Dienstag, 07. Februar 2023

Unabhängigkeit von Russland
Was kann LNG leisten?

Deutschland soll mit flüssigem Gas (LNG) unabhängiger von russischen Gas-Importen werden. Der Bau von LNG-Terminals geht mit Hochdruck voran – zwei sind bereits fertig und wurden eröffnet. Umweltschützer warnen vor neuen Abhängigkeiten.

21.01.2023

    Technische Anlagen und ein Kran stehen auf dem Anleger für das LNG-Terminal in der Nordsee vor Wilhelmshaven. Der erste Anleger für Flüssigerdgas (LNG) in Deutschland ist fertiggestellt und am Dienstag eröffnet worden. In rund einem Monat soll ein beladenes Spezialschiff, eine sogenannte schwimmende Speicher- und Regasifizierungsanlage (FSRU), an dem Landungsplatz anlegen.
    In Wilhelmshaven wurde das erste schwimmende LNG-Terminal Deutschlands eingeweiht (picture alliance / Hauke-Christian Dittrich)
    Seit Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine arbeitet die Bundesregierung daran, die deutsche Wirtschaft unabhängig von russischem Gas und Öl zu machen. Im Eiltempo hat sie den Bau von Hafenanlagen, an denen LNG (liquefied natural gas), also flüssiges Gas, entladen werden kann, vorangetrieben. Das soll vorwiegend aus den USA, Nord- und Westafrika und dem Nahen Osten kommen.
    Katar gab am 29. November 2022 bekannt, dass ab 2026 jährlich mindestens zwei Millionen Tonnen Flüssiggas per Schiff geliefert werden. Flüssiggas kam bislang nur über Terminals in Belgien, Frankreich und den Niederlanden in Deutschland an.
    Am 17. Dezember 2022 wurde das erste deutsche schwimmende Importterminal für Flüssigerdgas (LNG) in Anwesenheit von Spitzenpolitikern der Bundesregierung in Wilhelmshaven eröffnet. Mittlerweile sind weitere Standorte hinzugekommen: Lubmin in Mecklenburg-Vorpommern ist bereits eröffnet, im schleswig-holsteinischen Brunsbüttel steht das nächste schwimmende Importterminal für Flüssiggas kurz vor der Inbetriebnahme. Eine weitere und somit bundesweit vierte Anlage ist im niedersächsischen Stade geplant und soll im Winter 2023/2024 den Betrieb aufnehmen.

    Was ist LNG?

    Flüssig-Erdgas oder LNG ist Gas, das durch Herunterkühlen auf minus 162 Grad Celsius in einen flüssigen Zustand versetzt wird. Dieser Prozess verbraucht viel Energie: Mindestens zehn Prozent des Brennwertes des verflüssigten Gases werden dafür verbraucht. Das Gas ist dann deutlich verdichtet und kann in großen Mengen in Spezialschiffen transportiert werden.
    Am Zielort kann es entweder in der flüssigen Form als Rohstoff oder Schiffstreibstoff verwendet werden. Oder es wird wieder in den gasförmigen Zustand versetzt, dann kann es in Pipelines eingespeist werden. Dieser Prozess verbraucht allerdings erneut Energie – und es sind spezielle Terminals nötig, die es in Deutschland zuvor nicht gab.
    Wichtig bei der Bewertung der Ökobilanz ist auch die Herkunft des Gases. Relativ gut schneidet flüssiges Erdgas aus Katar ab, sagt Christian Böttcher vom Umweltbundesamt. Es wird konventionell gewonnen - also ohne Fracking. Beim Fracking wird das Gas mit Hilfe von Chemikalien unter hohem Druck aus dem Gestein gelöst, und das lässt die CO2-Emissionen noch einmal deutlich steigen. Bei Fracking-Gas aus den USA liegen sie dadurch um etwa 60 Prozent höher als bei russischem Erdgas oder bei Flüssigerdgas aus Katar. Besonders schlecht schneidet Gas aus Australien in dieser Beziehung ab.

    Wann könnte das erste Flüssiggas in den neuen Terminals ankommen?

