Sonntag, 04. Dezember 2022

Vor 20 Jahren gestorben
Der Komponist Oskar Sala ließ Hitchcocks "Vögel" kreischen

Jahrzehntelang war Oskar Sala der einzige Interpret eines kuriosen elektrischen Musikinstruments - des Trautoniums. Einem breiten Publikum wurde er erst durch die Klangkulissen zu Alfred Hitchcocks Thriller „Die Vögel“ bekannt. Vor 20 Jahren starb der Pionier der elektronischen Musik.

Von Hartmut Goege | 26.02.2022

Der Musiker Oskar Sala, 1999 in seinem Berliner Tonstudio auf einem sogenannten Mixtur-Trautonium spielend, das er Anfang der 1950er-aJhre konstruiert hat.
Der Musiker Oskar Sala 1999 in seinem Berliner Tonstudio an seinem Mixtur-Trautonium, das er Anfang der 1950er-Jahre konstruiert hat. (picture-alliance / ZB)
Die „Subharmonischen Mixturen“ - nur eines von zahlreichen Klang- und Musikstücken, die Oskar Sala im Laufe seines Lebens komponiert hat. Als er am 26. Februar 2002 im Alter von 91 Jahren starb, hinterließ er der Nachwelt nicht nur ein gewaltiges Archiv von fast zweitausend Tonbändern, auf denen er seine Kompositionen festgehalten hatte; er hinterließ auch eines der kuriosesten elektrischen Musikinstrumente des 20. Jahrhunderts: das Trautonium. Vom Aussehen her eine Mischung aus Kirchenorgel und antiquierter Kommandozentrale eines Jules-Verne Unterseeboots mit Drehschaltern, Hebeln und Messanzeigen.

Forscher im „Laboratorium für neue Töne“

Die Grundzüge dieses Geräts hatte der Ingenieur Friedrich Trautwein 1930 an der Berliner Rundfunkversuchsstelle entwickelt. Eine Einrichtung, die als „Laboratorium für neue Töne“ zur Tonfilm- und Radiotechnik forschte. Zur gleichen Zeit begann der damals 19-jährige Oskar Sala sein Studium an der Berliner Musikhochschule als Schüler des berühmten Komponisten Paul Hindemith:
„Aber nach kurzer Zeit, es waren ein paar Monate, glaube ich, nur, da sagte Hindemith zu uns: Kommen Sie mal mit in die Rundfunkversuchsstelle da oben. Da ist ein Dr. Trautwein eingezogen, der baut da ein elektrisches Instrument.“

Hindemith-Schüler Sala hat am neuen Instrument "mitgelötet"

Als Basis diente ihm ein elektrischer Schwingkreis und als Spielmanual eine auf einem Brett befestigte Metallschiene mit einer waagerecht darüber gespannten drahtumwickelten Darmsaite. Dieser Versuchsaufbau erzeugte einen sehr obertonreichen Klang. Die Tonhöhe hing wie bei einer Slide-Guitar von der Position des Druckpunktes ab. Sala war von den klanglichen Möglichkeiten derart fasziniert, dass er seine Mitarbeit anbot:
"Und ich fand mich am nächsten Tag wieder da oben ein, es hatte mich interessiert. Und dann habe ich da oben mitgelötet, und dann war ich natürlich gleichzeitig da oben, um auf dem Ding zu spielen und um zu sehen, wie spielt man denn da. Die Mensur, wie kann man das denn machen mit den Knöpfen.“

Eigens nebenher Physik studiert

Oskar Sala wurde nicht nur zum virtuosen Spieler des Instruments. Um in die Geheimnisse von elektrischen Schwingungen und Widerständen einzutauchen, studierte er nebenher auch Physik. Und gemeinsam mit Trautwein verfeinerte er Technik und Klangfarben des Trautoniums:
„Wir haben hier einen Schwingungskreis, der wird hier eingeschaltet. Und jetzt dreh ich da mal.“ – (elektrische Töne) – „Das war natürlich für 1930 eine Sensation.“
Mit dieser Erfindung konnten sie nicht nur die Klangfarben herkömmlicher Instrumente imitieren, sondern auch natürliche Vokale, Tierstimmen und nie gehörte synthetische Klänge erzeugen, ähnlich späteren Synthesizern.

Von Werbespots zu Hitchcock

Mit seinem Trautonium lieferte er fortan für Tonfilmproduktionen spezielle Geräusche und unternahm sogar Konzertreisen ins europäische Ausland. Nach dem Krieg machte er sich mit einem eigenen Studio in Berlin selbständig. Sala hatte bereits Klangkulissen für zahlreiche Kultur-, Werbe-, Industrie- und Spielfilme produziert, als schließlich 1962 Alfred Hitchcock mit ihm Kontakt aufnahm:
„Ich bin hier für meinen letzten Film, der heißt "Die Vögel". Und wir machen hier eine neue Idee für Ton. Dieser Film hat keine Musik. Da ist eine Maschine hier, die macht den Ton durch Elektronik“
Hitchcock hatte für seinen neuen Thriller darauf verzichtet, gefährlich wirkende Raubvögel einzusetzen. Möwen, Krähen und Singvogel-Schwärme sollten stattdessen zur tödlichen Bedrohung mutieren und Angstgefühle vor harmlosem Federvieh beim Zuschauer auslösen. Und setzte da auf Scala:
"Er hat mir ein Probe-Akt zukommen lassen. Und dieser Probe-Akt, das war der Akt, wo die Vögel das Haus überfallen. Und eine Szene hat er sich dann aufgespart und sagte ‚Auf die habe ich gewartet‘, und auf einmal kommt der erste Vogel durch das Fenster durch, der Schnabel und dann der Kopf und dieser furchtbare Schrei von dem. Der hat mich wieder so erschreckt, da sag‘ ich, das ist es, das wird gemacht.“
Noch in den Neunzigerjahren gab Oskar Sala Konzerte. Er blieb bis zu seinem Tod 2002 der einzige Interpret seines von ihm kontinuierlich weiterentwickelten Instruments. Kein Schüler wurde je eingewiesen. Seine diversen Apparaturen sind heute in Museen zu bewundern.