Dienstag, 24. Mai 2022

Unabhängigkeit von Russland
Was kann LNG leisten?

Die Bundesregierung treibt Planungen zu Hafenanlagen, an denen flüssiges Gas entladen werden kann, mit Hochdruck voran. Deutschland soll mit LNG schneller unabhängig von russischen Gas-Importen werden. Umweltschützer warnen hingegen vor neuen fossilen Abhängigkeiten.

03.05.2022

Die LNG Croatia, ein schwimmendes LNG-Terminal
Schwimmende LNG-Terminals könnten in Deutschland noch im Jahr 2022 eingesetzt werden (imago images/Pixsell)
Seit Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die gesamte Ukraine arbeitet die Bundesregierung daran, die deutsche Wirtschaft unabhängig von russischem Gas und Öl zu machen. Ein Baustein dafür könnten LNG-Terminals sein. LNG (liquefied natural gas), also flüssiges Gas, könnte darüber beispielsweise aus den USA oder Katar geliefert werden. Doch es gibt noch einige Hürden zu überwinden.

Was ist LNG genau?

Flüssigerdgas oder LNG ist Gas, das durch Herunterkühlen auf minus 162 Grad Celsius in einen flüssigen Zustand versetzt wird. Dieser Prozess verbraucht viel Energie: Mindestens zehn Prozent des Brennwertes des verflüssigten Gases werden dafür verbraucht. Das Gas ist dann deutlich verdichtet und kann in großen Mengen in Spezialschiffen transportiert werden.
Am Zielort kann es entweder in der flüssigen Form als Rohstoff oder Schiffstreibstoff verwendet werden. Oder es wird wieder in den gasförmigen Zustand versetzt, dann kann es in Pipelines eingespeist werden. Dieser Prozess verbraucht allerdings erneut Energie – und es sind spezielle Terminals nötig, die es in Deutschland bisher nicht gibt.

Wann könnte Deutschland eigene Terminals haben?

Im ersten Schritt setzt die Politik auf schwimmende LNG-Terminals. Denn diese könnten relativ schnell zur Verfügung stehen. Wie aus dem zweiten Fortschrittsbericht Energiesicherheit hervorgeht, den das Bundeswirtschaftsministerium am 1.5.2022 veröffentlicht hat, sind dazu bereits Verträge auf der Zielgeraden. Die Bundesregierung will dafür in den kommenden zehn Jahren bis zu drei Milliarden Euro ausgeben.
Standorte von LNG-Terminals in Europa
Standorte von LNG-Terminals in Europa (Statista)
Zwei Standortentscheidungen zugunsten von Wilhelmshaven und Brunsbüttel sind bereits gefallen. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) sagte am 2.5.2022 in Brüssel, dass an beiden Standorten bereits zum Jahreswechsel Schiffe zur Einspeisung von LNG an das Netz angeschlossen werden sollen. Auch in Hamburg könne bis Jahresende ein schwimmendes LNG-Terminal in Betrieb gehen, sagte Hamburgs Oberbürgermeister Peter Tschentscher (SPD) der Zeitung "Die Welt" im April 2022. Als weitere Standorte zur Stationierung schwimmender LNG-Anlagen sind Stade, Rostock oder Eemshaven in den Niederlanden im Gespräch. Die schwimmenden Anlagen sollen die Zeit überbrücken, bis stationäre Anlagen in Deutschland gebaut werden können.
Um die Anlagen so schnell wie möglich in Betrieb zu nehmen, möchte die Bundesregierung auch regulative Hürden abbauen. Das Bundeswirtschaftsministerium hat im Austausch mit dem Umwelt- und dem Justizministerium bereits eine Formulierungshilfe für einen Gesetzentwurf zur Beschleunigung von LNG-Vorhaben in Norddeutschland erarbeitet und in die Ressortabstimmung gegeben.
Konkret sollen Genehmigungsbehörden vorübergehend bestimmte Anforderungen, etwa bei der Umweltverträglichkeitsprüfung, unter speziellen Bedingungen aussetzen dürfen. Das Gesetz soll für schwimmende und landgebundene LNG-Importterminals gelten. Für beide Varianten ist spezielle Infrastruktur nötig, sie müssen etwa an das Erdgasleitungsnetz angeschlossen werden und zum Teil sind auch Anpassungen von Hafenanlagen notwendig.

Stationäre Terminals nicht vor 2025 fertig

Auch stationäre LNG-Terminals sind bereits in Planung, bis sie betriebsfertig sind, werden allerdings noch Jahre vergehen.
Das Terminal Hanseatic Energy Hub (HEH) in Stade soll bis 2026 in unmittelbarer Nachbarschaft des US-Chemieunternehmens Dow direkt am Elbeufer entstehen. Dow stieg inzwischen als neuer Minderheitsgesellschafter bei HEH ein. In der Endstufe soll die Anlage über eine maximale Regasifizierungskapazität von 13,3 Milliarden Kubikmetern pro Jahr verfügen, was einem Anteil von bis zu 15 Prozent des deutschen Gasverbrauchs entspräche.
Auch in Wilhelmshaven und Brunsbüttel laufen konkrete Planungen für Flüssigerdgas-Terminals. Das Energieministerium in Hannover geht davon aus, dass die stationäre Anlage in Wilhemshaven frühestens 2025 in Betrieb genommen werden kann, in Brunsbüttel rechnet man mit dem Jahr 2026. Und das, obwohl dort seit über zehn Jahren geplant wird. Doch bislang sahen die Investoren zu viele Risiken. Durch das Engagement des Staates scheinen die Bedenken nun ausgeräumt, in Brunsbüttel wird sich der Bund über die Förderbank KfW zu 50 Prozent beteiligen.