    Im ersten Schritt setzt die Politik auf schwimmende LNG-Terminals. Denn diese können schnell errichtet und in Betrieb genommen werden. Die Bundesregierung will dafür in den kommenden zehn Jahren bis zu drei Milliarden Euro ausgeben.
    Am 17. Dezember 2022 wurde das erste deutsche schwimmende Importterminal für Flüssigerdgas (LNG) in Wilhelmshaven eröffnet. Zwei Tage zuvor hatte bereits die staatlich gecharterte "Höegh Esperanza" als erster LNG-Tanker angelegt. Auf dem Tanker wird der geladene flüssige Brennstoff in Gas umgewandelt, um es dann ins Leitungsnetz einzuspeisen. Die "Höegh Esperanza" war in Spanien mit rund 165.000 Kubikmetern LNG beladen worden, wie Betreiber Uniper mitteilte. Das sei genug, um rund 50.000 bis 80.000 Haushalte für ein Jahr zu versorgen.
    Robert Habeck (Bündnis 90/Die Grünen, l-r), Bundesminister für Wirtschaft und Klimaschutz, Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) und Christian Lindner (FDP), Bundesfinanzminister, stehen vor dem Spezialschiff «Hoegh Esperanza» während der Eröffnung des LNG-Terminals in Wilhelmshaven.
    Eröffnung des LNG-Terminals in Wilhelmshaven: Robert Habeck, Olaf Scholz und Christian Lindner vor dem Spezialschiff "Hoegh Esperanza" (picture alliance / Michael Sohn)
    Der niedersächsische Wirtschaftsminister Olaf Lies (SPD) will noch ein zweites Terminal in der Stadt am Jadebusen ansiedeln: Wilhelmshaven II soll Ende 2023 starten, vorerst ebenfalls als Schwimmterminal.
    Im schleswig-holsteinischen Brunsbüttel steht das nächste schwimmende Importterminal für Flüssiggas kurz vor der Inbetriebnahme. Das dazugehörige Spezialschiff legte am 20.01.2023 im Elbehafen an und kann Flüssigerdgas von Tankern aufnehmen und es noch an Bord in Gas umwandeln.
    Arbeiter bauen Gas-Pipelines für den geplanten LNG Flüssiggas-Schwimmterminal zusammen. Das Schwimmterminal soll noch in diesem Jahr seine Arbeit aufnehmen. Der erste LNG-Tanker soll Ende Dezember in Brunsbüttel festmachen.
    LNG-Flüssiggas-Schwimmterminal in Brunsbüttel im Bau (picture alliance/ Marcus Brandt)
    Ein privatwirtschaftliches Projekt in Lubmin hat - anfangs nur im Rahmen eines Tests und seit dem 14. Januar 2023 auch offiziell - ebenfalls den Betrieb aufgenommen. Vom Antrag bis zur Fertigstellung hatte es ungefähr ein halbes Jahr gedauert. Das Regasifizierungsschiff "Neptune" im Lubminer Hafen arbeitet seitdem im Dauerbetrieb unter Volllasst. Bis zu 5,2 Milliarden Kubikmeter sollen pro Jahr ins deutsche Energienetz eingespeist werden – das macht etwa fünf Prozent des Energiebedarfs aus. Dennoch ist Lubmin nur als Übergangslösung geplant, erklärte Manuela Schwesig, Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern. Schon in „naher Zukunft“ solle der Standort „komplett aus erneuerbaren Energien viele Teile von Deutschland und Europa“ versorgen.
    In der Ostseehafenstadt kommen auch die deutsch-russischen Gasleitungen Nord Stream 1 und 2 an.
    In Stade hatte ein privates Konsortium bereits vor dem Krieg Russlands gegen die Ukraine angefangen, eine stationäre Anlage in der Nähe des Chemieparks mit dem US-Konzern Dow vorzubereiten. Ende 2023 soll dort aber erst einmal eine schwimmende Plattform starten. Jährlich sollen fünf Milliarden Kubikmeter Erdgas umgeschlagen werden. Das entspreche sechs Prozent des deutschen Gasverbrauchs, teilte die niedersächsische Hafengesellschaft mit. Die schwimmende Anlage soll so lange genutzt werden, bis die stationäre mit einer höheren Kapazität drei Jahre später ihre Arbeit aufnimmt.
    Die Bundesregierung hatte im Jahr 2022 diverse regulative Hürden abgebaut. Mit den Stimmen der Ampel-Koalition beschloss der Bundestag im Mai 2022 ein Gesetz zur Beschleunigung des Einsatzes verflüssigten Erdgases. Konkret sollen Genehmigungsbehörden vorübergehend bestimmte Anforderungen, etwa bei der Umweltverträglichkeitsprüfung, unter speziellen Bedingungen aussetzen dürfen. Das Gesetz gilt für schwimmende und landgebundene LNG-Importterminals. Für beide Varianten ist spezielle Infrastruktur nötig, sie müssen etwa an das Erdgasleitungsnetz angeschlossen werden, zum Teil sind auch Anpassungen von Hafenanlagen notwendig.
    Neben Stade sind auch weitere stationäre LNG-Terminals in Planung. So konkretisieren sich Pläne des Landes Niedersachsen für den Bau eines festen Importterminals in Wilhelmshaven. Bis diese betriebsfertig sind, dürften allerdings noch Jahre vergehen.
    Habeck verteidigte im Deutschlandfunk vor der Eröffnung die Nutzung von Flüssigerdgas. Man handele in einer Lage der wirtschaftlichen Not, in der die Gasversorgung sichergestellt werden müsse, sagte Habeck im Deutschlandfunk. Eine Wirtschaft, die klimaneutral werden wolle, müsse auch investieren können. Zudem, so Habeck, könnten und sollen die mobilen Terminals dann wieder entfernt werden, wenn sie nicht mehr benötigt würden.

