Donnerstag, 29. September 2022

Omikron-Variante
Warum über kürzere Quarantäne-Zeiten diskutiert wird

Angesichts der hochansteckenden Omikron-Variante hat der Bund eine Verkürzung der Quarantäne-Dauer beschlossen. Ein Grund: Wenn zu viele Beschäftigte als Kontaktpersonen von Infizierten ausfallen, wird eine Beeinträchtigung der kritischen Infrastruktur befürchtet.

05.01.2022

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    Themenbild - haeusliche, häusliche Quarantaene, Quarantäne (picture alliance / Eibner-Pressefoto / Fleig)

    Welche Quarantäne- und Isolations-Regeln nun gelten

    Grundsätzlich gilt in Deutschland aktuell: Bei engem Kontakt zu einer positiv auf Corona getesteten Person soll man für zehn Tage in häusliche Quarantäne. Diese kann mit einem negativen Antigen-Schnelltest auf sieben Tage verkürzt werden, mit einem negativen PCR-Test auf fünf Tage. Die Entscheidung über die Quarantäne liegt beim zuständigen Gesundheitsamt.
    Während auf der offiziellen Internetseite der Bundesregierung weiter von der Zehn-Tage-Quarantäne für Kontaktpersonen die Rede ist, verhängen Gesundheitsämter in Omikron-Fällen unter Verweis auf Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts pauschal 14 Tage - auch für Geimpfte. Im Dlf-Interview forderte der Präsident des Deutschen Städtetages, Markus Lewe (CDU), eine Abkehr von derart langen Quarantäne-Fristen.
    Städtetag fordert Anpassung der Quarantäneregelung (05.01.2022)

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    Von der Quarantäne zu unterscheiden ist die Isolierung oder Isolation: Wer infiziert ist, soll 14 Tage nach Symptombeginn in Isolierung - vollständig Geimpfte fünf Tage, wenn sie danach symptomfrei und negativ PCR-getestet sind. Seit Bekanntwerden der Omikron-Variante werden Quarantäne- und Isolierungs-Regeln aber zumindest von einigen Gesundheitsämtern aufgrund der Vorgaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) strenger ausgelegt als zuvor bei Delta, wie etwa der WDR berichtete.
    In der Praxis ähneln sich Isolierung und Quarantäne (siehe RKI-Flyer zu häuslicher Isolierung und Quarantäne): Die betroffene Person soll sich nur im eigenen Haushalt aufhalten - möglichst auf Distanz zu Mitbewohnern. Kontakt zu Postboten, Nachbarn oder Freunden soll unterbleiben. Verstöße können mit einer Geld- oder Freiheitsstrafe geahndet werden.

