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StartseiteEuropa heuteDas Geld reicht kaum zum Leben07.04.2020

Postzusteller in SerbienDas Geld reicht kaum zum Leben

Postzusteller in Serbien verdienen rund 330 Euro im Monat. Kredite abbezahlen und Schulden gehören zu ihrem Alltag. Die letzte Lohnerhöhung liegt schon 18 Jahre zurück. Auch deshalb gingen die Postler im vergangenen Jahr auf die Straße. Es war der größte Streik in der Geschichte der serbischen Post.

Von Dirk Auer

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Postbote Branko Perišić bei der Arbeit (Deutschlandradio / Dirk Auer)
Wenig Geld und keine Uniform: Branko Perišić arbeitet seit fünf Jahren bei der Post. Er trägt die Jacke eines Kollegen auf. (Deutschlandradio / Dirk Auer)
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Stefan Mitrović und Branko Perišić kommen aus einem Nebeneingang der Hauptpost in Neu-Belgrad, über ihren Schultern hängen schwer bepackte Taschen. Wenig später steigen sie in einen öffentlichen Bus. Es gibt keine Fahrzeuge für uns, sagt Stefan Mitrović. Und das sei lange nicht das einzige Problem. "Solange ich bei der Post bin, und das sind sechs Jahre, habe ich noch keine komplette Uniform bekommen."

Branko Perišić nickt und zeigt auf seine dunkelblaue Arbeitsjacke. "Ich arbeite seit fünf Jahren bei der Post und habe keine eigene Jacke. Diese hier trage ich von einem Kollegen auf, der hier nicht mehr arbeitet. Und meine Schuhe sind ungefähr vier Jahre alt."

Dieser Beitrag gehört zur fünfteiligen Reportagereihe Serbien - Arbeiten im Billiglohnland.

Die Post, so sind sich beide einig, ist im Niedergang. Dabei sei sie eigentlich ein hoch profitables Unternehmen. 2018 hatte die serbische Post den Titel "Unternehmen des Jahres" verliehen bekommen. "Aber für uns Arbeiter wird die Situation jedes Jahr schwieriger. Was die Leute am meisten stört, sind die außerordentlich niedrigen Gehälter. Seit 2002 sind sie nicht erhöht worden. Seit 18 Jahren! Inzwischen liegen sie ziemlich nah am offiziellen Mindestlohn. Und das führt zu einer großen Unzufriedenheit."

Branko Perišić steigt aus. Hier, in einem Viertel von Neu-Belgrad, ist sein Zustellbezirk. Hohe Wohnblöcke stehen dicht an dicht: Neubauten und solche aus jugoslawischer Zeit. Seine tägliche Tour beginnt bei einer kleinen Ladenzeile. Eigentlich, erzählt er, mag er seine Arbeit sehr gerne. Es ist vor allem der Kontakt zu den Leuten, der ihm gefällt. Wenn man von der Arbeit nur normal leben könnte. 330 Euro verdient Branko Perišić im Monat.

"Schon seit Jahren versuchen wir, mit der Leitung ins Gespräch zu kommen. Dann gab es einen Warnstreik, ohne Erfolg. Und beim nächsten Mal haben sie gesagt, dass sie unsere Forderungen erfüllen, aber wieder nichts."

Größter Streik in der Geschichte der serbischen Post

Ende vergangenen Jahres war dann die Geduld am Ende. Über die Hälfte der 15.000 Postler legte in einem wilden Streik die Arbeit nieder. Die Verteilungszentren in Belgrad, Novi Sad and Niš wurden blockiert. Es war der größte Streik in der Geschichte der serbischen Post.

"Der Streik war praktisch außerhalb des Gesetzes. Die großen Gewerkschaften haben uns erst total ignoriert, als ob nichts passiert wäre. Und dann haben sie uns sogar aufgefordert, den Streik abzubrechen. Die Gewerkschaften machen einfach nichts, sie sind eine Pseudo-Opposition."