    Wie viel Unabhängigkeit bringt LNG-Infrastruktur?

    Deutschland hat in den vergangenen Jahren zwischen 80 und 90 Milliarden Kubikmeter Erdgas pro Jahr verbraucht, etwa die Hälfte davon kam bis zum Beginn des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine aus Russland. Im Mai lag der Anteil russischer Importe bei rund 35 Prozent, im August war er nach Zahlen von Eurostat auf zehn Prozent gefallen.
    Grafik über Entwicklung des russischen Anteils an deutschen Erdgasimporten nach Deutschland, begonnen Januar 2021 mit gut 38 Prozent, dann ansteigend bis Spitze 44 Prozent im August 2021, dann erst leicht fallend, Zwischenpeak Mai 2022 bei 37,6 Prozent, danach rapide fallend auf 10 Prozent im August 2022. Quelle: Eurostat. Stand: Oktober 2022
    Entwicklung des russischen Anteils an deutschen Erdgasimporten nach Deutschland (Eurostat)
    Die schwimmenden Importterminals verfügen jeweils über eine Kapazität von neun bis zehn Milliarden Kubikmeter pro Jahr. Deutschland könnte die russischen Lieferungen also mit wenigen Terminal kompensieren. Vorausgesetzt, es wird auch genug LNG über Schiffe angeliefert.
    Um Lieferungen zu sichern, hat Wirtschaftsminister Habeck im März eine Energiepartnerschaft mit Katar abgeschlossen. Das kleine Land am persischen Golf ist einer der größten Exporteure von LNG weltweit. Auch aus den USA könnte LNG geliefert werden, dort wird Erdgas allerdings auch mit dem Fracking-Verfahren gefördert, das für die Umwelt verheerende Folgen hat. Auch mit LNG-Terminals wäre Deutschland also weiter auf Lieferungen angewiesen und doch weniger abhängig. Denn für flüssiges Gas gibt es einen großen Weltmarkt und viele exportierende Länder.
    Bundeskanzler Olaf Scholz rechnet nach eigenen Worten damit, dass die Gasversorgung Deutschlands auch im Winter 2023/24 gesichert ist. Der Kanzler kündigte an, den Bau neuer LNG-Terminals auch im kommenden Jahr vorantreiben zu wollen. Und er hofft auf weitere Lieferverträge.
    Statt auf eigene Terminals zu setzen, könnte Deutschland stärker auf die Terminals seiner Nachbarländer setzen. In der europäischen Union gibt es bereits weit über 30 LNG-Terminals, und diese Anlagen waren im März 2022 nur zu 40 Prozent ausgelastet. Über das gut ausgebaute europäische Gasnetz könnte dann das bereits regasifizierte Erdgas nach Deutschland strömen.