    Was die Wissenschaft nun diskutiert und vorschlägt

    Der Biophysiker Richard Neher berichtete im Deutschlandfunk von Erkenntnissen, dass eine Infektion mit der Omikron-Variante früher feststellbar ist als bei bisherigen Mutationen. Da das sogenannte Generationsintervall von Omikron kürzer sei, könne man nach einer Exposition schneller feststellen, ob jemand infiziert worden sei. Vor diesem Hintergrund sagte der Wissenschaftler mit Blick auf Kontaktpersonen von Infizierten: „Wenn man schneller feststellen kann, ob jemand infiziert ist, kann man sie dann eventuell auch schneller aus der Quarantäne wieder entlassen.“ Hierzu gebe es "robuste Hinweise", sagte der Biophysiker.
    Grafik zeigt die mittlere Inkubationszeit bei Omikron, Delta und früheren Varianten
    Die mittlere Inkubationszeit ist bei Omikron etwa zwei Tage kürzer als bei den früheren Varianten, zeigen erste Studien. (Deutschlandradio / Andrea Kampmann)
    Dies bedeutet Nehers Angaben zufolge jedoch nicht, dass auch Infizierte früher die Isolation verlassen können. Hier stellt sich die Frage, wie lange jemand infektiös bleibt. Allgemein sagte er, die schnellere Omikron-Welle sei "quasi gestaucht, im Grunde wie die Uhr, die schneller tickt".
    Biophysiker Neher: Haben „robuste Hinweise“ für Verkürzung der Quarantäne (04.01.2022)
    Der Immunologe Carsten Watzl sagte der Deutschen Presse-Agentur am 3.1.2022, es könne "durchaus Sinn machen", dass sich jemand nach fünf oder sieben Tagen freitestet - gerade, wenn es um die kritische Infrastruktur gehe. Schließlich könnten besonders Menschen mit vollem Impfschutz, die sich infizierten, durch die Immunreaktion das Virus auch schneller und früher bekämpfen. Dies könne man aber "nur seriös machen, wenn das mit einem negativen Test begleitet ist", sagte der Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie. "Einfach so zu verkürzen, weil man sagt, sonst fallen zu viele Leute aus, dann lassen wir lieber Leute nach sieben Tagen raus, mit oder ohne Test - das würde ich für fahrlässig erachten." Der Epidemiologe Hajo Zeeb sprach im Dlf von einer "Risikoabwägung".
    Epidemiologe Zeeb: "Es ist eine Risikoabwägung" (30.12.2021)
    Im Deutschlandfunk-Interview zeigte sich der Virologe Christian Drosten offen für eine Verkürzung von Isolation und Quarantäne. "Bei der eigentlichen Quarantäne zum Durchbruch von Infektionsketten ist das natürlich auch so bei einem Virus, das etwas weniger Krankheitsschwere macht, das also so den ersten Fuß in der Tür hat zur endemischen Situation, dass man gesamtgesellschaftlich auch einfach nicht mehr alle Übertragungen verhindern können will und muss. Und da wird es dann auch so sein, dass man natürlich Quarantänezeiten verkürzt", so Drosten. Es gebe mehr und mehr Daten, die darauf hindeuten, dass „die Krankheitsschwere vielleicht abgemildert ist oder sehr wahrscheinlich sogar abgemildert ist“, sagte der Virologe.
    Christian Drosten: Die Pandemie wird nur für die Geimpften vorbei sein (30.12.2021)
    Christian Drosten.
    Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie an der Charité. (dpa / Britta Pedersen)
    Der Intensivmediziner Christian Karagiannidis warnte im Dlf vor "erheblichen Personalausfällen" wegen Omikron. Solche Ausfälle hätten Auswirkungen nicht nur auf die Behandlungskapazitäten für Corona-Patienten, sondern auch auf die Normalstationen. Die geplante Verkürzung der Quarantäne-Zeiten sei ein "zweischneidiges Schwert", so der Mediziner, der auch Mitglied im Expertenrat der Bundesregierung ist. Einerseits müsse man das Personal arbeitsfähig halten - und eine 14-tägige Quarantäne sei "nicht zwingend notwendig", da Omikron eine geringere Viruslast habe. "Das Problem ist aber, insbesondere derjenige, der infiziert war, sollte auch nicht zu früh zum Arbeiten kommen", so Karagiannidis. Denn im Klinikalltag könnten so doch noch Patienten angesteckt werden. Deshalb sollte in seinen Augen die Quarantäne auf keinen Fall zu früh beendet werden.
    Deutschlands Klinikärzte fordern eine substanzielle Verkürzung der Quarantäne-Zeit für Omikron-Infizierte und deren Kontaktpersonen, die in wichtigen Versorgungsbereichen arbeiten. "Genesene und Geimpfte sollten nach sieben Tagen wieder zur Arbeit gehen dürfen, wenn sie am sechsten Tag nach Feststellung einer Omikron-Infektion einen PCR-Test machen und dieser negativ ausfällt", sagte Michael Weber, Präsident des Verbandes der leitenden Krankenhausärzte (VlK), der "Neuen Osnabrücker Zeitung" vom 3.1.2022. Für enge Kontaktpersonen von Omikron-Positiven solle die Quarantänepflicht ganz entfallen, falls diese in der kritischen Infrastruktur beschäftigt seien, sagte Weber weiter. Wenn dieser Personenkreis drei Tage nach der Risikobegegnung negativ getestet werde und keine Symptome zeige, "sollte keine Quarantäne gelten", sagte er.

