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StartseiteCampus & KarriereGewerkschaft: Schulen sind nicht ausreichend vorbereitet03.08.2021

Präsenzunterricht in der PandemieGewerkschaft: Schulen sind nicht ausreichend vorbereitet

Nach den Ferien soll der Unterricht wieder im Regelbetrieb starten. Den Schulen fehlten dazu aber nicht nur Luftfilter, sagte die Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Maike Finnern, im Dlf. Auch dürften die Teststrategien jetzt nicht zurückgefahren werden.

Maike Finnern im Gespräch mit Kate Maleike

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Stühle und Tische stehen in einem Klassenraum. (picture alliance/dpa/Hauke-Christian Dittrich)
Können Schülerinnen und Schüler nach den Ferien in die Klassenräume zurück? (picture alliance/dpa/Hauke-Christian Dittrich)
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An Deutschlands Schulen soll es nach den Ferien wieder mit Präsensunterricht weitergehen - trotz neuerlich steigender Corona-Fallzahlen. Die Schulen seien darauf jedoch nicht ausreichend vorbereitet, warnte die Bundesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Maike Finnern, im Deutschlandfunk. Es sei viel Zeit ungenutzt geblieben und es fehle an mehreren Dingen, um einen sicheren Schulbetrieb zu gewährleisten. Teststrategien würden aktuell zurückgefahren, Luftfilter werde man nicht in genügend großer Zahl bis zum Herbst haben und auch in der Digitalisierung der Schulen sei man nicht weit genug gekommen. Zudem habe sich der Lehrkräftemangel in der Pandemie noch verschärft.

Neben besserer Ausstattung bräuchten Schulen nun auch Richtlinien, die festlegten, wann welche Maßnahmen zu ergreifen seien. Im vergangenen Schuljahr habe es eine "Von-jetzt-auf-gleich-Politik" gegeben, in der die Schulen gezwungen gewesen seien, spontan und schnell auf neue Anweisungen zu reagieren. "Das ist auch etwas, was dieses letzte Schuljahr für alle Beteiligten so extrem anstrengend gemacht hat", sagte Finnern.

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Das vollständige Interview im Wortlaut:

Kate Maleike: Sind die Schulen diesmal besser vorbereitet als im letzten Sommer, was sagen Sie?

Maike Finnern: Es hat sich schon ein bisschen getan, aber wenn man ehrlich ist, wir haben jetzt 16, 17 Monate Pandemie, und da ist wirklich viel Zeit liegen lassen geworden, und sie sind nicht so vorbereitet, wie sie hätten vorbereitet sein müssen und können.

Maleike: Wo würden Sie denn sagen, fehlt’s am meisten?

Finnern: Es fehlt an mehreren Dingen: Wir erleben auf der einen Seite ein Rückfahren der Hygieneregeln und der Maßnahmen, die wir im letzten Schuljahr mühsam aufgebaut haben – da nehme ich als Beispiel mal die Teststrategie. Ich halte es für extrem wichtig, dass wir eine gute Teststrategie haben in den Schulen, die Schülerinnen und Schüler regelmäßig getestet werden, am besten mit PCR-Tests, weil die eben am aussagekräftigsten sind. Und jetzt ist das erste Bundesland dabei zu sagen, wir brauchen die PCR-Tests nicht mehr an den Schulen und Tests überhaupt nicht mehr in den Schulen. Thüringen hat angekündigt, die Tests jetzt zurückzufahren in den Schulen und die nicht mehr regelmäßig durchzuführen.

Dabei geht es drum, dass wir gerade im kommenden Schuljahr nicht wieder den Fehler machen dürfen, der im letzten Jahr passiert ist, dass man gedacht hat oder viele gedacht haben, wir haben die Pandemie quasi im Griff, und sie ist dann ja mächtig wiedergekommen und hat ja auch wirklich in den Schulen für enorme Nachteile auch gesorgt und dafür gesorgt, dass Unterricht eben nicht in Präsenz stattfinden konnte. Und das andere, es ist auch sonst grundsätzlich zu wenig passiert – Luftfilter war ja ein Stichwort. Man hätte das im letzten Jahr schon entscheiden müssen, dass wir Geld in die Hand nehmen für Luftfilter. Das ist jetzt in diesem Jahr entschieden worden, aber so spät, dass überhaupt gar nicht klar ist, ob in der Jahreszeit, in der das nun wichtig werden wird, weil es eben draußen kalt sein wird, überhaupt genügend Filter bei den Schulen angekommen sein werden.

