Mittwoch, 08. Februar 2023

Trotz der Sanktionen
Russlands Wirtschaft stabiler als gedacht

Die Sanktionen des Westens zeigen ihre Wirkung - allerdings sehr viel weniger stark als ursprünglich angenommen: Die russische Wirtschaftsleistung ist nur leicht zurückgegangen. Woran liegt das? Und: Wird das so bleiben?

Von Sandra Pfister | 27.12.2022

DIESES FOTO WIRD VON DER RUSSISCHEN STAATSAGENTUR TASS ZUR VERFÃGUNG GESTELLT. Die Nikolskaya-Straße in Moskau im Winter 2022
Sanktionier langsam: Die wirtschaftliche Isolation Russlands macht sich aktuell nicht so stark bemerkbar wie angenommen - die Folgen könnten sich aber später einstellen und um so nachhaltiger wirken, sagen Ökonomen. Im Bild: Die Nikolskaya-Straße in Moskau im Winter 2022 (picture alliance / dpa / TASS / Stanislav Krasilnikov)
Vor zehn Monaten hat Russland die Ukraine angegriffen. Und während die Ukraine in einem echten Krieg steht, hat sich der Westen für einen ökonomischen Krieg entschieden. Sanktionen sind seine Waffe.

Wie effektiv sind die Sanktionen bislang?

Die russische Wirtschaft steckt die Sanktionen bislang erstaunlich gut weg. Im Frühjahr haben viele Wirtschaftsforscher noch vorhergesagt, dass die russische Wirtschaft stark einbrechen werde; der Internationale Währungsfonds IWF hat einen Rückgang von acht bis neun Prozent prognostiziert. Diese Voraussagen wurden dann aber nach und nach kassiert.
Und jetzt sagt der IWF: Die russische Wirtschaft ist - trotz aller Sanktionen - nur um 3,5 Prozent geschrumpft.

Wie sind die Prognosen für das kommende Jahr?

Manche Ökonomen waren der Ansicht, dass das dicke Ende für Russland womöglich erst 2023 durchschlagen wird. Aber auch für das kommende Jahr sind die Prognosen nicht so düster, wie man erwarten könnte.
Der Internationale Währungsfonds schätzt, dass die russische Wirtschaft nächstes Jahr lediglich um 2,3 Prozent schrumpfen wird. Die Weltbank und die Deutsche Bank glauben, dass es ein wenig schlimmer kommen wird. Aber allen Prognosen sind sich einig, dass die russische Wirtschaft auch im nächsten Jahr nicht durch die Sanktionen in die Knie gezwungen werden wird.

Was sind die Gründe für Russlands Resilienz?

Öl und Gas sind die beiden Haupt-Exportprodukte von Russland, und davon hat der Westen zwar weniger eingekauft. Aber insgesamt sind die Preise auf dem Weltmarkt so stark angestiegen, dass Russland auch mit geringeren Exportmengen noch gutes Geld verdient hat.
Und man darf nicht vergessen: Beim Öl greifen viele Sanktionen erst jetzt. Die vollen Sanktionen der Europäer sind ja zeitversetzt gerade erst im vollem Umfang in Kraft getreten, das wird erst im nächsten Jahr voll durchschlagen.
Außerdem sind auch noch viele westliche Unternehmen im Land. Nur manche haben aufgrund des moralischen Drucks oder weil die Geschäfte zunehmend schwieriger wurden, das Land verlassen. Aber die meisten sind geblieben. Und manche westliche Unternehmen haben ihr Geschäft an Russen verkauft, diese Geschäfte werden natürlich weiter betrieben.
Und da, wo Firmen aus dem Westen ganz verschwunden sind, da hat sich Russland bemüht, Waren aus anderen Ländern einzuführen, da wurden so genannte Parallelimporte angeleiert, vor allem aus Asien. So gibt es zum Beispiel keine neuen VW mehr in Russland, dafür aber chinesische Autos.
Mit anderen Worten: Es fehlt in Russland immer mal was, auch in den Regalen - aber meistens nicht komplett und nicht für lange.

Kann sich die Entwicklung in Russland mit Verzögerung verschlechtern?

So sehen das zumindest viele Ökonomen. Die Sanktionen wirken offenbar größtenteils, zum Beispiel bei Ersatzteilen für Maschinen, inklusive Flugzeuge und Militärequipment, oder auch bei Landmaschinen. Die Ersatzteile sind schwerer zu beschaffen, wenn sie nicht aus Europa und den USA kommen, und das wird die Wirtschaft wohl langfristig zurückwerfen.
Außerdem ist das Land nach wie vor stark davon abhängig, dass es seine Rohstoffe verkaufen kann. Russland kann zwar teilweise auf andere Märkte ausweichen - also Öl nach Asien liefern, nach Indien und China. Aber die allermeisten Ökonomen erwarten, dass diese Länder weniger abnehmen als die EU das getan hat.

Welche Rolle spielt der Krieg für Russlands Wirtschaft?

Eine sehr große. Es fehlen schon jetzt immer mehr Arbeitskräfte, weil viele Männer in die Armee zum Kämpfen eingezogen wurden. Und es wird sich wohl auch langfristig bemerkbar machen, dass der Kreml extrem viel Geld Putin in den Krieg steckt: Die Ausgaben für Sicherheit und Verteidigung werden rund ein Drittel des Staatshaushalts beanspruchen.
Das ist extrem viel, und dieses Geld fehlt dann natürlich für die öffentliche Infrastruktur, aber auch für Schulen und Bildung. Und das kann die russische Wirtschaft dann längerfristig viel Kraft kosten.