Samstag, 03. Dezember 2022

Vor 100 Jahren uraufgeführt
Das "Triadische Ballett" - Oskar Schlemmers Verneigung vor der Drei

Als Kegel, Kugeln und Quader treten 1922 Tänzer auf die Bühne des Württembergischen Landestheaters in Stuttgart: die Uraufführung von Oskar Schlemmers „Triadischem Ballett“, mit dem der Bauhaus-Künstler eine neue Maschinen-Ästhetik  präsentierte.

Von Jochen Stöckmann | 30.09.2022

Figurinen zu Oskar Schlemmers "Triadischem Ballett" in einer Bauhaus-Ausstellung, 1968
Figurinen zu Oskar Schlemmers "Triadischem Ballett" in einer Bauhaus-Ausstellung, 1968 (IMAGO / piemags)
„Goldkugeln“ flankieren eine „Drahtfigur“, „Kugelhände“ federn mechanisch um die „Spirale“ herum. Sprechende, charakteristische Namen hat Oskar Schlemmer den Tanzfiguren in seinem „Triadischen Ballett“ gegeben. Auch der Bauhauskünstler zwängt sich für die Uraufführung in Stuttgart am 30. September 1922 in eines der schweren, wattierten Kostüme. Als „der Abstrakte“, mit asymmetrisch drapierten Gliedmaßen, ist Schlemmer zum seltsam gewichtigen Ausschreiten von Geraden, Diagonalen und Kurven gezwungen. Sein mechanisches Kostüm, die „Figurine“, bestimmt den Tanz:
„Es sind farbige und metallische Plastiken, von Tänzern derart getragen, dass der scheinbar vergewaltigte Körper, je mehr er mit dem Kostüm verwächst, zu neuen tänzerischen Ausdrucksformen gelangt.“

Ein triadisch berechnetes Gesamtkunstwerk

Als „Raumplastik“ tritt Schlemmer neben dem Tänzerpaar Burger im Württembergischen Landestheater in Stuttgart auf. Abgezirkelte Präzision soll sein Ballett vom damals beherrschenden Ausdruckstanz unterscheiden. Schlemmer setzt überdies auf Zahlenzauber, die Magie der Triade: Dreieinigkeit von Tanz, Kostüm und Klang, von Raum, Farbe und Form. Zwölf Auftritte in drei Bühnenbildern, zitronengelb, rosa und schwarz. Durch drei Abteilungen – „“jovial-burlesk", "feierlich“ und „mystisch-fantastisch" – bewegt das Tänzer-Trio 18 Figurinen. Ein Gesamtkunstwerk, triadisch berechnet:
„Die Drei ist eine eminent wichtige, beherrschende Zahl, bei der das monomane Ich und der dualistische Gegensatz überwunden sind und das Kollektive beginnt.“

Befindlichkeiten im Ensemble

Schlemmers Dreier-Truppe aber entzweit sich. Das Ehepaar Burger fühlt sich vom Bauhaus vereinnahmt. Erst auf inständiges Bitten treten die beiden Profi-Tänzer noch einmal 1923 in Weimar auf. Dort kann Schlemmer während der Bauhaus-Woche sein Triadisches Ballett vor internationalem Publikum präsentieren. Arthur Holitscher berichtet:
„Das Theater jubelte, lachte und war heiter. Hier wird getanzt, ohne jegliche textliche Unterlage. Lediglich aus dem Geist des jeweiligen Kostüms heraus.“

Neue Liebe der Kunst zu Maschinen und Technik

Für andere Rezensenten sind die Tänzer nur „Automaten“. Aber nicht für Roboter ist das Ballett choreographiert, sondern für Kunst-Figuren. Sie verkörpern mit ihrer Maschinen-Ästhetik eine fragile Version der Einheit von Kunst und Technik. Schlemmer notiert in seinem Tagebuch:
„Wenn die Künstler von heute Maschine und Technik lieben, wenn sie das Präzise statt des Vagen, Verschwommenen wollen, so ist es die instinktive Rettung vor dem Chaos und die Sehnsucht nach Gestaltung.“

Als Maler eröffnet Schlemmer neue Räume mit Farben und Figuren, als Leiter der Bauhausbühne sucht er nach neuen Theaterformen. Was seinem „Triadischen Ballett“ noch fehlt, ist eine zeitgemäße Komposition.

Die Musik kommt aus der "mechanischen Orgel"

926 verspricht Paul Hindemith zur Aufführung in Donaueschingen eine „Musik für kleine mechanische Orgel“. Beim Blick auf die Partitur ist Schlemmer begeistert: Gut, sehr neuartige Harmonik, tät am liebsten gleich lostanzen.“

Seinem intuitiven, spontanen Tanzbedürfnis lässt Schlemmer als Musik-Clown mit Cello freien Lauf. Albert Mentzel, Tänzer der Bauhausbühne, erinnert sich:
„Sein Witz, sein kritischer Sinn, seine Schlagfertigkeit, seine Mobilität lassen mich an einen Till Eulenspiegel des 20. Jahrhunderts denken, einen Komödianten und Wanderkünstler, von einer Ausstellung zu einem Tänzerkongress eilend, mal seine Staffelei aufbauend, mal seine Bühnengerüste.“
Damit hat es 1933 ein Ende. Schlemmers Kunst gilt als „entartet“, unter der Nazidiktatur flüchtet er sich in eine „innere Emigration“ und stirbt 1943.

Neun seiner 18 Figurinen überleben, darunter der Tänzer türkisch", der Taucher und die Tänzerin in Weiß. Sie sind 1938 nach New York verschifft worden, doch der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs hat die Aufführung des „Triadischen Balletts“ im Museum of Modern Art verhindert.