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Und der dritte Punkt ist: Auch beim Bereich der Digitalisierung ist noch viel liegen gelassen worden. Sicherlich gibt es inzwischen Schulen, die sind super darauf vorbereitet, super ausgestattet, die können eine gewisse Phase, eine gewisse Zeit an Distanzunterricht auch gut gestalten. Aber es gibt eben immer noch viel zu viele Schulen, die keine ordentliche Breitbandverbindung haben, wo es noch nicht genügend Geräte gibt, und über das Thema Fortbildung und wie machen wir denn Lernen mit digitalen Medien, ist sowieso viel zu wenig gesprochen worden.

"Lehrkräftemangel ist in der Pandemie noch verstärkt worden"

Maleike: Darüber können wir ja jetzt direkt dann auch sprechen, denn die Frage ist ja, wie startklar, wie gewappnet sind die Lehrkräfte für das, was da kommt?

Finnern: Das wird man nicht so mit einem Kamm sagen können, aber im Großen und Ganzen kann man schon feststellen, dass es immer noch an Unterstützung mangelt, und zwar an Unterstützung von den Bildungspolitiker*innen, also von den Ministerien – vor allen Dingen mangelndes Personal. Wir haben einen großen Lehrkräftemangel ja schon vor der Pandemie gehabt, der ist in der Pandemie noch verstärkt worden, und ich vermisse einfach eine Initiative der Länder, zu sagen, okay, wir haben besonders schwierige Situationen in den Schulen und wir müssen wirklich jetzt alles dafür tun, mehr Personal in die Schulen zu bringen – auch nicht pädagogisches Personal, zum Beispiel Schulpsycholog*innen. Da gibt es ja eine ganze Menge an anderen Qualifizierungen, die in Schulen gebraucht werden, und auf dem Sektor ist viel zu wenig passiert.

33D-Modell des Coronavirus SARS-CoV2 (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte) (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

Maleike: Wir haben über Wappnen gesprochen, ich meinte das auch vor dem Hintergrund der Impfdiskussion, die gerade läuft. Herr Meidinger vom Deutschen Lehrerverband sagte, 90 Prozent der Lehrkräfte seien geimpft. Sind das Zahlen, die Sie bestätigen können?

Finnern: Ja, das sind auch unsere Zahlen. Ich weiß zum Beispiel im Land Niedersachsen, da habe gerade die Zahl gehört, da sind 95 Prozent der Lehrkräfte jetzt erstgeimpft, das heißt, die Impfbereitschaft ist enorm groß und macht für mich sehr deutlich, dass auch die Kolleginnen und Kollegen wirklich Präsenz wollen. Die wollen in den Schulen unterrichten und mit den Kindern und Jugendlichen arbeiten.

Finnern: Brauchen dringend Rahmenrichtlinien

Maleike: Frau Finnern, wir haben noch gut im Ohr aus den letzten Lockdown-Situationen, dass viele Entscheidungen über Nacht gekommen sind, Schulleiter aus dem Ministerium quasi Freitagabend eine E-Mail bekommen haben mit Sachen, die sie dann am Montag schon umsetzen müssen. Ist eigentlich so was wie ein Plan B, ein Konzept erstellt worden in der Zwischenzeit? Wissen die Schulen, wenn Inzidenzen steigen, wann sie was zu tun haben und am besten umsteigen, oder ist die Situation eigentlich noch genauso wie vor einem Jahr?

Finnern: Ja, da sprechen Sie ein ganz großes Problem jeder einzelnen Schule vor Ort an, nämlich dass das eben nicht so geregelt ist. Das haben wir uns im letzten Jahr ja schon gewünscht, und das ist auch etwas, was dieses letzte Schuljahr für alle Beteiligten so extrem anstrengend gemacht hat und extrem herausfordernd gemacht hat, diese Von-jetzt-auf-gleich-Politik, so nenne ich es mal, die Sie ja auch angesprochen haben. Leider ist es nicht gelungen, in diesem Sommer ein etwas anderes Konzept zu erarbeiten, was zumindest vergleichbare Richtlinien für alle Länder selbst – da gibt es die Bundesnotbremse, ja, aber einzelne Länder, die haben ja auch schon wieder eigene Maßnahmen gemacht sozusagen.

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In Nordrhein-Westfalen zum Beispiel hat die Inzidenzstufe 3 mit Maßnahmen zunächst mal ausgesetzt, die gibt’s gar nicht mehr erst mal, und solche Änderungen finden ja überall im Kleinen auch schon wieder statt. Das heißt also, ich befürchte sehr, dass die Zeit jetzt im Sommer nicht genutzt worden ist, um Rahmenrichtlinien zu erstellen oder Leitlinien zu erstellen, an denen Schulen sich orientieren können. Und das ist wirklich etwas, was aber jetzt dringend passieren muss, damit eben nicht mehr diese enormen Belastungen durch diese Kurzfristigkeit der Ankündigungen dann wieder auf die Schulen zurollt.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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