Freitag, 02. Dezember 2022

Autor vor 100 Jahren geboren
Tadeusz Borowski schockierte Polen mit Erzählungen über die KZ-Zeit

Die Erzählungen des Schriftstellers Tadeusz Borowski über die Zeit in Konzentrationslagern schockierte die polnische Öffentlichkeit. Er galt als große Hoffnung der polnischen Literatur. Mit nur 28 Jahren nahm er sich das Leben.

Von Doris Liebermann | 12.11.2022

Schriftsteller Tadeusz Borowski (links) und der Beamte des Ministeriums für Kultur und Kunst Hieronim Michalski (rechts) beim  Polnischen Schriftstellerkongresses ZLP in Szczecin am 24. Januar 1949
Der Schriftsteller Tadeusz Borowski (links) wurde am 12. November 1922 in der ukrainischen Stadt Schitomir geboren (picture-alliance / PAP / PAP)
„In Tadeusz Borowski nistete der Tod, den er in Auschwitz und Dachau tagaus, tagein als Drohung und manchmal fast als Lockung erlebt hatte. Davon hat er berichtet, wie keiner vor ihm, wie keiner nach ihm: mit einem versteinten Gesicht, mit einer Stimme, die nicht beben durfte", sagte er Schriftsteller Manès Sperber über den polnischen Autor Tadeusz Borowski. Er war ein Angehöriger jener Generation, die mit dem Zweiten Weltkrieg zu schreiben begann und mit Lyrik und Prosa auf Zerstörung und Vernichtung reagierte.
Geboren wurde Tadeusz Borowski am 12. November 1922 in der ukrainischen Stadt Schitomir. Seine Eltern gehörten der polnischen Minderheit an. Sie mussten viele Jahre in sowjetischen Gulags zubringen. 1932 konnte die Familie nach Polen ausreisen und ließ sich in Warschau nieder. Nach Kriegsbeginn studierte Borowski Literatur an der Untergrunduniversität, arbeitete als Nachtwächter und schrieb erste Gedichte und Prosastücke.
„Nacht. Und das Licht der Sterne flirrt,
längst taub von Schlachtgeschrei und Schüssen.
Welch künft’ge Zeit der Sieger wird
Von uns, den Sklaven, einst noch wissen. […]“

Konzentrationslager Auschwitz, Dautmergen und Dachau

Im Februar 1943 wurde Borowski von der Gestapo verhaftet und in das Konzentrationslager Auschwitz gebracht. Es folgten die Lager Dautmergen und Dachau, wo er im Mai 1945, abgemagert auf 35 Kilo, von amerikanischen Truppen befreit wurde.
„Ich wollte aufschreiben, was ich erlebt habe, aber wer auf der Welt wird einem Schreiber glauben, der eine unbekannte Sprache spricht? Das ist, als wollte ich Bäume und Steine überzeugen.“
Das erste Jahr der Freiheit verbrachte er in einem Lager für „Displaced Persons“ in München-Freimann, von Hass gegen Deutschland und alles Deutsche erfüllt: „Noch heute, wenn ich hier in München sitze, rege ich mich furchtbar darüber auf, dass die Stadt kaum Zerstörungen aufweist.“

Rückkehr nach Warschau

1946 kehrte er nach Warschau zurück. Dort traf er seine große Liebe wieder, Maria Rundo. Sie hatte die Konzentrationslager Birkenau und Ravensbrück überlebt. Sie heirateten. Borowski arbeitete als Journalist und begann, in den literarischen Kreisen zu verkehren.
Der Schriftsteller Jerzy Andrzejewski erinnerte sich so an ihn: „Schmächtig, kaum mittelgroß, mit dunklem, ewig zerzaustem Haar, mit lebhaften, klugen Augen, war er intelligent, aggressiv, beinahe impertinent in der Diskussion, kapriziös im Umgang mit seinen Kollegen, abwechselnd misstrauisch und herzlich, eher geneigt, seine Gefühle zu verbergen, eine schwer zu beschreibende Fremdheit ausstrahlend und dabei doch oft ausgelassen und lustiger Kumpan.“

Erzählungen über die Lagerzeit

Borowskis erschütternde Erzählungen über die Lagerzeit, die bald nach dem Krieg entstanden, trugen Titel wie „Bitte, die Herrschaften zum Gas“, „Menschen, die gingen“, „Die steinerne Welt“. Sie schockierten die polnische Öffentlichkeit. Borowski schrieb nicht aus der Perspektive des Widerstandes, in seiner Prosa gab es keine klare Grenze zwischen Tätern und Opfern. Auch Häftlinge konnten in dem verbrecherischen Nazi-Regime zu Mit-Tätern an ihren Leidensgenossen werden, sei es durch tödlichen Zwang oder wegen einer Vergünstigung. „Bei uns in Auschwitz“ heißt Borowskis am meisten autobiografisch geprägte Erzählung.
„Glaubst Du, wir würden im Lager auch nur einen Tag überleben, wenn nicht die Hoffnung wäre, dass diese andere Welt kommen wird, dass die Menschenrechte wiederhergestellt werden?“
1948 wurde Borowski Mitglied der Kommunistischen Partei, im Jahr darauf wurde er für einige Monate als Kulturattaché nach Ost-Berlin entsandt. Bald geriet auch er in Konflikt mit dem stalinistischen System, dessen Opfer schon seine Eltern geworden waren. Seine Hoffnung auf eine neue, bessere, freie Welt erfüllte sich nicht.
Nur wenige Tage, nachdem seine kleine Tochter Małgorzata geboren worden war, nahm sich Tadeusz Borowski das Leben. Er starb am 3. Juli 1951 im Alter von 28 Jahren - er, der eine große Hoffnung der polnischen Literatur nach dem Zweiten Weltkrieg gewesen war.