Donnerstag, 06. Oktober 2022

Von der Physik in die Politik
Vor 125 Jahren wurde die französische Kernforscherin Irène Joliot-Curie geboren

Sie hatte nicht nur eine berühmte Mutter, sondern erhielt auch selbst den Nobelpreis: Irène Joliot-Curie, Tochter der legendären Marie Curie, entdeckte gemeinsam mit ihrem Mann die künstliche Radioaktivität und wurde als eine der ersten Frauen ins französische Kabinett berufen.

Von Frank Grotelüschen | 12.09.2022

Die Physikerin Irene Joliot-Curie in akademischen Insignien: Sie trägt einen festlichen Talar, hält einen großen Blumenstrauß in der linken Hand und eine Schriftrolle in der rechten.
Die Physikerin Irène Joliot-Curie mit akademischen Insignien an der University of Pennsylvania, wo sie am 23. Mai 1921 in Vertretung für ihre Mutter Marie Curie eine Auszeichnung entgegennahm (picture alliance / Everett Collection)
 „Sie schien Angst zu haben, mehr als Tochter ihrer Mutter statt als selbstständige Wissenschaftlerin betrachtet zu werden."
Als Ende der 1920er-Jahre die deutsche Physikerin Lise Meitner auf eine jüngere Kollegin aus Frankreich traf, schien sie bei ihr eine Art Mutterkomplex festzustellen. Das verwundert kaum: Irène Joliot-Curie war die Tochter einer Legende: Marie Curie, Mitentdeckerin der Radioaktivität und die einzige Frau, der gleich zwei Nobelpreise zuerkannt wurden. Doch bald konnte Irène aus dem elterlichen Schatten treten: Gemeinsam mit ihrem Ehemann Frédéric Joliot-Curie erhielt sie 1935 den Chemienobelpreis für die Entdeckung der künstlichen Radioaktivität. Und sie engagierte sich als Politikerin und Friedensaktivistin.

Ich glaube, internationale Treffen sind extrem wichtig für das gegenseitige Verständnis zwischen den Völkern. Es ist eine wichtige Sache sie zu fördern, und zwar unabhängig von Nationalität oder politischer Meinung.

Geboren wurde Irène Curie am 12. September 1897 in Paris als Tochter eines vielbeschäftigten Forscherpaares. Die Erziehung übernahm vor allem ihr Großvater, ein pensionierter Arzt. Er brachte der jungen Irène die Liebe zur Natur, zur Poesie und auch zur Politik nahe. 1903 erhielten die Eltern Marie und Pierre den Nobelpreis für Physik, doch nur drei Jahre später starb Irènes Vater an den Folgen eines Unfalls.
Die polnisch-französische Wissenschaftlerin Marie Curie in ihrem Labor (undatiert). Sie wurde am 7.11.1867 in Warschau geboren und studierte an der Sorbonne in Paris.
Die polnisch-französische Wissenschaftlerin Marie Curie in ihrem Labor (undatiert). Sie wurde am 7.11.1867 in Warschau geboren und studierte an der Sorbonne in Paris. (picture alliance / dpa )
Als Marie Curie im Ersten Weltkrieg einen mobilen Röntgendienst für die Frontsoldaten auf die Beine stellte, half ihr die junge Irène und wurde später ihre Assistentin am Radium-Institut in Paris. Dort lernte sie den Laboranten Frédéric Joliot kennen. Beiden heirateten 1926 und agierten fortan als forschendes Ehepaar.

Entdeckung der künstlichen Radioaktivität

Im Januar 1934 gelang ihnen eine spektakuläre Entdeckung:
„Unsere jüngsten Experimente haben eine sehr überraschende Tatsache gezeigt: Wenn eine Aluminiumfolie bestrahlt wird, hört die Emission nicht sofort auf: Die Folie bleibt radioaktiv.“
Die beiden hatten die künstliche Radioaktivität entdeckt. Sie hatten gewöhnliches Aluminium mit Heliumkernen bestrahlt und dabei eine radioaktive Substanz erzeugt, eine bestimmte Art von Phosphor. Ein folgenreiches Experiment, letztlich führte es vier Jahre später zur Entdeckung der Kernspaltung.

Erste Schritte als Politikerin

Nachdem beide 1935 den Nobelpreis erhalten hatten, wandte sich Irène Joliot-Curie verstärkt der Politik zu – eher ungewöhnlich in Frankreich, wo Frauen zu der Zeit nicht einmal wählen durften. Im Juni 1936 trat sie als Staatssekretärin für Wissenschaft in die Regierung ein – als erste Frau überhaupt.
„Mit begreiflicher Genugtuung werden es die Frauen aller Länder vernehmen, dass nunmehr auch in Frankreich eine ihrer Geschlechtsgenossinnen einen Platz an der Regierungssonne erhält“, vermerkte die "Neue Freie Presse" aus Wien. Doch nur drei Monate später reichte Joliot-Curie ihren Rücktritt ein. Ihre Begründung:
„In Kürze wird an der wissenschaftlichen Fakultät in Paris eine Stelle als Dozentin für Radioaktivität frei. Es ist für mich eine moralische Verpflichtung, mich für diese Stelle zu bewerben, da sie in engem Zusammenhang mit meiner wissenschaftlichen Tätigkeit steht. Es scheint mir jedoch nicht, dass diese Bewerbung mit meinen ministeriellen Aufgaben vereinbar ist.“
Doch die zeitgenössischen Medien sahen einen anderen Grund für den Rücktritt. So schrieb die "Frankfurter Zeitung":
„Es ist kein Geheimnis, dass sie nicht die Möglichkeiten gefunden hat, die sie erwarten durfte und die ihr versprochen worden waren. Während der drei Monate ihrer Amtstätigkeit hat sie so gut wie überhaupt keine Gelegenheit gehabt, etwas auszurichten oder auch nur das Interesse der übrigen Regierungsmitglieder für ihren Arbeitsbetrieb zu erwecken.“

Angst vor einem militärischen Missbrauch ihrer Forschung

Doch die Forscherin blieb politisch aktiv. Als Mitglied des von kommunistischen Intellektuellen dominierten Weltfriedensrats sprach sie sich gegen Faschismus und für die Gleichberechtigung von Frauen aus. Aus Angst vor einem militärischen Missbrauch ihrer Forschungsarbeiten hatte das Ehepaar 1939 seine Unterlagen in einem Tresor eingeschlossen. Die Kernkraft, so Irène Joliot-Curie, solle allein friedlichen Zwecken dienen.
„Es ist nicht der militärische oder industrielle Wert der Atomenergie, der am meisten verspricht. Der unmittelbare Nutzen der Kernenergie liegt in ihrer Anwendung in der Medizin und in der Verwendung von Atommeilern für die Herstellung lebensrettender Isotope.“
Solche radioaktiven Isotope dienen bis heute zur Diagnose und Behandlung von Krebs. 1956 starb Irène Joliot-Curie an Leukämie, vermutlich als Folge ihrer Arbeit mit radioaktiven Präparaten.