Mittwoch, 08. Dezember 2021

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Sager: Plagiatoren geht es um "Titelhuberei"

Plagiatoren ginge es mehr um den gesellschaftlichen Status eines Doktors als um den Nachweis, dass man in der Lage sei, selbstständig wissenschaftlich zu arbeiten, kritisiert Krista Sager, forschungspolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag.

Krista Sager im Gespräch mit Ulrike Burgwinkel | 14.07.2011

Ulrike Burgwinkel: Dieses Thema beschäftigt uns schon lange hier bei "Campus & Karriere", und das wird es wohl auch noch weiterhin tun: Der Doktortitel, gekauft, geschenkt, zu Unrecht erworben, aberkannt. Guttenberg, Koch-Mehrin und Chatzimarkakis haben es schon hinter sich, Althusmann und Mathiopoulos noch vor sich. Und das sind nur die Promi-Plagiatoren beziehungsweise des Abschreibens Verdächtigte – sozusagen die Spitze des Eisbergs. An vier weiteren Unis werden derzeit weitere Fälle geprüft. Das schadet dem Ansehen – sowohl der Wissenschaft als auch der Politik. Krista Sager ist forschungspolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag, hat also mit beiden Geschädigten zu tun. Guten Tag nach Hamburg!

Krista Sager: Guten Tag, Frau Burgwinkel!

Burgwinkel: Frau Sager, was schlagen Sie denn zur Schadensbegrenzung vor?

Sager: Es ist klar: Die Universitäten und die Wissenschaftsorganisationen müssen mehr tun, um sich vor Täuschung zu schützen. Das ist sozusagen erst mal die Basisarbeit, und dazu haben wir jetzt auch im Bundestag einige Anregungen zur weiteren Diskussion gemacht. Dazu gehört, dass man mehr externe Gutachter einbezieht, dass man sich mit der Plagiatssoftware ausstattet, dass man schon früh im Studium die Sensibilität schürt dafür, wie wichtig das für die Wissenschaft ist, dass hier wirklich mit ehrlichen Methoden gearbeitet wird. Ich glaube aber, wir brauchen in Deutschland auch eine Diskussion, ob es der Wissenschaft nicht eigentlich gut tun würde, wenn man diesen akademischen Grad stärker auf das konzentriert, was er ist, nämlich wirklich ein Qualifikationsnachweis dafür dass man in der Lage ist, selbstständig wissenschaftlich zu arbeiten. Weil man erkennt ja an den Promifällen, dass hier doch offensichtlich auch Leute unterwegs sind, die zu unlauteren Methoden greifen, weil es ihnen eher um den gesellschaftlichen Status geht, dass da auch so etwas wie eine Titelhuberei dahinter steht. Und wir haben einige deutsche Besonderheiten, die das wahrscheinlich auch noch mit befördern, die international auch schon etwas merkwürdig wirken. Das ist zum Beispiel, dass der Doktorgrad in den Personalausweis eingeführt wird in Deutschland. Das gibt es international sonst eigentlich nur in Österreich.

Burgwinkel: Ja, und warum muss in Deutschland dann auch dieser Doktortitel auf die Visitenkarte? Da muss man ja auch mal fragen!

Sager: Da würde ich sagen: was jemand auf seine Visitenkarte schreibt, das kann er sich ja selber aussuchen, da kann er ja seinen Diplom-Ingenieur eintragen, da kann er seinen Meister eintragen, da kann er sein CEO eintragen – also alles, was man glaubt, was einem vielleicht gesellschaftlich zugute kommt; Bürgermeister a. D., das kann man ja alles auf seine Visitenkarte schreiben. Aber dass der Eindruck erweckt wird, es ginge hier sozusagen um einen Namensbestandteil, und es sei sozusagen schon ganz offiziell und gesetzlich daraus ein besonderer gesellschaftlicher Status abzuleiten, das halte ich für eine deutsche Sonder- und Fehlentwicklung. Und das sollte man infrage stellen. Und interessant ist ja auch, dass 2007 die damalige Bundesregierung schon mal einen Vorstoß gemacht hat, das abzuschaffen, und dann kamen aber Widerstände aus Bayern, aus der CDU/CSU-Fraktion, und dann wurde das im Bundestag gekippt!

Burgwinkel: Da muss das aber jetzt schleunigst wieder vorgebracht werden, dieses Anliegen!

Sager: Also, ich glaube, dass man das in der Tat noch mal aufgreifen sollte, ob das nicht ein Beitrag sein könnte – natürlich nicht der einzige Beitrag, das ist ja ganz selbstverständlich, aber vielleicht ein kleiner Beitrag. Sie müssen einfach sehen, wir bewegen uns hier im Bereich der Konventionen und nicht eines Namensbestandteils. Und es gibt ja viele Möglichkeiten, sich auch Verdienste gesellschaftlich zu erwerben, die auch nicht im Personalausweis erscheinen. Der CEO, der muss ja auch was leisten, aber der taucht auch nicht im Personalausweis auf, und man sagt auch nicht Herr Meister Sowieso! Höchstens vielleicht so ein bisschen im personellen, nachbarschaftlichen Gebrauch, dass man vielleicht mal sagt: Herr Lehrer oder Herr Pastor. Aber das taucht alles nicht so auf, dass man denkt, dass Menschen jetzt anfangen, unlautere Methoden anzuwenden, um sich dann mit falschen Graden und Titeln auszustatten. Und das scheint mir, wenn man alleine sieht, was für ein Geschäft immer noch die sogenannten Promotionsberater sind in Deutschland, dann merkt man doch, dass dort einiges schiefläuft.

Burgwinkel: Vielen Dank für das Gespräch!

Sager: Sehr gerne!

Burgwinkel: Das war Krista Sager, forschungspolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag.


Die Äußerungen unserer Gesprächspartner geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.