Wieviel Unabhängigkeit bringt LNG-Infrastruktur?

Deutschland hat in den vergangenen Jahren zwischen 80 und 90 Milliarden Kubikmeter Erdgas pro Jahr verbraucht, etwa die Hälfte davon kam bis zum Beginn des russischen Angriffskrieges auf die gesamte Ukraine aus Russland. Zum Mai 2022 lag der Anteil russischer Importe noch bei 35 Prozent.
Die schwimmenden Importterminals verfügen jeweils über eine Kapazität von neun bis zehn Milliarden Kubikmeter pro Jahr. Mit drei solcher Terminals könnte Deutschland also die russischen Lieferungen kompensieren. Vorausgesetzt, es wird auch genug LNG über Schiffe angeliefert.
Dazu hat Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) bereits im März eine Energiepartnerschaft mit Katar abgeschlossen. Das kleine Land am persischen Golf ist einer der größten Exporteure von LNG weltweit. Auch aus den USA könnte LNG geliefert werden, dort wird Erdgas allerdings auch mit dem Fracking-Verfahren gefördert, das für die Umwelt verheerende Folgen hat. Auch mit LNG-Terminals wäre Deutschland also weiter auf Lieferungen angewiesen und doch weniger abhängig. Denn für flüssiges Gas gibt es einen großen Weltmarkt und viele exportierende Länder.
Statt auf eigene Terminals zu setzen, könnte Deutschland stärker auf die Terminals seiner Nachbarländer setzen. In der europäischen Union gibt es bereits weit über 30 LNG-Terminals und diese Anlagen waren im März 2022 nur zu 40 Prozent ausgelastet. Über das gut ausgebaute europäische Gasnetz könnte dann das bereits regasifizierte Erdgas nach Deutschland strömen.

Was sagen Klima- und Umweltschützer zu den Plänen?

Umweltverbände üben heftige Kritik an den LNG-Plänen. Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) sprach anfang April von der "Planung von Überkapazitäten" bei LNG-Importterminals und forderte Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) auf, "den angeblichen Bedarf für die Terminals endlich mit konkreten Zahlen zu belegen". Die DUH verweist dabei auch auf die Einschätzung des Forschungsinstituts DIW, dass feste LNG-Terminals in Deutschland "wegen der langen Bauzeiten und dem mittelfristig stark rückläufigen Erdgasbedarf nicht sinnvoll" seien. Stattdessen solle auf die Terminal-Kapazitäten in EU-Nachbarländern zurückgegriffen werden.
"Die Pläne für neue LNG-Terminals schießen an der Küste wie Pilze aus dem Boden", sagte DUH-Bundesgeschäftsführer Sascha Müller-Kraenner. Deutschland dürfe sich durch die Terminals nicht wieder "in eine fossile Falle" begeben, "die neue Abhängigkeiten schafft und die Klimaziele in Gefahr bringt". DUH-Energieexperte Constantin Zerger fügte hinzu: "Wir laufen Gefahr, nur den Dealer zu tauschen: Anstatt konsequent auf Energieeinsparung und Erneuerbare zu setzen, schlittern wir in die nächste fossile Abhängigkeit." Es müsse dringend verhindert werden, dass Fracking-Gas als LNG importiert werde.
Auch die Standorte der geplanten Terminals sind aus Sicht der DUH problematisch: "Alle drei geplanten Vorhaben sollen in unmittelbarer Nähe zu energieintensiven petrochemischen Industrieparks entstehen."
Jörg-Andreas Krüger, Präsident des Naturschutzbunds Deutschland (Nabu), kritisiert, dass die Genehmigungsverfahren für LNG-Terminals verkürzt werden sollen: "Wir bewegen uns in Nordsee und Wattenmeer in extrem sensiblen Ökosystemen und im Weltnaturerbe. Statt in großer Eile über potenzielle Schäden für die Umwelt hinwegzugehen, sollten Umweltrisiken bei der Planung berücksichtigt werden."

Welche Rolle spielt Wasserstoff zukünftig beim Thema LNG?

Ein Argument der Befürworter der LNG-Infrastrukur ist, dass diese zukünftig auch für verflüssigte Bio-Gase, beispielsweise aus landwirtschaftlichen Überresten, oder auch für Wasserstoff genutzt werden könnte. Diese sogenannten "Grünen Gase" haben teilweise die gleiche Zusammensetzung wie fossiles Erdgas und könnten von den neuen Anlagen ebenso leicht verarbeitet werden. Für einen Import von Wasserstoff müsste das Terminal zwar umgerüstet werden, technisch ist das aber möglich.
Ob die LNG-Terminals langfristig zur Nutzung fossiler Energien verwendet werden oder beim Übergang zum Ausstieg aus dem fossilen Zeitalter helfen, hängt stark davon ab, wie sich der Markt für Grüne Gase entwickelt.
Quellen: Jörn Schaar, Andrea Rehmsmeier, Günter Hetzke, dpa, Reuters, AFP, pto