    Was sagen Klima- und Umweltschützer zu den Plänen?

    Umweltverbände üben heftige Kritik an den LNG-Planungen. Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) sprach Anfang April von der "Planung von Überkapazitäten" bei LNG-Importterminals und forderte Wirtschaftsminister Habeck auf, "den angeblichen Bedarf für die Terminals endlich mit konkreten Zahlen zu belegen". Die DUH verweist dabei auch auf die Einschätzung des Forschungsinstituts DIW, dass feste LNG-Terminals in Deutschland "wegen der langen Bauzeiten und dem mittelfristig stark rückläufigen Erdgasbedarf nicht sinnvoll" seien. Stattdessen solle auf die Terminal-Kapazitäten in EU-Nachbarländern zurückgegriffen werden.
    Auch das New Climate Institute hält elf geplante LNG-Terminals mit einer Gesamtkapazität von rund 73 Milliarden Kubikmetern für "massiv überdimensioniert". Schon jetzt könne Deutschland ohne neue Terminals mehr Erdgas bekommen, als in diesem Jahr verbraucht werde, erklärte das Institut aus Köln Anfang Dezember 2022 in einer Studie.

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    "Die Pläne für neue LNG-Terminals schießen an der Küste wie Pilze aus dem Boden", sagte DUH-Bundesgeschäftsführer Sascha Müller-Kraenner. Deutschland dürfe sich durch die Terminals nicht wieder "in eine fossile Falle" begeben, "die neue Abhängigkeiten schafft und die Klimaziele in Gefahr bringt". DUH-Energieexperte Constantin Zerger fügte hinzu: "Wir laufen Gefahr, nur den Dealer zu tauschen: Anstatt konsequent auf Energieeinsparung und Erneuerbare zu setzen, schlittern wir in die nächste fossile Abhängigkeit." Es müsse dringend verhindert werden, dass Fracking-Gas als LNG importiert werde.
    Auch die Standorte der geplanten Terminals sind aus Sicht der DUH problematisch: "Alle drei geplanten Vorhaben sollen in unmittelbarer Nähe zu energieintensiven petrochemischen Industrieparks entstehen."
    Jörg-Andreas Krüger, Präsident des Naturschutzbunds Deutschland (Nabu), kritisiert, dass die Genehmigungsverfahren für LNG-Terminals verkürzt werden sollen: "Wir bewegen uns in Nordsee und Wattenmeer in extrem sensiblen Ökosystemen und im Weltnaturerbe. Statt in großer Eile über potenzielle Schäden für die Umwelt hinwegzugehen, sollten Umweltrisiken bei der Planung berücksichtigt werden."

    Welche Rolle spielt Wasserstoff zukünftig beim Thema LNG?

    Ein Argument der Befürworter der LNG-Infrastrukur ist, dass diese zukünftig auch für verflüssigte Bio-Gase, beispielsweise aus landwirtschaftlichen Überresten, oder auch für Wasserstoff genutzt werden könnte. Diese sogenannten Grünen Gase haben teilweise die gleiche Zusammensetzung wie fossiles Erdgas und könnten von den neuen Anlagen ebenso leicht verarbeitet werden. Für einen Import von Wasserstoff müsste das Terminal zwar umgerüstet werden, technisch ist das aber möglich.
    Ob die LNG-Terminals langfristig zur Nutzung fossiler Energien verwendet werden oder beim Übergang zum Ausstieg aus dem fossilen Zeitalter helfen, hängt stark davon ab, wie sich der Markt für Grüne Gase entwickelt.
    Quellen: Onlineredaktion, Jörn Schaar, Andrea Rehmsmeier, Georg Ehring, Günter Hetzke, Frank Grotelüschen, dpa, Reuters, AFP, NDR