltig stärke. „Wir müssen manchmal auch diese Momente des Feierns, der Gemeinschaft, des Miteinanders haben.“
    Vergleichbar sei das auch mit anderen gesellschaftlichen Ereignissen. Flügge: „Weihnachten ist ökonomisch betrachtet auch absoluter Quatsch. Niemand stellt das infrage, weil es ein gesellschaftliches Ereignis ist, bei dem überhaupt Gesellschaft entsteht.“

    Sportverbände machen Milliardengewinne

    Die Olympia-Gegner kritisieren derweil die Verträge, die die Austragungsstädte unterschreiben müssten. Jörg Detjen, Sprecher von „NOlympia“, hält sie für „Knebelverträge“. Als warnendes Beispiel nennt er die Fußball-EM 2024 in Deutschland, bei der Städte Stadien an die Verbände günstig vermieteten, während die Sportverbände Milliardengewinne eingestrichen hätten.

    Umweltschutz und Nachhaltigkeit

    Das Internationale Olympische Komitee bemüht sich seit einigen Jahren darum, die Umweltauswirkungen von Olympischen Spielen kleinzurechnen. Bei Wettkämpfen in Paris soll der CO2-Fußabdruck um die Hälfte reduziert worden sein – durch die Nutzung vorhandener Sportstätten, den Einsatz von nachhaltigen Materialien wie Holz und lokalem Essen während der Spiele.

    Weniger Emissionen als vorgeschrieben

    Für Benja Faecks von der NGO Carbon Market Watch haben sich die Spiele in Paris damit auf einem guten Weg befunden: „Wir haben auch gesehen, dass sie für die Emissionen pro Kubikmeter die nationalen Standards auch überschreiten. Die machen es besser, als national vorgegeben ist. Das ist sehr gut.“
    Allerdings habe sich in Paris auch der Preis für den ÖPNV erhöht – und die Anreise vieler Fans, die oft per Flugzeug kommen, wurde gar nicht untersucht.
    Bei den deutschen Bewerbungen für Olympische Spiele spielt das Thema Nachhaltigkeit eine wichtige Rolle. So sollen viele bestehende Sportstätten genutzt oder temporäre Stadien gebaut werden. München, Berlin und Hamburg setzen zudem auf einen ÖPNV-Ausbau und kurze Wege zwischen den Sportstätten.

    BUND: Folgen größtenteils negativ

    Kritiker hingegen bemängeln, dass konkrete Maßnahmen in den Bewerberkonzepten fehlen, um die Umweltauswirkungen Olympischer Spiele in Deutschland zu minimieren. So heißt es vom BUND: „Die Folgen für Mensch und Natur, für Klima, Stadtentwicklung, Wohnungsmarkt, Verkehr und andere Bereiche wären größtenteils negativ. Das lassen die Erfahrungen früherer Ausrichter-Städte klar erwarten.“