Samstag, 25. Juni 2022

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"Opfer der Medienerregung"

Der Skandal um den Limburger Bischofssitz sei ein ideales Aufregerthema für Medien und Öffentlichkeit, weil sich damit mehrere brisante Diskussionen verquicken ließen, meint Alexander Kissler vom "Cicero". Die Deutschen hätten seit 1945 ein gespaltenes Verhältnis zu Prunk und Schönheit.

Alexander Kissler im Gespräch mit Christoph Schmitz | 23.10.2013

Christoph Schmitz: Dürer ist da, der Limburger Bischof bleibt weg - vorerst. Der Papst nimmt Franz-Peter Tebartz-van Elst aus der Schusslinie. Der Vatikan will abwarten, bis die Ergebnisse einer internen Untersuchungskommission vorliegen. Tebartz-van Elst muss ein abgrundtief schlechter Mensch sein und darüber hinaus krank im Kopf, wenn man den öffentlichen Bekundungen Glauben schenken will. Alle Übel der Zeit sind dann in ihm verkörpert: Verschwendungssucht, Prunkgehabe, Machtgier, Eitelkeit, Unehrlichkeit, Kommunikationsautismus. Bewiesen ist zwar noch nichts. Aber einig darüber, dass es so ist, sind sich die meisten. Doch wenn alle sich einig sind und einer der Böse, dann könnten für Schimpf und Schande nach den Gesetzen der Massenpsychologie auch andere Ursachen eine Rolle spielen. Wie sehen Sie das im aktuellen Fall? Das habe ich den Kulturchef des Magazins "Cicero" gefragt, Alexander Kissler.

Alexander Kissler: Ja der Bischof von Limburg war ideal ein Opfer der Medienerregung, aber auch der Öffentlichkeitserregung insofern, als man im Rahmen der Debatte über den aus dem Ruder gelaufenen Neubau mehrere Fragen verquicken konnte. Zum einen: Welches Recht auf Präsenz im öffentlichen Raum hat die Katholische Kirche, wie soll der öffentliche Raum überhaupt gestaltet sein und welches Daseinsrecht – das dritte Recht, das hier infrage gestellt wird – hat überhaupt noch Prunk, hat eigentlich jede Form, die über das Notwendige und nur Zweckvolle hinausreicht, in eben diesem öffentlichen Raum? Und hier sollte man offenbar zeigen, dass in einer nivellierten Mittelstandsgesellschaft, wie der deutschen, auch das Ästhetische über das Mittelmaß nicht hinausschreiten soll.

Schmitz: Das heißt, der Limburger Domberg ist ein Ersatzkampfplatz?

Kissler: Er ist nicht nur, er ist auch ein Ersatzschauplatz. Wir müssen erst die internen Untersuchungen abwarten. Noch hat er als in allen Anklagepunkten unschuldig zu gelten. Das Recht sprechen nicht die Medien glücklicherweise. Der Ersatzschauplatz ist aber tatsächlich insofern gut gewählt, als wir oft in Deutschland diese franziskanische oder diese vulgär-protestantische Auffassung haben, dass die Armut der Erscheinung automatisch auf die Lauterkeit der Gesinnung schließen lasse. Das ist aber falsch.

Schmitz: Warum wird die Schönheit des neuen Limburger Domberges nicht gesehen? Eine Bauschönheit, die ja für die Gläubigen allgemein ist zur Versammlung, Meditation, Gespräch und Gebet.

Kissler: Das wäre genau die entscheidende Frage: Ist der Bau, der dort entstanden ist, schön. Davor müssten wir uns allerdings die Frage stellen: Hat Schönheit überhaupt noch ein Recht, sich auszusprechen, oder leben wir nicht alle in einer Gesellschaft, in der die Diktatur der Zwecke, des Funktionellen gelten? Wir müssen, glaube ich, wieder etwas bei Platon und bei Schiller in die Schule gehen, um zu lernen, dass in der Schönheit wirklich Wahrheit aufleuchten kann und dass wir Menschen es wirklich verdienen, uns auch in Räumen zu bewegen, die von Schönheit durchtränkt sind und nicht nur von Zwecken, von Interessen finsterster oder redlicher Art.

Schmitz: Warum wird die Schönheit nicht geschätzt? Hat das historische Gründe der Bundesrepublik nach '45?

Kissler: Ich denke schon. Die klassische Trias vom Schönen, Wahren, Guten, die ja zusammen zu dritt, könnte man sagen, eine Identität bilden sollen, ging spätestens nach '45 entzwei. Peter Sloterdijk spricht ja von den fatalen zwölf Jahren, die dazu geführt hätten, dass man nun das Wahre nur noch bei dem Hässlichen meine, finden zu dürfen. Neuerdings, sprich seit '45 oder seit den 68ern endgültig, gilt eher das Hässliche als das Wahre und das Schöne steht unter dem Verdacht des Unmoralischen, wenn nicht gar des latent Faschistoiden. Insofern glaube ich, wir müssen neu lernen. Nicht nur die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar, sondern auch und gerade die Schönheit.

Schmitz: Nun beschwört der neue Papst ja eine Kirche der Armut. Muss er dann einen Bischof, der teuer baut, nicht in die Schranken weisen?

Kissler: Er muss einen Bischof in die Schranken weisen, der Gelder verschwendet und der die Öffentlichkeit belogen hat. Ob er das getan hat, wissen wir noch nicht. Wir sollten uns allerdings davor hüten, was auch Papst Franziskus selbst als Gefahr erkannt hat, nämlich die Armut zur Ideologie zu entstellen. Es geht christlich gesehen immer um Armut als Mittel zur Freiheit. Die Freiheit eines Christenmenschen ist an eine relative Bedürfnislosigkeit geknüpft. Das heißt: frei sein vom Zwang zur Einheitsmeinung, frei sein auch vom Zwang des Applauses, eine solche Armut brauchen wir. Es kann allerdings auch ein sehr, sehr billiger Palast von einem schlechten Geist bewohnt werden. Wir sollten uns da nicht in die Tasche lügen.

Schmitz: Eine letzte Frage, Herr Kissler: Wie kommt es, dass ein Provinzfall, wie Limburg ja einer ist, als Signal für einen Angriff auf die Besitzverhältnisse der Kirchen allgemein in Deutschland verstanden wird.

Kissler: Die Stimmung hat natürlich – Stichwort Kirchensteuer-Debatte – schon länger gegärt. Die organisierten oder unorganisierten Laizisten befinden sich im Aufschwung, was zunächst einmal nur festzustellen und nicht zu kritisieren ist, und man meint nun, in dieser tatsächlichen oder vermeintlichen Verschwendung einen Hebel gefunden zu haben, um das Kirchen-Staats-Verhältnis aus den Angeln zu heben. Manchmal können sich ja Revolutionen an kleinsten Anlässen oder sogar Kriege an kleinsten Anlässen entzünden. Insofern hat in einer Art konzertierten Aktion nun dieser Vorwurf gegen das Schöne und der Vorwurf gegen das Christliche, gegen das Kirchliche in der Öffentlichkeit einen scheinbar dankbaren Anlass gefunden.

Schmitz: Alexander Kissler, Kulturredakteur von "Cicero", über den Fall des Limburger Bischofs.


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