Montag, 26. September 2022

Vor 100 Jahren
Das klägliche Ende der "Quest-Expedition"

Ernest Shackleton war einer der gefeierten Helden der Polarforschung. Der Plan für seine letzte Expedition war halb wissenschaftliches Großprojekt und halb romantisches Abenteuer – doch von Anfang an ging alles schief.

Von Ulrike Rückert | 16.09.2022

Das Expeditionsschiff Quest liegt im Hafen in Southampton
Das Expeditionsschiff Quest von Ernest Shackleton (imago images / United Archives International / imago stock&people via www.imago-images.de)
„Auf ins große Unbekannte! Die Quest verlässt London!! – Tausende drängten sich heute entlang Saint Katharine’s Dock, London Bridge und Tower Bridge, um Sir Ernest Shackletons Schiff zuzujubeln. Sobald die Quest sich in Bewegung setzte, erhob sich ein donnerndes Hurra aus der Menge, die auf Kisten, Ballen und Fässern stand und den kühnen Abenteurern zuwinkte, die in ferne Gegenden am Ende der Welt aufbrachen.“
Im September 1921 brach der berühmte Polarforscher Sir Ernest Shackleton auf zu einer neuen Expedition, auf der er einige tausend Kilometer der antarktischen Küste kartieren und dann, in einem weiten Bogen, den ganzen antarktischen Kontinent umrunden wollte. Der kleine Zweimastschoner war vollgepackt mit modernster Technik. „Apparate! Apparate! Apparate überall! Ich könnte Wochen hier verbringen!", hatte ein Reporter bei der Besichtigung gejauchzt. Die neuesten wissenschaftlichen Instrumente waren an Bord, Lotmaschinen, Wetterballons, Funkgeräte, Filmkameras, sogar ein Wasserflugzeug.

Forschungen in Meteorologie, Geologie, Biologie und Geografie

Auf dem Programm standen Forschungen in Hydrographie, Meteorologie, Geologie, Biologie und Geografie. Die Expedition sollte Flora und Fauna kaum betretener Inseln erkunden, Messungen aller Art in Luft und Wasser vornehmen und nach wertvollen Bodenschätzen fahnden. Aber auch von der Suche nach in alten Schriften erwähnten Eilanden war die Rede, von einem versteinerten Wald und einer Insel, auf der ein Piratenschatz vergraben sein sollte. „An dem Schiff ist nichts Besonderes, aber die Romantik ihrer Mission und der Ruhm ihres Führers, Sir Ernest Shackleton, verleihen der Quest einen eigenen Glanz.“
Sir Ernest Shackleton
Sir Ernest Shackleton überlebte seine letzte Expidition nicht (imago/United Archives International )
Shackleton hatte seinen Ruhm vor dem Ersten Weltkrieg erworben, als Polarforscher Nationalhelden waren. Fast hätte er den Wettlauf zum Südpol gewonnen – dicht davor musste er aufgeben. England feierte ihn trotzdem mit Orden und Ritterschlag. Bei seiner zweiten Expedition verlor er sein Schiff im Eis, kämpfte sich mit vier Männern in einem kleinen Boot über ein sturmgepeitschtes Meer zur Walfängerinsel Südgeorgien durch und holte Hilfe für die Zurückgebliebenen. Heute ist diese Rettung legendär, doch als er mitten im Weltkrieg nach Hause kam, beachtete ihn kaum jemand.
„Manchmal denke ich, ich kann gar nichts gut, außer in der Wildnis sein, nur mit Männern", schrieb er an seine Frau. Als Geschäftsmann war er gescheitert, und er ging auf die Fünfzig zu. Da war ein reicher Freund bereit, ihm eine neue Expedition zu finanzieren. Das Programm war bizarr in seiner beliebigen Vielfalt - eine Staffage, die Shackleton nicht wichtig war. Er wollte einfach wieder auf Fahrt gehen. Doch die Reise nach Süden war von Pech und Pannen geplagt. Maschinenschäden erzwangen ungeplante Hafenaufenthalte. Deshalb lief er Kapstadt nicht mehr an, wo Lebensmittel, Polarkleidung und Flugzeugteile warteten. An Neujahr notierte Shackleton: „Angst hat sich tief in mich gewühlt, denn bis zum Ende des Jahres ist alles schiefgegangen. Maschine unzuverlässig, Kessel gesprungen, Wasser knapp, heftige Stürme.“

Expedition endete ohne Shackleton

Drei Tage später erreichte die Quest Südgeorgien, und in der Nacht erlitt Shackleton einen Herzanfall. „Sir Ernest Shackleton starb plötzlich, so plötzlich, dass er kein Wort bezüglich der Zukunft der Expedition sagte. Aber ich weiß, wenn er in der Lage gewesen wäre, mir seine Wünsche mitzuteilen, hätte er sie in zwei Worte gefaßt: Macht weiter!", schrieb Frank Wild, der nun die Leitung übernahm.
Doch die Quest war zu klein, um sich ins Packeis zu wagen, und leckte ständig. Wild wollte sie in Kapstadt reparieren lassen, aber dort beorderte ihn der Geldgeber nach England zurück. Am 16. September 1922 lief die Quest in Plymouth ein, in großer Not mit Wasser im Rumpf und verstopften Pumpen. Es war ein klägliches Ende für die Expedition, doch für Ernest Shackleton hatte sich ein Wunsch erfüllt. Zu einem Bewunderer soll er einmal gesagt haben: „Und ich mache weiter, bis ich eines Tages nicht zurückkomme.“