    Wie sich die Politik zu dem Thema positioniert

    Bundesgesundheitsministerin Karl Lauterbach (SPD) sagte im ZDF: "Wir denken in der Tat über verkürzte Quarantäne- und Isolationszeiten nach." Unklar ist, wie eine verkürzte Isolation beziehungsweise Quarantäne aussehen könnten. Derzeit sind unterschiedliche Modelle im Gespräch - etwa das Freitesten mit täglichen PCR-Tests, oder verkürzte Quarantäne nur für Geboosterte oder Symptomfreie oder nur Beschäftigte der kritischen Infrastruktur. Rechtlich liegt das in der Hand der Bundesländer. Die warten noch auf eine Empfehlung des Robert-Koch-Instituts.
    Debatte um Omikron-Vorbereitungen (4.1.2022)
    Der Gesundheitsexperte der Grünen, Janosch Dahmen, spricht sich gegen eine generelle Verkürzung der Quarantäne für Geimpfte aus. "Ich bin bei der Verkürzung der Quarantäne ganz pauschal sehr vorsichtig", sagt Dahmen am 4.1.2022 in der ARD. Es sei in Ordnung bei Geimpften, die sich infizierten aber keine Symptome zeigten, die Quarantäne am fünften Tag mit einem negativen PCR-Test zu beenden. Das gelte auch für sehr spezialisierte Beschäftigte mit geringen Kontakten. "Aber die Krankenschwester, die sich um den Herzinfarkt oder Schlaganfall kümmert, aus den Quarantäneregeln auszunehmen, die dann möglicherweise weitere Patienten ansteckt, das öffnet für Omikron zu viele Türen."
    Der Bundestagsabgeordnete Janosch Dahmen (Grüne) während einer Rede.
    Der Bundestagsabgeordnete Janosch Dahmen (Grüne) (picture alliance | Christoph Hardt/Geisler-Fotopre)
    Die Regierende Bürgermeisterin von Berlin, Franziska Giffey (SPD), sagte im Dlf mit Blick auf möglicherweise verkürzte Quarantäne-Fristen: "Jetzt im Moment brauchen wir das noch nicht, weil unsere kritische Infrastruktur nicht zu 30 Prozent außer Gefecht gesetzt ist, sondern maximal zu zehn Prozent." Aber wenn man an einen Punkt komme, an dem die Versorgung der Bevölkerung nicht mehr gewährleistet sei, könne das Robert Koch-Institut eine Verkürzung der Quarantänetage festlegen.
    Interview der Woche: Franziska Giffey, Regierende Bürgermeisterin von Berlin, SPD (02.01.2022)
    Selbst aus den Reihen der Gewerkschaften kommen Rufe nach einer kürzeren Quarantäne. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) plädiert für eine Verkürzung der Corona-Quarantäne für Lehrkräfte. "Vor den Ferien befanden sich an einigen Schulen eine hohe Anzahl der Beschäftigten in Quarantäne, weswegen teilweise Distanzunterricht stattfinden musste", sagte die GEW-Vorsitzende Maike Finnern dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Daher würde sie es begrüßen, wenn geimpfte und genesene Beschäftigte ohne Symptome die Quarantäne durch einen PCR-Test verkürzen könnten.
    Die Länder-Gesundheitsminister berieten am 5.1.2022 in einer Sonder-Videoschalte mit Bundesgesundheitsminister Lauterbach. Einem Beschlussvorschlag zufolge, über den Medien berichteten, sollen sich infizierte Mitarbeiter in kritischen Bereichen wie Krankenhäusern oder Stromversorgern nach sieben Tagen mit einem negativen PCR-Test freitesten können. Für Kontaktpersonen soll dies bereits nach fünf Tagen möglich sein. Für die allgemeine Bevölkerung gilt, dass sich sowohl Infizierte als auch Kontaktpersonen ohne Symptome nach sieben Tagen mit einem negativen PCR-Test freitesten können.
    Kinder, die Kontaktpersonen sind, können nach fünf Tagen mit einem negativen PCR-Test oder einem "hochwertigen" Schnelltest die Quarantäne beenden. Kontaktpersonen müssen gar nicht in Quarantäne, wenn sie "geboostert" sind, also drei Impfungen erhalten haben. Die vom RKI zuvor empfohlenen strengeren Regeln bei Omikron-Fällen sollen wegfallen.
    Onlineredaktion, dpa, Reuters, Pia Behme