Die Post in Neu-Belgrad (Deutschlandradio / Dirk Auer)Die Post in Neu-Belgrad (Deutschlandradio / Dirk Auer)

Wohnblock für Wohnblock arbeitet sich Branko Perišić voran. Er ist kein Gewerkschaftsmitglied, hat nie daran gedacht, eins zu werden, warum auch? "Ich kann nicht sehen, dass sie mit den Arbeitern reden, um herauszufinden, was ihre Probleme sind. Sie bekommen woanders noch irgendwelche Posten und Geld und ansonsten interessieren sie sich für überhaupt nichts. Nicht alle, aber die meisten sind so."

Und deshalb hätten sie ihr Schicksal eben selbst in die Hand nehmen müssen. Das Ergebnis war am Ende allerdings enttäuschend: Um durchschnittlich zehn Prozent sollen die Gehälter angehoben werden. "Ich bekomme jetzt 44.000 Dinar, das sind knapp über 370 Euro, was lächerlich ist."

"Es gab Leute, die in unserem Namen verhandelten, und sie haben das Angebot ohne unser Einverständnis akzeptiert. Ob sie unter Druck gesetzt wurden - oder ihnen persönlich etwas angeboten wurde? Das ist durchaus möglich. Es ist sogar sehr wahrscheinlich."

Kredite und Schulen gehören zum Alltag

Die Briefe sind ausgeliefert, Branko Perišić steigt in den nächsten Bus, der zurück zur Hauptpost fährt. Zwei Stationen später steigt auch sein Kollege Stefan Mitrović wieder zu. "Das Ergebnis ist tatsächlich weit von dem entfernt, was wir gefordert hatten. Wir wollten mindestens 50.000 Dinar, das sind 425 Euro. Aber so liegen wir noch nicht einmal in der Nähe des serbischen Durchschnittslohns."

Und das sei eben viel zu wenig, um den realen Einkommensverlust auszugleichen, den die Postler seit Jahren hinnehmen müssen. "Die Gehälter stagnieren, und das ganze Leben verteuert sich. Besonders in Belgrad. Alle haben Kredite abzubezahlen, alle haben Schulden. Alle leben von heute auf morgen. Und dann hören wir diese Demagogen von der Regierung, die sagen, alles sei super."

Gar nichts ist super, bestätigt Branko Perišić. Seine kleine Tochter hat heute Geburtstag, das Fest wird bescheiden ausfallen. "Das Gehalt kommt in zwei Hälften. Die erste reicht für sieben Tage, danach muss ich mir Geld leihen. Ich bin jetzt 40 Jahre alt und ich schäme mich dafür, dass ich wie ein Teenager auf die Unterstützung meiner Eltern angewiesen bin. Sogar Lebensmittel kaufen wir manchmal auf Raten. Immer müssen wir genau kalkulieren."

Der Arbeitstag endet, wo er angefangen hat: an der Post. Hier werden sie sich noch umziehen und dann nach Hause fahren. Stefan Mitrović ist Postmann in der vierten Familien-Generation. Schon sein Urgroßvater war bei der Post, und vielleicht deshalb schmerzt es ihn persönlich, wie sich das Unternehmen entwickelt.

"Es tut mir wirklich weh, dass die guten Leute weggehen. Sie kündigen, machen etwas anderes oder verlassen gleich ganz das Land. Und um sie zu ersetzen, werden Leute ohne Ausbildung eingestellt, die noch nicht einmal wissen, was eine Post ist. Sie bekommen befristete Verträge und oft weniger als den Mindestlohn. Entsprechend motiviert sind sie dann."

Aber so ist es eben bei uns in Serbien, sagt er - und läuft mit seinem Kollegen Richtung Post. "Bei einem Fußballteam wird normalerweise der Trainer gewechselt, wenn die Ergebnisse nicht stimmen. Bei uns ist es umgekehrt. Bei uns bleibt der Trainer und die Leute gehen weg."

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